Was bedeutet strukturell Erlösung in einer Welt ohne Gott?

Über die Differenz zwischen Chronos und Kairos im messianisch-apokalyptischen Denken und die Konsequenzen in einem anthropozentrischen Weltverständnis: methodischer Atheismus und die Utopie der Erlösung

(A) Gliederung mit Thesen

(0) Analyse der Frage: Ist in einer „Welt ohne Gott“ Erlösung denkbar?
Ich antworte mit JA und kläre im Folgenden fünf Voraussetzungen
meiner Grundsatzfrage:

  • der „erlesene“ Hintergrund,
  • ein Irrtum bisheriger Religionskritik: Religion verschwindet nicht,
  • Aufklärung und Übersetzung sind notwendig,
  • die Differenz von Erfahrung und Erkenntnis,
  • Erlösung denken?

(0.1) Der „erlesene“ Hintergrund: Bonhoeffers Widerstand und Ergebung
und Blochs Atheismus im Christentum
(0.2) Sakralität der Person statt Entzauberung der Welt (Zur Position von
Hans Joas)
Religionen können sowohl Hindernis wie Treibmittel kollektiver
Selbstsakralisierung sein. Auch die „Sakralität der Person“ (Joas) ist
ambivalent gegenüber den jeweiligen Machtverhältnissen. Das
Grundrecht auf Menschenwürde muss daher immer wieder
durchgesetzt und ethisch normiert werden.
(0.3) Theorie und Praxis des Christentums bedürfen der Aufklärung und
die christlich/jüdische Botschaft bedarf der Übersetzung
Hannah Arendt fasst das aufgeklärte Menschenverständnis (die
Würde und Autonomie des Menschen; die conditio humana) unter
der Parole zusammen, dass wir „sterbliche Schöpfer“ sind.
(0.4) Zur Differenz von Erfahrung und Erkenntnis im aufgeklärten Denken
Diese Differenz muss bedacht werden, um Ideologisierung und
Verdinglichung jeder religiösen Weltanschauung zu erkennen. Das
gilt auch für Weltanschauungen, die sich atheistisch als Spielarten
von Materialismus oder Naturalismus präsentieren.

(0.5) Erlösung denken?
Nach der Lektüre von Hans-Jürgen Goertz: Bruchstücke radikaler
Theologie heute. Eine Rechenschaft, Göttingen 2010
Was es bedeutet, christliche Theologie heute radikal zu denken, ohne
dies als „Verschwinden der Religion“ misszuverstehen.

(1) Zur Politischen Theologie des Paulus
Gerd Theißen und Petra von Gemünden formulieren: „Paulus wollte
nicht das Christentum begründen. Sein Christentum war ein antikes
messianisches Reformjudentum. Sein Römerbrief wurde aber zu einem
Testament für die ganze Menschheit.“

(2) Chronologischer Prozess oder kairologische Struktur
Die Erlösung der Welt als chronologischen Prozess zu denken, ist unter
den Bedingungen anthropozentrischer Weltvorstellung sinn-los.
Erlösung im Sinne des Messias-Ereignisses hat eine kairologische
Struktur.

(3) Kairologische Struktur als konkrete Utopie
Die Zusage der Erlösung – als Messias-Ereignis – befreit zu
autonomem, verantwortungsvollem Handeln.

(4) Befreiung als ständige Aufgabe im Sinne der conditio humana
Die Erfahrung der Erlösung – als konkreter Utopie – kann nicht erkauft
oder erzwungen werden; aber ohne Arbeit, Verantwortung und
Empathie kann Befreiung nicht gelebt und Erlösung nicht erfahren
werden.

Exkurs (1): Zum Theorie-Praxis-Verhältnis – Problemfall: Muße

Exkurs (2): Tableau der conditio humana

(5) Zur Differenz von Problemlösen und Erlösung
Die Sterblichkeit und Vorläufigkeit des In-der-Welt-Seins in Frage
zu stellen, ist im Lichte der Hoffnung auf Erlösung möglich. Dabei
muss die Struktur der konkreten Utopie beachtet werden, um nicht in
Metaphysik oder Projektion zurückzufallen.

(6) Revision als Metamorphose
Die Utopie der Erlösung ist ort- und zeitlos, aber kann und muss in
der Zeit wirksam werden (als konkrete Utopie erfahrbar).

