Kommunikation statt Prostitution, Erasmus statt Luther, Regenbogen statt Paradies

Drei konkrete, ungewohnte, vielleicht für mich typisch zugespitzte Fragen und meine Antworten zum Nachdenken

Vorbemerkung: die folgende Erörterung kann zur Gesprächseröffnung mit Zeitgenossinnen und Zeitgenossen an Ende des Anthropozän von Nutzen sein: über die Frage oder das Problem, was ein „aufgeklärter“ Mensch sei, und was es bedeutet, im Sinne der Europäischen Aufklärung, „mündig“ zu sein und nicht durch eine Weltanschauung dogmatisch fixiert.

Frage (1)

Welche Berufsgruppe ist für die Entwicklung der Menschheit, ihren spezifischen Fortschritt, entscheidend: die der Hebammen oder die der Prostituierten?

Ich antworte: die der Geburtshelferinnen und Geburtshelfer, also die der Hebamme.

Frage (2)

Welche Übersetzung (oder Übertragung) des Wortes „logos“ aus dem ersten Satz des Evangeliums nach Johannes – aus dem sog. Neuen Testament der christlichen Bibel – ist sinnvoller: Wort (verbum) oder Gespräch (sermo)? In der Kurzform der Autoren: Luther( in der Nachfolge von Hieronymus und der Vulgata) oder Erasmus von Rotterdam?

Ich antworte:

Erasmus, der lateinisch schrieb: sermo.

Frage (3)

Was ist für die Gegenwart und Zukunft der Menschheit relevant: der Traum vom Paradies, sei es im Himmel oder auf der Erde, oder ein menschenwürdiges und empathisches Leben auf der Erde – gemäß der 7 Gebote des „ewigen“ Bundes mit Noah? Also in der Kurzformel ausgesprochen: Paradies oder Regenbogen?

Ich antworte: Denken und Handeln unter dem Regenbogen.

Im Folgenden werde ich meine Antworten auflösen. Am Ende meiner Argumentation soll sich klären,

was einen aufgeklärten Menschen kennzeichnet, sei er

Christ, Marxist oder Atheist.

Zu Frage und Antwort (1)

Schon die frühe Geschichte des homo sapiens lebt von der gemeinsamen Unterstützung und dem Erfahrungsaustausch in der Menschengruppe. Ich nenne diese Zusammenarbeit zwischen Mütter und Ammen die frühe Form der Kommunikation. Die Aufzucht der Nachkommenschaft ist ein kommunikativer Lernprozess, der im Mutterleib beginnt und sich in der Menschengruppe fortsetzt. So werden die Probleme des Lebens und Überlebens gemeinsam gelöst, die Potenzen des menschlichen Bewusstseins entwickelt und zum gemeinsamen erfolgreichen Gebrauch durch Sprache in Schrift, Bild und Buch „ausgelagert“. Diese ausgelagerte Erinnerung bedarf eines verantwortungsvollen Umgangs, um Fehler zu korrigieren, aber auch erfolgreich fortzuschreiten.

Ich spreche in diesem Zusammenhang von der

„Dynamik des Vorläufigen“, die die Spezifik des menschlichen Fortschritts ausmacht (und nicht mit dem Prozess der biologischen Evolution verwechselt werden darf).

Dieser Fortschritt kann verzögert werden oder in Rückschritt umschlagen; die Verantwortung liegt bei den mündigen Menschen, die ihre Würde gegenseitig anerkennen und Empathie (Menschenfreundlichkeit) zur Grundlage ihres Verhaltens machen; d.h. Mündigkeit erlernen.

Empathie darf nicht mit Sympathie (zu Verwandten und Freunden) verwechselt werden. Empathie ist die Grundlage – schon am Lagerfeuer der ersten Menschen. Sie zu missachten oder weltanschaulich einzugrenzen, ist verantwortungslos.

Demgegenüber den Menschen als Ware zu missbrauchen, die gekauft und verkauft wird, ist menschenunwürdig, auch wenn es aus Notlage oder religiöser Überhöhung geschieht.

Der aufgeklärte Mensch kann sich von der Zwangslage der Entfremdung in einer Waren-Gesellschaft (das ist die ideologische Weltanschauung des Kapitalismus) befreien, wenn er die Überzeugung der Utopie der Erlösung realisiert; d.h. sowohl die Illusion der Paradiesvorstellungen, als auch die Beliebigkeit seines Denkens und Handelns verwirft.

Zu Frage und Antwort (2)

Wer schon auf der Wartburg in Thüringen war, kennt die Studierstube Martin Luthers, in der er während seiner Schutzhaft das Neue Testament ins Deutsche übersetzte. Ich unterstelle, er benutzte dazu die kurze Zeit vorher von Erasmus von Rotterdam editierten griechischen Urtexte und kannte auch die von Erasmus vorgenommenen Übersetzungen ins Lateinische. In einigen „Übertragungen“ wird der Begriff „logos“ nicht mit „verbum“, sondern mit „sermo“ übersetzt. Dem schließt sich Luther nicht an, sondern bleibt bei der deutschen Aussage:“Im Anfang war das Wort.“

Wenn ich die Theologie des Johannes-Evangeliums korrekt im Sinne des Messianismus interpretiere, dann beginnt die Welt-Geschichte schon mit der kommunikativen Struktur des Göttlichen – und dies läßt sich sinnvoll innerhalb eines säkularen Weltbildes übertragen.

Erasmus, Humanist und bis zu seinem Tode katholischer Priester, der sein Amt als Pfarrer nie ausgeübt hat, begraben im Münster des protestantisch gewordenen Kantons Basel, war vorsichtig in der Übertragung von „verbum“ in „sermo“. Nicht in allen Übersetzungen, die er für „logos“ vornahm, findet sich „sermo“; aber ich unterstelle, er war im Denken seiner Zeit voraus, während Luther am Dogma des Wortes festhielt.

Zu Frage und Antwort (3)

Die hebräische Bibel kennt nicht nur die Exodus-Geschichte des Volkes Israel, sondern die Welt-Geschichte und die Welt-Verantwortung, die mit dem Bund Noachs nach der Sintflut beginnt. Symbol dieses „ewigen“ Bundes ist der Regenbogen; und im jüdischen Talmud werden die Normen dieser weltweiten Verantwortung entwickelt: die sieben Gebote, die für alle Menschen gelten – unter dem Symbol des „Bogens“.

Meine drei Antworten sollen aufgeklärten Christen und Juden zeigen, dass sie eine ursprüngliche, aus ihrem Gottesverständnis selbst entstammende Weltsicht und Weltverantwortung haben. Ihre Normen der Menschenwürde, der Menschenliebe (Empathie) und der Herstellung von Gerechtigkeit und Friede gelten nicht exklusiv, sondern weltweit und für alle Menschen.

Aufgeklärte Christen am Ende des Anthropozän sind befreit, sind „erlöst“, diese Normen mit allen Menschen „guten Willens“ durchzusetzen – unter dem Zeichen des Regenbogens.