Die Möglichkeiten des menschlichen Bewusstseins, individuell und kollektiv, am Ende des Anthropozän, inklusive seiner Auslagerungen in der Geschichte der Menschheit

Ich unterscheide beim Bewusstsein des homo sapiens, individuell wie kollektiv, drei Möglichkeiten (Potenzen), die lebenslang kommunikativ vom Mutterleib bis zur Mündigkeit und zum Tod des Individuums gelernt werden.

Diese Fähigkeiten können und müssen unterschieden werden, auch wenn sie sich im Alltag mischen und sich in der Geschichte der Menschheit in unterschiedlichem Maß entwickelt haben.

Ich nenne diese Entwicklung eine Geschichte der Auslagerungen der Bewusstseinspotenzen, von der Schrift und der Zeichnung, vom Buch, von der Bibliothek und vom Handwerk bis zur Maschine, vom Automaten bis zu den Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz (AI).

Zusammengefaßt besteht die Fähigkeit und Leistung des menschlichen Bewusstseins darin, Probleme erfolgreich und dauerhaft zu lösen und Fehlentwicklungen zu korrigieren. Daher steht dieser andauernde Problemlösungsprozess unter der Dynamik des Vorläufigen.

Er ist als Kommunikations- und Lernprozess (mit Fortschritt und Rückschritt) zu beschreiben.

Diese Prozesse verlaufen nicht naturhaft ab (im Sinne der Evolution des Lebens auf dem Planeten Erde), sondern in der Verantwortung der Menschen, individuell wie kollektiv. Diese Prozesse haben sowohl zu Zerstörung, als auch zum Fortschritt geführt. Sie können sogar zur Vernichtung der Menschheit führen. Das Handeln der Menschen schließt Mißbrauch (Verantwortungslosigkeit) und Verbrechen ein.

Die Handlungsfreiheit des Menschen ist gegeben, aber sie ist begrenzt: die Menschheit kann sich vernichten, aber nicht erlösen. Problemlösen bleibt also – trotz der Möglichkeiten der heutigen AI – eine Daueraufgabe, eine Verpflichtung.

Daher kann Hannah Arendt (1958) sagen, dass der Mensch ein sterblicher Schöpfer ist und daraus die Konsequenz ziehen: „Um die Welt gegen die Sterblichkeit ihrer Schöpfer und Bewohner im Sein zu halten, muss sie dauernd neu eingerenkt werden.“

Um die Dialektik der Handlungsfreiheit des homo sapiens zu verstehen, kehre ich in meiner Argumentation zu den drei Potenzen des menschlichen Bewusstseins zurück:

(1) Wahrnehmen, erinnern, planen, rekonstruieren;

auf der Grundlage aenigmatischen Erkennens; umgesetzt in begreifende Sprache, logische Struktur, mathematische Sprache.

(2) Phantasieren, träumen; in erzählender Sprache; religiöse Sprachspiele.

(3) Geistesgegenwärtig handeln, entscheiden, urteilen, verantworten; Geistesgegenwart erfahren, Erlösung als Utopie denken.

Die Möglichkeit der Geistesgegenwart hat zwei spezifische Eigenschaften: sie ist notwendig subjektiv, sie kann nicht ausgelagert werden; sie muss „bewusst“ verantwortet werden. Zwar kann (und muss zur Fehlervermeidung) die Kontrolle einer Problemlösung ausgelagert werden, aber das Urteilen bleibt eine Entscheidung des individuellen Bewusstseins. Epikie kann nicht ausgelagert werden.

Auch ist Geistesgegenwart keine Leistung, sondern eine Erfahrung, die Erkenntnis voraussetzt und Selbstbewusstsein (Mündigkeit). Daher kann Erlösung – die Hoffnung auf die befreiende Lösung aller Probleme – (nur) als Geschenk oder Gabe erfahren werden. Erlösung ist als Utopie (jenseits von Raum und Zeit) denkbar und als Überzeugung lebbar.

Ich sehe im lebenslangen Lernprozess des homo sapiens drei dominante Denk- und Handlungsweisen:

(1) seine Probleme im Alltag, in der Gesellschaft und in der Wissenschaft erfolgreich und dauerhaft (d.h. wiederholbar) lösen zu können;

(2) sich selbstbewusst und frei entscheiden zu können; das ist die Voraussetzung für verantwortliches Handeln und gerechtes Urteilen;

(3) frei und überzeugt – im Sinne einer kairologischen Erfahrung – die Utopie der Erlösung denken zu können.

Die Geistesgegenwart – als höchste Aktivität des menschlichen Bewusstseins – besteht also darin, gerecht urteilen zu können; und überzeugt zu sein, dass Erlösung möglich ist. Überzeugungen sind keine Leistungen, sondern geschenkte Erfahrungen. Daher kann Erlösung nur als Utopie gedacht werden.

Über diese Struktur des menschlichen Bewusstseins nachzudenken, ist Aufgabe der philosophischen Anthropologie.

Die Möglichkeit, so nachzudenken, wurde in der Geschichte der Philosophie oft geleugnet (Problem der Willensfreiheit), ist aber notwendige Voraussetzung für

mündige, aufgeklärte Menschen und demokratische Gesellschaften, die die Menschenrechte achten.

Diese Freiheit muss stets gesichert werden, denn Missbrauch ist möglich und real in der Geschichte der Menschheit. Selbst die Vernichtung der Menschheit – durch eigenen Missbrauch ist denkbar – im Gegensatz zur Selbsterlösung. Die Menschheit kann sich nicht selbst erlösen.

Denn es bleibt eine Illusion, aus eigener Leistung auf das Paradies zu hoffen, sei es im Himmel (innerhalb der theozentrischen Weltanschauung), oder auf der Erde (innerhalb der säkularisierten Weltanschauung).

Aber die Utopie der Erlösung aus und in Erfahrung bleibt.

Der Mensch als Individuum kann von dieser Utopie überzeugt sein, er kann sie bezeugen. Am Anfang dieser Überzeugung ist Schweigen, es bleibt das „Bekenntnis“.

Es bleibt ein „beredtes Schweigen“ (sprachlich ein Oxymoron).

