Als aufgeklärter Mensch erwarte ich Geistesgegenwart des menschlichen Bewusstseins in der Endzeit des Anthropozän. Daher fordere ich grundsätzlich für alles Lösen von Problemen in Wissenschaft und Gesellschaft weltweit Realismus statt Dogmatik oder Verängstigung.
Diese Verhaltensweisen im Denken und Handeln des homo sapiens rechtfertigen sich durch Weltanschauungen ideologischer Art: religiöse Glaubenssysteme, den Atheismus (als Weltanschauung), den Naturalismus (als Ableitung der Evolutionstheorie) oder alle Spielarten des Konstruktivismus, der alles relativiert (im Sinne des „anything goes“).
Demgegenüber schlage ich – als Philosoph – vor: eine realistische Denk- und Handlungsweise, Probleme im Alltag, in der Gesellschaft und Wissenschaft zu lösen, in der Dynamik des Vorläufigen.
In diesem Programm der Aufklärung verstehe ich Atheismus als Methode, unterziehe ich alle Metaphysik und Religion der Kritik, und denke – auf spezifische Art des Bewusstseins – die Utopie der Erlösung.
Als Christ entspricht diese Denkweise dem messianischen Denken. Daher kann ich als aufgeklärter Christ methodischer Atheist sein; als erfahrungs-wissenschaftlich arbeitender Mensch die Evolutionstheorie benutzen und meine Reflexionsprozesse als aenigmatisches Erkennen kennzeichnen.
Was bedeutet in diesem Zusammenhang der Begriff „Geistesgegenwart“, den ich – im theologischen Kontext – von Eugen Biser kenne (Geistesgegenwart. Das mystische Fortleben Jesu). Im Folgenden beantworte ich die Frage: Wann und wie ist der heutige homo sapiens geistesgegenwärtig?
Und vorab nenne ich schon eine Konsequenz: Geistesgegenwart vertreibt Zukunftsangst.
Ein mündiger Mensch ist geistesgegenwärtig, wenn er die Konzentration seiner Bewusstseinspotenzen mit der Dynamik des Vorläufigen und der Utopie der Erlösung verbindet.
Ich nenne dieses Verhalten zuversichtlich, da es Ängstlichkeit und Hoffnungslosigkeit vertreibt.
Geistesgegenwart (presence d’esprit) bedeutet zunächst die Konzentration des menschlichen Bewusstseins jm heutigen Endstadium des Anthropozän auf und mit all seinen Möglichkeiten (Potenzen):
- durch die Sinne sich selbst und die Umwelt wahrzunehmen;
- sich umfassend zu erinnern;
- die entwickelte Fähigkeit, Probleme sachgemäß zu erkennen und zu lösen.
Diese schöpferische Tätigkeit ist geprägt und begrenzt durch Vorläufigkeit und Sterblichkeit, sowohl des einzelnen Menschen, als auch der gemeinsamen Resultate.
Dass alles Problemlösen vorläufig und zugleich dynamisch – im Sinne des spezifisch menschlichen Fortschritts – ist, erlaubt, ja erzwingt die kontinuierliche Korrektur der Methoden und Resultate. Wird die Überprüfung unterlassen, unterdrückt oder vergessen, geraten die aenigmatischen Erkenntnisse und Problemlösungen in dogmatische Engführung und in interessengebundene Ideologie. In Bezug auf existenzielle Erfahrungen in kairologischer Form besteht die Gefahr, in Aberglaube und Sinnlosigkeit bzw, in Massenbetrug umzuschlagen. Es bleibt Aufgabe des Programms der Aufklärung, Engführung und Missbrauch aufzudecken.
Konkret bedeutet das
- die kritische Analyse jeder metaphysischen Konstruktion;
- Kritik der Religion, sofern sie auf Projektion und Aberglaube beruht und die notwendige „Entmythologisierung“ unterbleibt;
- Kritik jeder Weltanschauung, insbesondere des Naturalismus oder der grundsätzlichen Relativierung der Wahrheitsfrage (Kritik der Beliebigkeit).
Demgegenüber plädiere ich
- für eine realistische, wenn auch aenigmatische Erkenntnistheorie;
- für die Verantwortung der Menschen für alles Problemlösen;
- für die sinnvolle, nützliche, regulierte „Auslagerung“ der Bewusstseins-Potenzen von Bild, Buch, Bibliothek über die maschinelle Produktion und Automation bis zur Künstlichen Intelligenz (AI).
Nur so kann der Missbrauch der Bewusstseinspotenzen bis zur Zerstörung der Natur, aus der die Menschen stammen und an die sie leiblich gebunden sind, verhindert werden; wie auch die Selbstzerstörung der Menschheit.
Selbstzerstörung ist möglich, Selbsterlösung eine Wahnvorstellung. Was bleibt – im Programm der Aufklärung – ist die Überzeugung der Utopie der Erlösung.
Der aufgeklärte, mündige Mensch, der seinen Verstand gebraucht und vernünftig nachdenkt, kann Erlösung denken, nicht als Eigenleistung, sondern als Utopie – in der Form eines Geschenks, Das messianische Denken der Propheten der hebräischen Bibel realisiert diese Utopie.
Die Grundsätze der Aufklärung, also die kritische Analyse aller Weltanschauungen (nicht Weltbilder: die ergeben sich aus dem jeweiligen Erkenntnisstand und bilden eine Geschichte des Fortschritts) und das grundlegende Postulat der Mündigkeit und Verantwortung widersprechen also nicht dem messianischen Denken – in Form der Utopie der Erlösung, sondern ergänzen sich (ich behaupte: notwendigerweise). Das ist mein Denkergebnis des Nachdenkens, also philosophischer Reflexion.
Das bedeutet auch: Gottesleugnungen wie Gottesvorstellungen als Weltanschauungen unterliegen der Kritik und bleiben sinn-los, jedoch ist Erlösung – als Ziel aller Problemlösungen – eben als Utopie jenseits von Raum und Zeit – denkbar und damit für den homo sapiens existenziell erfahrbar.
Ich versuche zu zeigen – in Erinnerung an Kierkegaard und andere – , dass „Erlösung als Utopie zu denken“ eine spezielle Möglichkeit des menschlichen Bewusstseins ist. Anders formuliert: Kairologisches Denken ist eine Form menschlichen Bewusstseins „auf der Grenze zur Sprachlosigkeit“; denn menschliche Kommunikation bleibt raum- und zeitgebunden.
Ich wiederhole: Erlösung als Utopie ist denkbar – und damit existenziell erfahrbar.
Für einen aufgeklärten Menschen, auch Christen, bedeutet das: jede erlernte oder übernommene Weltanschauung bedarf der kritischen Überprüfung; dies gilt auch und insbesondere für die jeweilige Religion, die auf der Basis des jeweiligen Weltbildes erzählt und als „Glaubenslehre“ mitgeteilt wird.
Ein geistesgegenwärtiges Bewusstsein umfasst – in einem lebenslangen Lernprozess – nicht nur den Zuwachs an Erkenntnis und Problemlösung sowie Erinnerung, sondern partizipiert am Fortschritt der ausgelagerten Potenzen bis hin zum heutigen Gebrauch von Künstlicher Intelligenz.
Dieser Lernprozess kann und muss individuell und gesellschaftlich verantwortet werden, indem Erlösung – als Ziel und Grund aller Problemlösung konkret bezeugt wird.
Geistesgegenwart in diesem Sinn vertreibt die Angst, schafft Selbstvertrauen ohne Hybris und hält den Menschen in der Zuversicht.