(7) Gott: ein synsemantischer Ausdruck für Liebe (agape)
„Gott ist Liebe und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und
Gott bleibt in ihm.“ (1 Joh. 4,16)

(8) Orthopraxis statt Orthodoxie
Die Orthopraxis der uneingeschränkten Menschenliebe verbindet
die Christen mit allen Menschen, die sich für Freiheit, Gleichheit
und Gerechtigkeit engagieren.

(9) Zur Vorgeschichte des Atheismus im Christentum
Die theologia negativa hat Selbstdisziplin zur Konsequenz:
Schweigen statt „Gottesgeplapper“.

(10) Metamorphose statt Restitution
– eine Konsequenz aus der kritischen Aufarbeitung
der historischen Täuferbewegung des 16. Jahrhunderts

(11) Prüfung und Umkehr (metanoia) statt Anpassung
– das fiktive Bekenntnis des Heinrich Krechting

(12) Lob der Inkonsequenz
Jede gelebte Orthopraxie ist verbindlich und vorläufig zugleich.
Gegen falsche Konsequenz, die in Terror umschlägt.

(13) Messianisches Denken in einer Welt ohne Gott
In einer Welt ohne Gott ist Erlösung denk- und erfahrbar,
aber nicht (aussagenlogisch) begreifbar.

Exkurs (3): Maximen für einen aufgeklärten Menschen im 21. Jahrhundert,
sein Denken und Handeln, seinen Alltag und Beruf betreffend.

(B) Essay

(0) Analyse der Frage: Ist in einer „Welt ohne Gott“ Erlösung denkbar?

Der mögliche Sinn dieser Grundsatzfrage ergibt sich aus Bedeutung und Kontext der gebrauchten Wörter. Sind es Begriffe oder synsemantische Ausdrücke oder Beschreibungen von Tätigkeiten oder Oxymora?
Die Bedeutung der Wörter ist gebunden an ihren Verwendungszusammenhang und den Deutungs-Horizont, der sich aus der jeweiligen zeitbedingten Weltanschauung, dem Weltbild ergibt. *) Anm.1

Daher scheint die Antwort auf die eingangs gestellte Frage einerseits einfach: NEIN, denn „Erlösung“ ist nur in einem theozentrischen Weltbild
denkbar. In einem anthropozentrischen Weltbild – in einer Welt ohne Gottesvorstellung (welcher Art auch immer) – ist „Erlösung“ (was immer damit gemeint ist) nicht denkbar (wobei „denkbar“ der Definition bedarf).

Das spontane NEIN impliziert eine bestimmte Weltvorstellung. Auf den ersten Blick ist in einem anthropozentrischen Weltverständnis, also in einer „Welt ohne Gott“ die Frage nach Erlösung sinnlos.

Andererseits erwarten die Leserin oder der Leser, dass ich mit JA antworte; sonst würde ich mich nicht mit dieser Frage beschäftigen und meine Antwort aufschreiben. Mein JA bedarf nicht nur der Begründung, sondern zuvor der begrifflichen wie biographischen Explikation:

  • der Hintergrund meiner Argumentation;
  • das Verschwinden der Religion: ein religionskritischer Irrtum;
  • die Notwendigkeit aufzuklären und zu übersetzen;
  • die Differenz von Erfahrung und Erkenntnis;
  • Erlösung denken.

Der philosophisch geschulte Leser (die Leserin) wird bereits jetzt erkennen, dass die Klärung dieser fünf Vorabklärungen zumindest ansatzweise die Begründung der Antwort auf die Gesamtfrage dieses Essays impliziert.

So ist es im Feld der Metareflexion: Wer über die Voraussetzungen des Denkens nachdenkt, denkt bereits nach; also bewegt sich in den Strukturen der Metareflexion. Dennoch ist es sinnvoll, zunächst die fünf Voraussetzungen meiner Grundsatzfrage zu klären; so ist es möglich, meine Argumentationsstruktur offenzulegen, damit sie nachvollzogen und beurteilt werden kann.. Argumente und ihren Strukturzusammenhang offenzulegen, vermeidet logische Denkfehler und die unreflektierte Weitergabe von Vorurteilen.
Es kommt darauf an, Vorurteile nicht zu leugnen (denn dann reduziert sich der Wahrheitsanspruch auf personenbezogene Glaubwürdigkeit), sondern, Vorurteile zu erkennen und ihre Wirkungen zu prüfen.