Mehr kann ich als Philosoph nicht aussagen. Als überzeugter Christ kann ich die messianische Utopie der Erlösung bekennen.

p.s. Leider ist das deutsche Wort „glauben“ oder „Glaube“ missverständlich. Die lateinische Sprache unterscheidet korrekt zwischen „putare“ (meinen, fürwahrhalten) und „credere“ (überzeugt sein).

Aufklärende Erinnerung an den messianischen Ursprung des Christentums: Erlösung denken

Diese Überschrift enthält eine sprachliche Verdoppelung: dem hebräischen messias entspricht das griechische Wort: christos. Das messianische Denken und die Erwartung des Messias entstammen der Prophetentradition der jüdischen Bibel, gemeinsame Quelle des heutigen Judentums und Christentums.

Schon über zweihundert Jahre vor der (sog.) Zeitenwende gab es – verstreut im Römischen Reich – jüdische Gemeinden, die auf den Tempel (mit der Bundeslade) in Jerusalem orientiert waren und die Bibel auf Griechisch – der damaligen Weltsprache – hören und lesen konnten (die sog. LXX). Schon damals – wie heute nach der Schoah – lebten mehr Juden in der Diaspora als in der römischen Provinz Palästina, bzw. im heutigen Staat Israel.

Zur Zeit der Zeitenwende, also vor über 2000 Jahren bildeten sich jüdische Täufergemeinden, die Jesus aus Nazaret als Messias bezeugten und im Sinne der Verheißung der Propheten damit den „klassischen“ Monotheismus des „Exodus“-Gottes des Volkes Israel aufhoben. Auch diese Überzeugung der „frühen Christen“ hatte eine Vorgeschichte: Nicht nur die erwartete „Gottesherrschaft“ (das „Königtum“ Gottes), sondern die weltweite Ausdehnung der menschlichen Verantwortung für die gesamte Schöpfung, symbolisiert durch den Regenbogen für den „ewigen Bund“ zwischen Gott und Noah – nach dem Ende der Sintflut.

Was bedeutet dieser Rückzug Gottes aus dem Weltgeschehen? Schon unter den Bedingungen des theozentrischen Weltbildes gilt die uneingeschränkte Autonomie des Menschen; seine globale Verantwortung und Verpflichtung, wie sie in den 7 Noachidischen Gesetzen der Talmud zum Ausdruck bringt.

Die jüdischen Gemeinden kennen keine Mission, denn der tribalistische Monotheismus ist aufgehoben; das messianische Denken ist (dank Noah) universal. Ich übersetze diese messianische Botschaft unter den Bedingungen der Aufklärung mit den Begriffen der Autonomie, der Befreiung, der Gleichheit – formuliert als Würde aller Menschen – und der Empathie zueinander.

Diese verpflichtende Aufgabe der Problemlösung steht unter der Dynamik des Vorläufigen und in der Utopie der Erlösung. Die Messias-Frage führt in den ersten Jahrhunderten zur Trennung und Spaltung der jüdischen Täufergemeinden im Römischen Reich. Die Spaltung verstärkt sich nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels (im Jahr 70 n. Chr.) und wird endgültig, nachdem Kaiser Konstantin die frühchristlichen Gemeinden, die Jesus aus Nazaret als Messias bezeugen, als Kirche staatlich anerkannt und angepaßt hat.

Die frühchristlichen Täufergemeinden im Römischen Reich – im 1. und 2. Jahrhundert verstehen und interpretieren die Messias/Christus-Botschaft noch vielfältig und unterschiedlich (und in Konkurrenz). Erst zu Ende des zweiten Jahrhunderts entwickeln sich drei Interpretationen zu einer gemeinsamen Lehre von „Jesus Christus“, bis hin zu den „dogmatischen“ Lehren bzw. Bekenntnis des Konzils von Nizäa (325). Bei dieser Entwicklung ist zu bedenken, dass die Kaiser die „Antreiber“ zu einer einheitlichen Lehre sind und viele Bischöfe bereits Staatsbeamte.

Zuvor hat es eine verbindliche Auswahl der Interpretationen/Zeugnisse gegeben, was es bedeutet, dass Jesus aus Nazaret der Messias/Christus ist: wie ist die „Menschwerdung Gottes“ – sprachlich ein Oxymoron – zu verstehen und zu bezeugen?

Die ausgewählten Spruchsammlungen, Berichte, Sendschreiben und Briefe werden verbindlich (Kanonsammlung) zusammengefügt und bilden das „Neue Testament“ und es entsteht – zusammen mit der hebräischen Bibel, dem Alten Testament, die christliche Bibel. Entscheidend ist, dass die Aussagen des NT auf die hebräische Bibel zurückgreifen und deren Aussagen interpretieren.

Leben und Tod des Jesus aus Nazareth als Messias werden – zusammengefasst – dreifach interpretiert:

° als Anbruch der Gottesherrschaft auf der Erde (das „Königtum Gottes“) in spezieller, unerwarteter Weise; zunächst chronologisch missverstanden (die sog. Naherwartung); zusammengefasst: die Theologie der Synoptiker.

° die Theologie des Johannes: dass Gott die (absolute) Liebe (agape) ist, die die menschliche Furcht austreibt; und von Beginn der Welt an Gott als Dialog, als Gespräch (logos) verstanden werden kann – und am Ende die Erlösung.

°Die Theologie des Paulus aus Tarsus, griechisch sprechender Schriftgelehrter, kein Augenzeuge des historischen Jesus, rückgreifend auf einen kenosis-Hymnus, der die „Entblößung“ und „Erhöhung“ des Messias Jesus bezeugt.

Erst zu Anfang des vierten Jahrhunderts – nach langen Streitereien – werden diese „Theologien“ oder Überzeugungen im „Nizänischen Credo“ zusammengefasst.

