Die Möglichkeiten des menschlichen Bewusstseins, individuell und kollektiv, am Ende des Anthropozän, inklusive seiner Auslagerungen in der Geschichte der Menschheit

Ich unterscheide beim Bewusstsein des homo sapiens, individuell wie kollektiv, drei Möglichkeiten (Potenzen), die lebenslang kommunikativ vom Mutterleib bis zur Mündigkeit und zum Tod des Individuums gelernt werden.

Diese Fähigkeiten können und müssen unterschieden werden, auch wenn sie sich im Alltag mischen und sich in der Geschichte der Menschheit in unterschiedlichem Maß entwickelt haben.

Ich nenne diese Entwicklung eine Geschichte der Auslagerungen der Bewusstseinspotenzen, von der Schrift und der Zeichnung, vom Buch, von der Bibliothek und vom Handwerk bis zur Maschine, vom Automaten bis zu den Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz (AI).

Zusammengefaßt besteht die Fähigkeit und Leistung des menschlichen Bewusstseins darin, Probleme erfolgreich und dauerhaft zu lösen und Fehlentwicklungen zu korrigieren. Daher steht dieser andauernde Problemlösungsprozess unter der Dynamik des Vorläufigen.

Er ist als Kommunikations- und Lernprozess (mit Fortschritt und Rückschritt) zu beschreiben.

Diese Prozesse verlaufen nicht naturhaft ab (im Sinne der Evolution des Lebens auf dem Planeten Erde), sondern in der Verantwortung der Menschen, individuell wie kollektiv. Diese Prozesse haben sowohl zu Zerstörung, als auch zum Fortschritt geführt. Sie können sogar zur Vernichtung der Menschheit führen. Das Handeln der Menschen schließt Mißbrauch (Verantwortungslosigkeit) und Verbrechen ein.

Die Handlungsfreiheit des Menschen ist gegeben, aber sie ist begrenzt: die Menschheit kann sich vernichten, aber nicht erlösen. Problemlösen bleibt also – trotz der Möglichkeiten der heutigen AI – eine Daueraufgabe, eine Verpflichtung.

Daher kann Hannah Arendt (1958) sagen, dass der Mensch ein sterblicher Schöpfer ist und daraus die Konsequenz ziehen: „Um die Welt gegen die Sterblichkeit ihrer Schöpfer und Bewohner im Sein zu halten, muss sie dauernd neu eingerenkt werden.“

Um die Dialektik der Handlungsfreiheit des homo sapiens zu verstehen, kehre ich in meiner Argumentation zu den drei Potenzen des menschlichen Bewusstseins zurück:

(1) Wahrnehmen, erinnern, planen, rekonstruieren;

auf der Grundlage aenigmatischen Erkennens; umgesetzt in begreifende Sprache, logische Struktur, mathematische Sprache.

(2) Phantasieren, träumen; in erzählender Sprache; religiöse Sprachspiele.

(3) Geistesgegenwärtig handeln, entscheiden, urteilen, verantworten; Geistesgegenwart erfahren, Erlösung als Utopie denken.

Die Möglichkeit der Geistesgegenwart hat zwei spezifische Eigenschaften: sie ist notwendig subjektiv, sie kann nicht ausgelagert werden; sie muss „bewusst“ verantwortet werden. Zwar kann (und muss zur Fehlervermeidung) die Kontrolle einer Problemlösung ausgelagert werden, aber das Urteilen bleibt eine Entscheidung des individuellen Bewusstseins. Epikie kann nicht ausgelagert werden.

Auch ist Geistesgegenwart keine Leistung, sondern eine Erfahrung, die Erkenntnis voraussetzt und Selbstbewusstsein (Mündigkeit). Daher kann Erlösung – die Hoffnung auf die befreiende Lösung aller Probleme – (nur) als Geschenk oder Gabe erfahren werden. Erlösung ist als Utopie (jenseits von Raum und Zeit) denkbar und als Überzeugung lebbar.

Ich sehe im lebenslangen Lernprozess des homo sapiens drei dominante Denk- und Handlungsweisen:

(1) seine Probleme im Alltag, in der Gesellschaft und in der Wissenschaft erfolgreich und dauerhaft (d.h. wiederholbar) lösen zu können;

(2) sich selbstbewusst und frei entscheiden zu können; das ist die Voraussetzung für verantwortliches Handeln und gerechtes Urteilen;

(3) frei und überzeugt – im Sinne einer kairologischen Erfahrung – die Utopie der Erlösung denken zu können.

Die Geistesgegenwart – als höchste Aktivität des menschlichen Bewusstseins – besteht also darin, gerecht urteilen zu können; und überzeugt zu sein, dass Erlösung möglich ist. Überzeugungen sind keine Leistungen, sondern geschenkte Erfahrungen. Daher kann Erlösung nur als Utopie gedacht werden.

Über diese Struktur des menschlichen Bewusstseins nachzudenken, ist Aufgabe der philosophischen Anthropologie.

Die Möglichkeit, so nachzudenken, wurde in der Geschichte der Philosophie oft geleugnet (Problem der Willensfreiheit), ist aber notwendige Voraussetzung für

mündige, aufgeklärte Menschen und demokratische Gesellschaften, die die Menschenrechte achten.

Diese Freiheit muss stets gesichert werden, denn Missbrauch ist möglich und real in der Geschichte der Menschheit. Selbst die Vernichtung der Menschheit – durch eigenen Missbrauch ist denkbar – im Gegensatz zur Selbsterlösung. Die Menschheit kann sich nicht selbst erlösen.

Denn es bleibt eine Illusion, aus eigener Leistung auf das Paradies zu hoffen, sei es im Himmel (innerhalb der theozentrischen Weltanschauung), oder auf der Erde (innerhalb der säkularisierten Weltanschauung).

Aber die Utopie der Erlösung aus und in Erfahrung bleibt.

Der Mensch als Individuum kann von dieser Utopie überzeugt sein, er kann sie bezeugen. Am Anfang dieser Überzeugung ist Schweigen, es bleibt das „Bekenntnis“.

Es bleibt ein „beredtes Schweigen“ (sprachlich ein Oxymoron).

Mehr kann ich als Philosoph nicht aussagen. Als überzeugter Christ kann ich die messianische Utopie der Erlösung bekennen.

p.s. Leider ist das deutsche Wort „glauben“ oder „Glaube“ missverständlich. Die lateinische Sprache unterscheidet korrekt zwischen „putare“ (meinen, fürwahrhalten) und „credere“ (überzeugt sein).