(0.1) Der „erlesene“ Hintergrund: Bonhoeffers Widerstand und Ergebung und Blochs Atheismus im Christentum.

Während meines Studiums (1968 in Freiburg/Breisgau) habe ich Ernst Blochs Atheismus im Christentum. Zur Religion des Exodus und des Reichs gelesen (Band 14 der Werkausgabe) und (in der Paperback-Ausgabe des Suhrkamp-Verlages) durchgearbeitet. Und – wie es meine Unart ist – habe ich mit schwarzer Tusche den Text kommentiert. Auf dem Titelblatt zitiere ich aus Goethes Faust: „Jeder sonnt sich heute so gern. Sie feiern die Auferstehung des Herrn, denn sie sind selber auferstanden.“ Und ich gebe einen Hinweis: „Hiob, der erste Marxist“. Ich zitiere aus dem entsprechenden 24. Kapitel „Grenze der Geduld, Hiob oder Exodus nicht in, sondern aus der Jachwevorstellung selber, Schärfe des Messianismus“ (Seite 165f):
„Der Auszug aus caesarischer Gottesvorstellung, wie ihn Hiob begann, den Menschen über jede Art von Tyrannei setzend, über die fragwürdige einer Gerechtigkeit von oben, auch über die neu-mythische einer Naturmajestät an sich: dieser Auszug ist nicht auch einer aus dem Auszug selbst. Konträr: gerade der Rebell besitzt Gottvertrauen, ohne an Gott zu glauben; das heißt, er hat Vertrauen auf den spezifischen Jachwe des Exodus aus Ägypten, auch wenn jede mythologische Verdinglichung durchschaut wurde, jeder Herrenreflex nach oben ursächlich aufhört.“
Und zwei Sätze weiter heißt es lapidar: „…doch Hiob ist gerade fromm, indem er nicht glaubt“. Am unteren Rand verweise ich auf „Camus – Revolte – Sartre“ und stelle die Frage: „…oder ist der Vater Jesu im Zeugnis Jesu bereits entideologisiert“?
Beim heutigen Durchlesen bleibt die Hiob-Analyse Blochs zutreffender als die verkürzende und einseitig zugespitzte Formulierung, dass nur ein Atheist ein guter Christ sein kann und ein Christ ein guter Atheist. Aber Bloch liebt auch die Zuspitzung und ich denke über meine damalige Begeisterung dieses 1969 neuen Buches von Ernst Bloch nach; dass Hiob fromm ist, indem er nicht glaubt, das überzeugt mich (in ihrer Dialektik) auch heute.

Wenn ich recht erinnere, kannte ich 1969 bereits das Siebenstern-Taschenbuch Nr.1: Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hrsg.v. Eberhard Bethge. Seine „nicht-religiöse Interpretation der biblischen Begriffe“ (S.176) beschäftigte mich und meine Freundinnen und Freunde. Als Konsequenz der „weltlichen Interpretation“ (S.178) formuliert Bonhoeffer in dem selben Gefängnisbrief vom 16. Juli 1944:
„Gott als moralische, politische, naturwissenschaftliche Arbeitshypothese ist abgeschafft, überwunden; ebenso aber als philosophische und religiöse Arbeitshypothese (Feuerbach!). Es gehört zur intellektuellen Redlichkeit diese Arbeitshypothese fallen zu lassen bzw. sie so weitgehend wie irgend möglich auszuschalten.“ (S.177, zitiert nach der 5.A., München und Hamburg 1968)
Und zwei Absätze weiter heißt es, dass wir nicht redlich sein können, ohne zu erkennen, dass wir in der Welt leben müssen – „etsi deus non daretur“.
Bonhoeffer sieht in dieser Erkenntnis den „entscheidenden Unterschied“ zu allen Religionen. Und er spitzt seine Erkenntnis zu in die Formel eines unaufhebbaren Widerspruchs, eines Oxymoron: „Vor und mit Gott leben wir ohne Gott.“ (S.178)

Zu beachten ist bei der Aussage von Bonhoeffer das „als ob“ (etsi deus non daretur). Die Frage nach der Existenz Gottes wird gleichsam eingeklammert, da in einem anthropologischen Weltverständnis (in einer „Welt ohne Gott“) nicht beantwortbar; als „moralische, politische, naturwissenschaftliche Arbeitshypothese abgeschafft“; in meinem Sprachgebrauch sinn-los.