Dabei ist zu beachten, was in den 300 Jahren zuvor geschah:

° der Tempel in Jerusalem wurde im Jahr 70 n.Chr. durch Römische Truppen zerstört;

° Weitere Entwicklung jüdischer Gemeinden im Römischen Reich, die den messianischen Anspruch des Jesus aus Nazaret bestreiten und sich von den christlichen Täufergemeinden idelogisch abgrenzen (synagoge-ecclesia);

° nach Duldung und Verfolgung der christlichen Kirche Anerkennung des Christentums als „Staatskirche“ durch Kaiser Konstantin; Bischöfe werden Staatsbeamte;

° konsequente Bekämpfung von häretischen Lehren und verbindliche Formulierung über die „Natur“ Jesu Christi und die „Trinität“ Gottes (Konzil Nizäa 325).

Es bleibt die Frage, ob und wie die Messias-Botschaft der „Menschwerdung Gottes“ mit dem heutigen Weltbild eines einheitlichen Universums und dem Programm der Aufklärung zusammen gedacht werden kann; oder anders gefragt: Kann, und wenn ja, wie die Bedeutung

der Messias-Botschaft in die (existenzielle) Erfahrung aufgeklärter Menschen übersetzt werden?

Die Übersetzung ist möglich und notwendig, da auch nach kirchlich-theologischer Meinung die christliche Bibel keine Wortoffenbarung ist, sondern der Auslegung bedarf. Schon die Predigt des historischen Jesus besteht zum größten Teil aus Interpretationen der hebräischen Bibel (vgl. das Gebot der Nächstenliebe).

Ich beziehe mich bei meinem Versuch der Zusammenschau von Aufklärung und Messianismus auf das Spätwerk des jüdischen Philosophen Hermann Cohen, gestorben 1918, Hochschullehrer in Marburg, sog. „Neukantianer“, der in seiner Religionsphilosophie das messianische Denken der Propheten der Bibel bearbeitet. In seinem Sinne ist auch mein Denkversuch der Übersetzung des trinitarischen Monotheismus:

° die Probleme dieser Welt können und müssen ohne die sog. „Gotteshypothese“ gelöst werden. Diese Einsicht ergibt sich schon aus der Noah-Erzählung und dem ewigen Bundesschluss. Dietrich Bonhoeffer formuliert sie in seinen Gefängnisbriefen. Ich nenne diese Einsicht den „methodischen Atheismus“ – im Gegensatz zu einer atheistischen Weltanschauung.

° Unser heutiges Weltbild kennt nur ein Universum, aber das menschliche Bewusstsein unterscheidet zwischen Erkenntnissen, die chronologisch (in Raum und Zeit) begriffen werden, und existenziellen Erfahrungen, die sich sprachlich in Oxymora ausdrücken lassen. Kierkegaard hat den Unterschied von Erfahrung und Erkenntnis herausgearbeitet. Sprachliche Ausdrücke wie „das beredte Schweigen“, aber auch messianische Sprachspiele wie die „Menschwerdung Gottes“ oder das „Ewige Leben“ oder das „Jüngste Gericht“.

° Die Struktur menschlichen Denken und Handelns ist der lebenslange Lernprozess mit dem Ziel (formal), Erkenntnis und Erfahrung zu gewinnen, um urteilen zu können, und (inhaltlich), Probleme zu lösen.

° Problemlösungen, individuell oder gesellschaftlich, sind vorläufig, d.b. sie müssen überprüfbar und kontrollierbar sein, um verantwortlich bzw. erfolgreich sein zu können; ich spreche daher von der „Dynamik des Vorläufigen“.

° Der innere Antrieb für dieses Ziel ist die Hoffnung auf Erlösung. Sie ist nur als Utopie erfahrbar und beschreibbar; ich spreche von der „Utopie der Erlösung“. Sie ist (einzig) erfahrbar als Aufhebung des Vorläufigen, des Endlichen, der Sterblichkeit der Natur. Als Erfahrung jenseits von Raum und Zeit ist Erlösung als Utopie denkbar.

° Diese Struktur, wie sie sich konkret in der messianischen Zusage der Propheten der hebräischen Bibel zeigt (die Erlösung der Welt), ist als Utopie beschreibbar und mitteilbar (Zeugnis).

° Diese Struktur bedeutet auch, Erlösung kann nicht durch menschliche Arbeit oder Leistung hergestellt oder erzwungen werden; sie ist nur als „Gabe“ (Geschenk) denkbar.

° „Selbsterlösung“ ist zwar als Wort formulierbar, aber im strengen Sinn nicht denkbar, da sinn-los.

Damit ist für mich (im Bereich der Religionsphilosophie) die Grenze meines Denkversuches erreicht. Ob die Theologie des Christentums verständliche und verstehbare Aussagen zur konkreten Utopie der Erlösung vornehmen kann, lasse ich unbeantwortet. Abwehren muss ich alle theologischen Versuche, die Möglichkeiten des menschlichen Bewusstseins – über das utopische Denken hinaus – zu erweitern. Das ist nicht nur sinn-los, sondern für die menschliche Urteilskraft gefährlich.

Es besteht daher – theologisch gesehen – die Gefahr, die durch das Denken der Aufklärung und ihre Religionskritik seit langem analysiert wurde, dass

messianisches Denken in Aberglaube, Zauberei und Massenbetrug umschlagen (Beispiele: Eucharistie(Danksagung) in Kannibalismus, Umkehr(metanoia) in Zauberei).

Mit diesem Denkversuch versuche ich zu zeigen, dass Erlösung gedacht werden kann, als menschliche Erfahrung in der Form der Utopie.

Dr. Jürgen Schmitter M.A.(Philosophie)

Literaturhinweis:

Jürgen Schmitter: Aufklärung unter dem Regenbogen, Münster in Westf. , 2026 (agenda Verlag, 19,90 EUR); erscheint im Frühjahr 2026

Nachtrag: Das Märchen von den Drei Königen aus dem Morgenland (CMB)

Zum 6. Januar 2025: Messianische Orientierung

Gestern haben die Drei Könige, Caspar, Melchior und Balthasar, an meine Haustüre geklingelt, ihren Segensspruch aufgesagt und ihr Markenzeichen (20*C.M.B*25) an den Briefkasten geklebt und ihre Belohnung erhalten: die Spende für den guten Zweck und Schokolade für die Wegzehrung.

Der Haustürbesuch der drei Messdienerinnen ist organisiert und ihr Spruch ist zur Erinnerung auf einem Handy gespeichert. Eines der drei Mädchen vor meiner Haustür blickt verstohlen auf den gespeicherten Text; zwei haben ihn auswendig gelernt, verinnerlicht – eine Bewusstseinsleistung des menschlichen Gehirns.

Ich hatte ihren Besuch schon erwartet, die Wegzehrung vorbereitet und den Geldschein zurecht gelegt. Ob ich auch mit „Karte“ hätte bezahlen können? Ich habe nicht gefragt und mich für den Besuch und Segenswunsch bedankt (Christus Mansionem Benedicat).

Ich erinnere mich an die fabelhafte Geschichte der Magier aus dem Morgenland; den Evangelien nach Matthäus und Lucas aus dem Neuen Testament entnommen, der verbindlichen Interpretation der messianischen Verheißung der hebräischen Bibel. Und ich stelle nüchtern fest: ohne den Kometen hätten die weisen Magier die Krippe mit dem neugeborenen Kind im Stall zu Betlehem nicht gefunden. Sie bedürfen des Sterns auf ihrer Wanderung, ihrem Exodus im Labyrinth des Lebens.

Die Geschichte des Märchens von den Sterndeutern auf der Suche nach dem Geburtsort des Messias und das Wachhalten dieser Erinnerung durch die Sternsinger seit dem Mittelalter gipfelt 1164 in einem politischen Schachzug: der Übertragung der vermeintlichen Reliquien von Mailand nach Köln durch Rainald von Dassel, Erzbischof von Köln und Kanzler von Italien. Dies sicherte Jahrhunderte lang Pilgerfahrten und Einnahmen, den Bau des Kölner Doms, die Erstellung und immerwährende Restaurierung des Drei-König-Reliquienschreins mit seinen Sehschlitzen zur Wahrnehmung anonymer Knochenreste und den literarischen Spott Heinrich Heines in seinem „Wintermärchen“.

Zurück zur Ausgangslegende: der Wegweisung der Messiassucher durch den Kometen. Was bedeutet diese Erkenntnis für die messianische Prophetie der Erlösung?

(1) In diesem Märchen von der erfolgreichen Suche der Magier und ihren königlichen Geschenken (Gold, Weihrauch und Myrrhe) haben alle Elemente ihre aufeinander bezogene Bedeutung, gerade wenn sie nicht zueinander passen: die Suche nach dem König Israels und das Kind in der Krippe; die königlichen Geschenke und die Geburt im Stall außerhalb der Stadt Bethlehem. Doch die Sterndeuter sehen die Weissagung der Bibel erfüllt, während (bei Lukas) die „Hirten auf dem Felde“ sachgemäß informiert werden. Ochs und Esel sind die stummen Zeugen. Eine verrückte Geschichte! Die künstlerische Darstellung der Geburt des Messias zeigt diese Verrücktheit bis auf den heutigen Tag, wenn auch zeitgeschichtlich bedingt.

(2) Ohne Komet wäre die messianische Suche vergeblich gewesen. Zielgerichtete Orientierung ist nicht astronomisch oder kartographisch planbar. Nur Ochs und Esel sind zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

(3) Die junge Familie, intern informiert, hätte ein sicheres Dach über dem Kopf benötigt, einen Palast, was ihr bleibt, ist die Flucht. Der Diasporajude, Schriftgelehrte, Kenner der Septuaginta und philosophisch gebildet, der griechisch sprechende Römische Bürger aus Tarsus in Kleinasien, weiß um diese Verrücktheit, diesen Widerspruch; erfährt und interpretiert diese Situation (als kenosis) und ist daher überzeugt: Erlösung ist keine Herrschaftsideologie, sondern Umkehr des menschlichen Verhaltens und Befreiung. Daher ermahnt er seine Freundinnen und Freunde in den jüdisch-messianischen Täufergemeinden des römischen Reiches: Euer Leben sei ein „vernünftiger Gottesdienst“ (eine latreia logike).

(4) Für einen aufgeklärten Menschen des 21. Jahrhunderts, Juden wie Christen, ist es einleuchtend, die Aufgabe des homo sapiens, gemeinsam Probleme zu lösen, verantwortungsvoll zu realisieren. Im Zentrum dieser Aufgabe steht die Einsicht, dass – jenseits von Raum und Zeit – Erlösung möglich ist. Diese Einsicht ist als Utopie formulierbar.

(5) Im Zentrum der messianischen Prophetie des Christentums steht die Überzeugung, dass Jesus aus Nazaret der Messias ist. Für aufgeklärte Christen steht nicht die Schöpfung im Zentrum, sondern die Erlösung.

Schöpfungsmythen sind Rückerinnerungen, kein chronologischer Anfang; apokalyptische Weltgerichtsvorstellungen sind kein chronologisches Ende.

(6) Aufgeklärte Christen missverstehen daher Schöpfungsmythen und Paradiesvorstellungen nicht als chronologischen Anfang oder Ende. Christen (als Messias-Überzeugte) erwarten weder ein Paradies im Himmel noch auf der Erde. Erlösung ist kein chronologisches, sondern ein kairologisches Ereignis.

Literaturhinweise

  • Schmitter, Jürgen: Vademecum für aufgeklärte Christen und nachdenkende Atheisten. Ein Taschenwörterbuch, Münster in Westf. 2017
  • Schmitter, Jürgen: Aufgeklärter Realismus. Ein Handwörterbuch als Gesprächsgrundlage für Atheisten und Christen, Münster in Westf. 2020
  • Schmitter, Jürgen: Nachdenken aus der Peripherie im Anthropozän. Überlegungen zur Anthropologie der Aufklärung, Münster in Westf. 2023

Notwendige und Sinn-erschließende Übersetzung der Leistungen des menschlichen Bewusstseins vom theozentrischen ins anthropozentrische Weltbild

In einem Weltbild lassen sich die grundsätzlichen Erkenntnismöglichkeiten des menschlichen Bewusstseins in einer jeweiligen Epoche (Weltverständnis) aufzeigen und zusammenfassen. Ich unterscheide die Vorstellungen, Denkmöglichkeiten (Potenzen) und Sprachformen (Sprachspiele) vor und nach der Aufklärung und kennzeichne sie zusammenfassend als theozentrisches und anthropozentrisches Weltbild.