(0.2) Sakralität der Person statt Entzauberung der Welt (Zur Position von Hans Joas)

Auch in modernen (nachindustriellen) Gesellschaften verschwindet Religion nicht; insofern ist das Konzept von der Entzauberung der Welt durch den historischen Prozess der Säkularisierung zu hinterfragen. Hans Joas setzt sich daher zu Recht mit der geschichtsphilosophischen Konstruktion der „Entzauberung der Welt“ bei Max Weber auseinander.

Hier ist Aufklärung notwendig: nicht mit dem irrigen, empirisch falsifizierten Ziel oder der vermeintlichen Hoffnung, Religion zum Verschwinden zu bringen; sei es, als selbstlaufender oder angetriebener Prozess – sondern mit der notwendigen Reflexion, religiöse Aussagen und Strukturen auf ihren Sinngehalt und ihre historische Entwicklung zu prüfen und gegebenenfalls in nichtreligiöse Sprache wie auch partizipative, demokratische Strukturen zu übersetzen und menschenverbindend und -verbindlich („universalethisch“) zu dokumentieren. *) Anm.2

Die berechtigte Kritik an Max Webers Entzauberungsthese (in „Wissenschaft als Beruf“ 1919), wie sie von Hans Joas enwickelt und veröffentlicht wurde (neuestens: Hans Joas, Die Macht des Heiligen. Eine Alternative zur Geschichte von der Entzauberung, Berlin 2017), verstehe ich nicht als Rehabilitation unaufgeklärter Religion, sondern verweist auf die fortbestehenden Funktionen von religiöser Theorie und Praxis in modernen, bürgerlichen Gesellschaften. Übrigens gelten diese aus der dreifachen Kritik der Aufklärung gewonnenen Funktionen oft auch für die heute vorherrschenden atheistischen Weltanschauungen des Materialismus und Naturalismus. Ich erinnere an die Kritik der Erkenntnis überhaupt (Kritik jeder Metaphysik), Kritik der Religion (Projektionstheorie) und die moderne Sprachkritik (Bedeutungsanalyse und Struktur von Sprachspielen).

Wenn ich Hans Joas recht verstehe, erkennt auch er die ambivalente Funktion von Religion im Verhältnis zu Macht und Gewalt. Religionen (aus achsenzeitlichen Traditionen) können „sowohl Hindernis wie Treibmittel kollektiver Selbstsakralisierung“ sein (Die Macht des Heiligen, S. 485). Joas bescheinigt allen religiösen und säkularen Traditionen ein „beträchtliches Maß an Flexibilität“, „was ihre Anpassung an Machtverhältnisse betrifft“ (ebd.). „Es gilt der „Hegelschen Versuchung“ teleologischer Geschichtsdeutung zu entgehen, ohne dabei zu vergessen, dass die Menschheit eine einzige Geschichte hat.“ (ebd. ohne Fußnoten)

Ich frage mich daher, ob das Bekenntnis zur „Sakralität der Person“ (so Joas), also, wie ich es verstehe, ob das Postulat und die Unterstellung der Menschenwürde für alle, auch zukünftige Menschen in dieser Welt ein quasi religiöser Grundwert ist. Und was bedeutet diese „Flexibilität“ (Joas) oder pointierter formuliert: diese Ambivalenz? Hans Joas gibt in seiner Schrift „Sind die Menschenrechte westlich?“ (München 2015) eine selbstkritische Antwort. *) Anm.3

Ich ziehe aus diesen Überlegungen folgende Konsequenz: Das Grundrecht auf Menschenwürde und die praktische Umsetzung der Menschenrechte insgesamt müssen immer wieder neu durchgesetzt und als Normen verankert werden. Das meint auch Hannah Arendt, wenn sie davon spricht, dass die Welt täglich neu „eingerenkt“ werden muss. (Vortrag 1958, Die Krise der Erziehung) Und ich formuliere noch grundsätzlicher: So wie das christliche Kreuz als Symbol der Erlösung durch den hingerichteten (radikal „entmachteten“) Messias Jesus auch als Zeichen der Macht und Gewalt missbraucht wurde und wird, so ist auch die Würde jedes Menschen (als universaler Grundwert) in der Gefahr, als Legitimation verbrecherischer Praxis, selbst wenn Staaten sich darauf berufen, missbraucht zu werden.