Die Ablösung der Weltbilder lässt sich sowohl historisch als auch strukturell beschreiben. Der Ablösungsprozess verläuft sowohl chronologisch als auch gleichzeitig – in struktureller Konkurrenz – ab.

Im theozentrischen Weltbild (der zwei Wirklichkeiten) sind Theophanie, Apotheose und Adoptionismus vorstellbar und in religiösen Sprachspielen erzählbar. Die Welt der Götter/des Gottes und die Welt der Menschen auf der Erde stehen in einem Abhängigkeitsverhältnis zueinander und werden in vielfältigen Schöpfungsmythen erzählt. Paradieserzählungen stehen oft am Anfang oder werden zukünftig erwartet.

Im anthropozentrischen Weltbild wird die Trennung von Himmel und Erde (und Unterwelt) als Mythos entziffert. Aufgeklärte Menschen halten auf der Basis dieser Welterkenntnis Paradiesvorstellungen (sowohl im Himmel wie auf der Erde) für eine erklärbare Illusion.

Die Frage ist: Bleibt dem aufgeklärten homo sapiens am Ende des Anthropozän nur der allgemeine Pantheismus oder eine vielfältige Form des Atheismus als mögliche Weltanschauung? Meine Antwort ist: Nein!

Zumindest die hebräische Bibel – als Grunddokument von Judentum und Christentum – und ihre griechische Übersetzung (LXX) kennen das Messianische Denken; die Propheten erwarten den Messias als (konkrete) Utopie in vielfältigen apokalyptischen (und damit chronologisch erzählten) Sprachspielen. Die Zeit/Wiederkehr des Messias/Christus ist nahe (als Naherwartung oder in kairologischer Erfahrung – jenseits von Raum und Zeit. In dieser Utopie ist Erlösung universal denkbar, konkret vorstellbar und überzeugend (als Credo/Glaube) mitteilbar.

Ich behaupte, auch für aufgeklärte Menschen – nicht nur aufgeklärte Juden und Christen – ist Erlösung denkbar. Das bedeutet: Atheismus muss keine Weltanschauung sein, sondern auf die „Gotteshypothese“ (so Bonhoeffer) beim Lösen von Problemen im Alltag, in der Gesellschaft und in der Wissenschaft kann verzichtet werde. Ich spreche daher vom „methodischen Atheismus“.

Da alles Problem-Lösen vorläufig ist (Provisorium und Antizipation zugleich), kann und muss Erlösung im heutigen Bewusstsein der Menschen mitgedacht werden. In das anthropozentrische Weltverständnis übersetzt, bedeutet das: Erlösung (konkret: der Erlöser) kann kairologisch erfahren und mitgeteilt werden: als Befreiung und Umkehr.

Für aufgeklärte Christen ist die Botschaft des Messias Jesus aus Nazaret maßgebend (dokumentiert in den „Evangelien“ des Neuen Testamentes als Explikation der prophetischen Verheißungen) und es gilt der kategorische Imperativ des exil-jüdischen Schriftgelehrten Paulus aus Tarsus: „Euer Leben sei ein ‚vernünftiger Gottesdienst‘“ (eine griech. latreia logiké).

p.s.

Chronologisch erzählte Messias-Erwartungen müssen in kairologisch erfahrene Befreiung übersetzt werden.

Gerade habe ich gelesen:

(1) Daniel Boyarin, Die jüdischen Evangelien. Die Geschichte des jüdischen Christus, Würzburg 2015, Judentum, Christentum, Islam. Interreligiöse Studien, Bd. 12 (übersetzt aus dem Amerikan., New York 2012)

Vom Bewusstsein und der Überzeugung aufgeklärter Menschen am Ende des Anthropozän

Auf einem Kalenderblatt des Monats September fand ich den Spruch: „Gläubige brauchen keine Erklärung, Ungläubigen hilft keine Erklärung“. Diese Aussage, vom Kalender als „Sprichwort“ gekennzeichnet, ist doppelt unsinnig.

Ohne die Möglichkeit und Notwendigkeit zu erklären, werden aus Gläubigen Abergläubige, Wundergläubige oder Spinner; und aus Ungläubigen werden Ideologen, Weltanschauungsatheisten oder Kritiker aus Prinzip.

Wer überzeugt ist, zweifelt aus Einsicht, ohne zu verzweifeln. Überzeugend ist nur der, der seine Überzeugung erklären kann, auch wenn im Einzelfall seine Argumentation sprachlicher Oxymora bedarf.

Der alltägliche Gebrauch des deutschen Wortes „glauben“ ist mehrdeutig und mehr als missverständlich. Die Differenz von credere und putare im Lateinischen geht verloren oder der Gebrauch wird missbraucht.

Daher sind mir alltägliche wie verfremdete religiöse Sprachspiele höchst verdächtig, sofern sie nichts (er-)klären, sondern nur behaupten. Sie sind sinn-los. Nur wer argumentiert, kann überzeugen.

Daher weisen aufgeklärte Menschen, Christen, Muslime wie Atheisten, die Anfrage: Was glaubst Du? zurück und entgegnen mit der Rückfrage, was mit dem Wort „glauben“ gemeint sei: unerklärtes, ungeklärtes, unerklärbares „meinen“ oder eine argumentativ begründete Überzeugung, die den Zweifel einschließt.

Überzeugungen werden im Gespräch verstehbar: sie entsprechen dem „beredten Schweigen“ (Oxymoron), sie klären auf, indem sie zwischen chronologischen Vorstellungen und kairologischen Erfahrungen unterscheiden.

Wer die Kunst der Unterscheidung leugnet, bleibt im Labyrinth des Aberglaubens und der Magie gefangen. Wer zu unterscheiden weiss, wer zu argumentieren vermag, der weiss um die Dynamik des Vorläufigen – beim Wahrnehmen wie Erkennen.

Die Potenz des menschlichen Bewusstseins, (alltägliche wie wissenschaftliche) Probleme zu lösen, ist vorläufig (provisorisch) wie vorausschauend (antizipativ) zugleich.

Ich differenziere zwischen drei Möglichkeiten (Potenzen) des Bewusstseins zu denken: das begreifende Denken, das poetische Denken (auch erzählendes Denken) und das utopische Denken.

Dem entsprechen drei verschiedene Sprachspiele: das logische Sprachspiel (auch mathematisches Sprachspiel), die erzählende Sprache (Poesie) und das utopische Sprachspiel (kairologische Erfahrungen jenseits von Raum, Zeit und Vergänglichkeit – im Gegensatz zu chronologischer Wahrnehmung bzw. Erkenntnis).

Wahrnehmen und Erkennen des homo sapiens am Ende des Anthropozän

sind aenigmatisch strukturiert („videmus nunc per speculum in aenigmate“, Ad Cor.I, 13, Paulus aus Tarsus, jüdischer Schriftgelehrte und griechisch sprechender antiker christlicher Philosoph).

 

Dr. Jürgen Schmitter M.A. Metelen, am 21. November 2023

Anthropologie der Aufklärung: Exposé meiner Argumentation (Münster 2023)

Grundlage und Ziel meines Projektes: Aufklärung zu Ende denken

Seit langem versuchen Religionsphilosophie – und auch die Soziologie der Religion das Verhältnis von Profanem und Heiligem und den vermeintlichen Ursprung von beiden zu klären. Demgegenüber hinterfragt mein Projekt der Aufklärung diese Dualität und entwickelt die Möglichkeiten – ich spreche auch von Potenzen – eines einheitlichen menschlichen Bewusstseins – individuell wie sozial/geschichtlich – von Wahrnehmung, (aenigmatischer) Erkenntnis, Projektion und Utopie. Ich beschreibe in einer Theorie des Aufgeklärten Realismus diese Potenzen (oder Leistungen) dieses Bewusstseins am Ende des Anthropozän. „Anthropologie der Aufklärung: Exposé meiner Argumentation (Münster 2023)“ weiterlesen

Der Holzweg ist keine Lösung

Holzwege sind nicht die Lösung des Problems der Erlösung. Holzwege sind spezielle Irrwege im Labyrinth des menschlichen Lebens. Irrwege sind Umwege, die nicht aufgeben, das erhoffte Ziel zu erreichen. Auf dem Umweg wird das Ziel nicht geleugnet, nicht vergessen oder sogar aufgegeben, sondern – bei aller Anstrengung – die Zielorientierung bleibt erhalten. Sie gibt dem Mäandern im Feld des Lebens Sinn. Demgegenüber ist die Aussage, der Weg sei schon das Ziel, sinnlos.

Ich verstehe diese Zielorientierung als die Dynamik des Vorläufigen in allem alltäglichen, gesellschaftlichen und forschendem Problemlösen. Die Struktur des Lösens von Problemen – das zeigt sich sowohl bei den Lösungswegen, als auch bei den Lösungen – ist provisorisch und antizipativ zugleich.

Daher ist auch der Holzweg eine spezielle Form des Umweges, den zu gehen, Mut, Anstrengung und Ausdauer verlangt. Insbesondere verlangt dieses Gehen, mit dem Zweifel umzugehen, ohne zu verzweifeln, und bereit zu sein, umzukehren. Denn der Holzweg ist eine Sackgasse. Er verlangt Umkehr – um im Bild zu bleiben: damit das geschlagene Holz aus dem Wald entfernt und entsorgt werden kann.

Das messianische Denken versteht das menschliche Leben als Bewegung in einem labyrinthartigen Feld. Der Ausgang – die Lösung bzw. Erlösung – ist existenziell erfahrbar, aber nicht erzwingbar oder begreifbar. Diese Erfahrung beginnt mit dem Schweigen, kann als konkrete Utopie beschrieben und in Oxymora erzählt werden.

Zum Reformationstag 2022: Im Anfang war das Gepräch – sermo oder verbum?

Evangelium secundum Johannem. Prologus 1,1-18:

Hieronymus/Vulgata (nach 383):

In principio erat Verbum et Verbum erat apud Deum, et Deus erat Verbum.

… Et Verbum caro factum est et habitavit in nobis.

Zürcher Bibel (2007):

Im Anfang war das Wort, der Logos und der Logos war bei Gott. … Und das Wort, der Logos, wurde Fleisch und wohnte unter uns.

Martin Luther (1545):

Im Anfang war das Wort und das Wort war bey Gott. … Und das Wort ward Fleisch und wonet unter uns.

Der primäre Sinn der Sprache liegt im Mit-teilen, nicht im Benennen. Das Benennen dessen, was ist oder nicht ist, ergibt sich aus dem Ziel des Mitteilens, Wirksamkeit, Klarheit oder Eindeutigkeit herzustellen. Im Anfang war das Gespräch (nicht zwingend chronologisch gemeint), nicht das Wort. Auch deswegen übersetzt Erasmus von Rotterdam (vor 1496 – 1536) vorsichtig – und nur in einigen Varianten des Neuen Testamentes den griechischen Begriff logos (aus dem Prolog des Evangeliums nach Johannes) mit sermo und nicht mit verbum.

Ich versuche, die oben zitierten zwei Verse unter den Bedingungen heutiger Sprache und unter den Bedingungen des anthropologischen Weltverständnisses zu übersetzen:

Grundlage dessen, was ist und was nicht ist, ist dialogischer Struktur und daher (nur) im Gespräch sinn-voll mitteilbar. Dieser grundlegende Sinn wurde durch einen Menschen in Praxis und Gespräch konkret mitteilbar; als konkrete Utopie der Erlösung durch Verhalten und Dialog des Messias Jesus aus Nazaret erfahr- und erzählbar.

Die Mitteilbarkeit der Erlösung (als unerzwingbare und unbegreifbare Grundlage alles Problemlösens), also Erlösung als konkrete Utopie (im religiösen Sprachspiel: Offenbarung) hat die sprachliche Struktur eines Dialoges, nicht eines Dogmas. Dogmen grenzen bestenfalls gegen Fehldeutungen oder Missverständnisse ab; der Dialog will und kann überzeugen.

In der jüdischen JHW-Erfahrung ist GOTT primär kein transzendenter Schöpfergott (der Schöpfungsmythos ist sekundär), sondern JHW steht im dauernden Dialog, in der dauernden Auseinandersetzung mit seinem Volk; es geht um Orientierung und Umkehr im Exodus.

Die lateinische Übersetzung „verbum“ für logos steht in der Gefahr, die dialogische Struktur der Logos-Aussage zu übersehen und in die – situativ notwendige, aber nicht ausreichende – Engführung dogmatischer Aussagen zu führen.

Dies hat der spracherfahrene Humanist Erasmus sicher erkannt und auch deshalb übersetzt er griech. logos mit lat. sermo. Aber Erasmus ist auch vorsichtig, denn er weiß, dass es sich bei der Übersetzung in „verbum“ nicht nur um die Reflexion eines „Kirchenvaters“ im vierten Jahrhundert handelt, sondern auch um den sakrosankten Vulgata-Text, der auf dem späteren Trienter Konzil nochmals als Offenbarungstext fixiert wurde.

Ich vermute, Martin Luther kannte die Übersetzungsvariante bei seiner Arbeit auf der Wartburg, aber sie entsprach weder seiner offenbarungstheologischen Auffassung, noch seiner Frömmigkeitspraxis; er konnte logos nicht mit sermo/Gespräch übersetzen.

Luther war kein Humanist und Erasmus wurde post mortem kirchlicherseits verdammt: seine Schriften wurden auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt. Aber im Zeitalter der Aufklärung unter den Bedingungen des anthropologischen Weltbildes muss und kann über die Übersetzung des Erasmus von Rotterdam nachgedacht und ihr Sinn erkannt werden: „im Anfang war das Gespräch, der Dialog, der Logos.“

Ein fatales Missverständnis: Die Differenz zwischen messianischem Bekenntnis und kirchlicher Institution

In einem Gastkommentar der NZZ (13. August 2022) behauptet der ehemalige Generalvikar des Bistums Chur, Martin Grichting, dass der „Synodale Weg“ der römisch-katholischen Kirche in Deutschland ein „Irrweg“ sei, der zu einer (weiteren) Kirchenspaltung führe, so dass sich schon jetzt zwei Bekenntnisse gegenüberstehen. Dabei greift er auf die Erfahrungen der Schweizer Landeskirchen zurück.

Dabei ist für mich klar: Die Praxis wie Legitimation der römisch-katholischen Kirche – als aktuelle Situation einer lang andauernden Ideologie- und Kriminalgeschichte – verlangen unwiderruflich eine rechtliche wie institutionelle Erneuerung. Diese notwendige Reform – übrigens ein Postulat der „ecclesia semper reformanda“ – führt nicht (weder praktisch noch zwingend) zu einem „abgeschwächten“ oder „liberalisierten Bekenntnis“. Sondern im umgekehrten Sinn gilt: das sachgemäße messianische Bekenntnis und seine konsequente und uneingeschränkte Übersetzung (in Theorie und Praxis) erzwingen die Reform der Institution Kirche.

Vordemokratische Macht- und Entscheidungsstrukturen sowie überholte Formen des „Staatskirchentums“ sowie überholte Formen bürokratischer Prachtgestaltung (mit dogmatischen Engführungen des 19. Jahrhunderts) sind ersatzlos abzuschaffen. Dabei sind bezüglich der römisch-katholischen Kirche als weltweiter Organisation die (ebenfalls) weltweit unterschiedlichen Gesellschaftsstrukturen und staatlichen Machtverhältnisse zu beachten, um die Unabhängigkeit wie Wirksamkeit der Kirche – im Interesse der Menschen – herzustellen bzw. zu sichern. So bedürfen der erst historisch spät durchgesetzte Pflichtzölibat und die überholten (der Gegenreformation geschuldeten) Beichtpraktiken, um nur zwei Beispiele zu nennen, dringend der Reform, weil sie die frühchristlichen Bekenntnisse des Christentums verunklaren und das messianische Bekenntnis aller Christen in den Hintergrund drängen, ja verdecken.

Eine entscheidende Aufgabe aller christlichen Kirchen, die sich nicht in Sekten verwandelt haben, bleibt es, das frühchristliche Bekenntnis bis hin zu den verbindlichen „Glaubensbekenntnissen“ („Credo“) in Theorie und Praxis so zu übersetzen, dass das Christentum in der heutigen Welt glaubwürdig bleibt.

Wird der Mangel an Glaubwürdigkeit erkannt, ist die Reform der Institution „Kirche“ überfällig. Dies gilt insbesondere – in der katholischen Kirche in Deutschland – für unaufgearbeitete Missbräuche gegenüber den getauften Mitgliedern, angesichts verordneter Unmündigkeit und politischer Abhängigkeit durch weitergeltende Praktiken des überholten „Staatskirchentums“.

Das messianische Credo der ersten Christen und ihrer Gemeinschaften kann nur unverfälscht erhalten bleiben – ich wiederhole, wenn es in Theorie und Praxis glaubwürdig übersetzt wird, ohne verfälscht oder relativiert zu werden. Das bedeutet auch, es von dogmatischen Engführungen der letzten Jahrhunderte zu befreien, um den Ursprung der Messias-Botschaft zu erhalten und um zu „verstehen“, was „Erlösung“ im 21. Jahrhundert bedeuten kann und muss.

Wer die derzeitige Herrschaftsstruktur der römisch-katholischen Kirche in Frage stellt und im Interesse der Glaubwürdigkeit dieser Institution verändern will und muss, der relativiert nicht die Überzeugung, dass Jesus aus Nazaret der Messias ist, der die Welt erlöst, sondern befreit dieses 2000 Jahre alte Bekenntnis von falschen, missverstandenen Vorstellungen.

Die Übersetzungstreue gegenüber dem jüdischen Messianismus und der kenosis-Überzeugung kann – meiner Überlegung nach – so weit gehen, dass der (methodische) Atheismus als eine Grundlage für das Lösen von Problemen in der heutigen Zeit akzeptiert werden kann. Daher kann der heute lebende homo sapiens Christ sein; im Sinne der konkreten Utopie der Erlösung der Welt.

Die von mir geforderte Übersetzungstreue der messianischen Botschaft, wie sie z.B. in den synoptischen Evangelien durch die spezielle „basileia tou theou“-Verkündung erklärt wird oder von Paulus aus Kleinasien in seiner kenosis-Theologie entwickelt wird oder in den Bekenntnissen der frühen Konzilien („Credo“) formuliert wird, muss einerseits das Abgleiten in Formen des Aberglaubens verhindern, andererseits das Weltverständnis der Aufklärung (von Kant bis Freud) beachten.

Ein gutes Beispiel für die Abwehr von Missverständnissen bezüglich der Kreuzes- und Opfer-Theologie ist meine Argumentation zum Verständnis des Kreuzes in meinem Buch: „Nachdenken aus der Peripherie des Anthropozän. Anhang“, Münster 2023. Die messianische Botschaft kann auch im anthropozentrischen Weltbild sachgemäß gedeutet und erzählt werden.

Missverständnisse bezüglich des utopischen Denkens

Das utopische Denken ist keine Strategie zur Durchsetzung der Demokratisierung der Gesellschaft oder der allgemeinen Anerkennung und Durchsetzung der Menschenwürde. Nur auf der Basis eines aufgeklärten Realismus können Friedensordnungen durchgesetzt werden und Gesellschaften bestehen, die die Menschenrechte achten und die Risiken der Zerstörung und Vernichtung minimieren: vom Gesundheitsschutz über den Naturschutz bis zum Menschenschutz. Risikominimierung in diesem Sinn ist eine ständige Verpflichtung unter dem (kategorischen) Imperativ, die Menschenwürde zu achten.

Paradiesvorstellungen sind demgegenüber eine gefährliche Illusion. Ich nenne zwei Beispiele: ein verrücktes und ein zeitgemäßes. Meine Zielvorstellung für ein menschenwürdiges Leben sind weder die (scheinbare) Selbstverständlichkeit goldener Wasserhähne – wie in der Utopia-Vorstellung des Thomas Morus, die dort eine zivilisationskritische Funktion hat –, noch eine phantasierte Erde ohne Eingriff der Naturgewalt.

Dies klingt verrückt und meine Aussage bedarf der Klärung, um nicht missverstanden zu werden: Ich wünsche mir kein Paradies auf Erden und kein Ende der „natürlichen“ Evolution. Das erstere wollen Menschen nicht, wenn sie „aufgeklärt“ sind (im Sinne des homo praestans); das weitere können sie nicht, wenn sie aufgeklärte Realisten sind. Die mögliche Selbstzerstörung der Erde ist der Grenzfall, der die Evolutionsgesetze des Kosmos unberührt lässt.

Zunächst kläre ich, warum ich irrige Zielvorstellungen ablehne:

(1) Die Geschichte der goldenen Wasserhähne ist in der Utopia des Thomas Morus nachzulesen, geschrieben in England im Jahr 1517.

In diesem erfundenen Inselstaat bestehen die Instrumente der Wasserversorgung aus Gold, weil dieses Metall für die Inselbewohner seinen spezifischen Wert verlieren soll.

Der Hintergrund dieser Episode wird deutlich: die Faszination des Goldes/des Geldes wird hinterfragt; in diesem fiktiven Paradies ist es wertlos. Die utopische Vorstellung ist eine Kritik an den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen.

Ich hoffe, es ist einsichtig, dass ich in einem solchen paradiesischen Utopie-Staat nicht leben will. Denn zu einem menschenwürdigen Leben gehört es, ausreichend sauberes Wasser für alle Menschen zu haben. Der Gebrauchswert des Wassers und seine Zufuhr sind entscheidend und nicht der Tauschwert der Ware „Wasser aus goldenen Hähnen“.

(2) In der notwendigen Diskussion um ausreichenden und wirksamen Naturschutz wird oft suggeriert, der Mensch könne die Gewalt und Entwicklung der Naturkräfte in seinem „Wohnraum“, der Erde, abschaffen. Das ist „natürlich“ eine Illusion.

Der Mensch kann sich wirksam vor den Naturkräften auf der Erde schützen und die Natur vor der Zerstörung bzw. vor dem Missbrauch bewahren – mit der möglichen Konsequenz der Selbstzerstörung (z.B. durch selbstverschuldete Erderwärmung).

Das menschliche Bewusstsein kann sehr wohl zwischen durch Menschen erzeugte Katastrophen und kosmischen Veränderungen, die der natürlichen Evolution und ihren Gesetzen entsprechen, unterscheiden und sachgemäß reagieren.

Naturschutz ist aus menschlicher Sicht immer auch Überlebensschutz. Hannah Arendts Aussage, dass der Mensch ein „sterblicher Schöpfer“ sei, bezieht sich meiner Überzeugung nach nicht nur auf die Sterblichkeit der Individuen, sondern auch auf seine Stellung im Universum.

Was bedeutet diese Erkenntnis für das utopische Denken?

Das utopische Denken – als Bewusstseinserweiterung – beendet nicht – im chronologischen Sinne – die Entwicklung des Universums, deren Gesetzmäßigkeiten im Detail noch erforscht werden (z.B. durch die Theorie der „schwarzen Löcher“), und beendet auch nicht die Entwicklung des Lebens auf den Planeten (auch wenn der „homo sapiens“ eine Endform des Lebens auf der Erde darstellen sollte).

Das utopische Denken – so meine begründete Überzeugung – ermöglicht dem menschlichen Bewusstsein – im kairologischen Sinn – Erlösung zu denken und Befreiung – im Sinne der Menschenwürde für alle Menschen durchzusetzen.

Im religiösen Sprachspiel des messianischen Denkens bedeutet diese Möglichkeit – unter den Bedingungen des aufgeklärten Realismus – für menschliches Bewusstsein am Ende des Anthropozän, Erlösung in Form einer konkreten Utopie zu denken und diese existenzielle Erfahrung – kairologisch, nicht chronologisch in Befreiung und Empathie umzusetzen – und davon – im Sprachspiel der Oxymora – zu erzählen.