(03) Theorie und Praxis des Christentums bedürfen der Aufklärung und die christlich/jüdische Botschaft bedarf der Übersetzung

Ich plädiere für die Notwendigkeit der Erkenntnis-, Religions- und Sprachkritik auf der Basis des anthropozentrischen Weltbildes. Sie trifft und betrifft auch die Theorie und Praxis der christlichen Kirchen. Ich beschränke mich auf die Geschichte und Gegenwart des Christentums, weil ich mich biografisch und wissenschaftlich in dieser „Religion“ auskenne.

Uneingeschränktes Kritisches Denken und methodischer Zweifel müssen nicht in die Verzweiflung führen, sondern können die Autonomie des Menschen offenlegen, denn die Menschen sind für ihr Denken, Planen und Handeln veranwortlich. Diese Grundannahme – und Postulat zugleich – bedarf der differenzierten Erörterung und Analyse, um Missverständnisse zu vermeiden. Aber sie erzwingt die Manifestation und Durchsetzung der Würde des Menschen durch die Menschenrechte und seine Partizipation an der Macht durch Begrenzung und Demokratisierung.

Hannah Arendt fasst dieses Menschenverständnis (die conditio humana) unter der Parole zusammen, dass wir sterbliche Schöpfer sind. Demgegenüber entlastet Religion – in Form von Überzeugung und (ritueller) Praxis – auf der Basis theozentrischer Weltauffassung – zwar von der Gesamtverantwortung der Menschen für ihre Erde, aber sie legitimiert zugleich Heteronomie und unkontrollierte, undemokratische Machtausübung.

Meine Auffassung ist: die modernen Gesellschaften und die heutigen Wissenschaften wie auch das zeitgemäße Rechtssystem verlangen, um Erkenntnisfortschritt wie demokratische Partizipation und Chancengleichheit zu sichern, den methodischen Atheismus wie erfahrungswissenschaftlich geprüftes Wissen und erfolgreiche Theorien; aber Erkenntnis und Erkenntnisfortschritt sind von existenzieller Erfahrung zu unterscheiden.

Meine Einschätzung ist: Religion, selbst in ihrer unaufgeklärten Form und in ihren religiös-rituellen Praktiken, verschwindet nicht; gerade deshalb bedarf sie der aufklärenden Analyse, um in der Welt des 21. Jahrhunderts glaubwürdig zu bleiben. Das jüdisch-christliche Konzept der Exodus-Erfahrung schafft diese Möglichkeit, hat es doch den Prozess der (historischen) Aufklärung mitbewirkt; auch wenn die Vorstellung einer „evolutionären Aufhebung“ von Religion in eine säkulare Gesellschaft defizitär ist und diese Vorstellung der Korrektur bedarf. *) Anm.4

(04) Zur Differenz von Erkenntnis und Erfahrung im aufgeklärten Denken

Problemlösen geschieht sachgemäß (metatheoretisch bedenkend) in der „Dynamik des Vorläufigen“. Die jeweiligen Lösungen in den gegenwärtigen Problemlösungsprozessen sind im doppelten Sinn vorläufig: provisorisch und antizipativ zugleich. Diese Struktur meine ich, wenn ich von der Differenz von existenzieller Erfahrung (in der Dimension des kairos) und methodischer Erkenntnis (in der Dimension des chronos) spreche.

Probleme müssen und können wir alltäglich (wie auch in vorgedachten und konstruierten Labors) lösen und müssen sie lösen, um zu leben und zu überleben. Aber erlösen können wir uns nicht. Menschliches Leben ist endlich und vergänglich, auch wenn wir es zeitlich verlängern können und uns (unser Gehirn) in zunehmendem Maß entlasten können und müssen, um unsere Lebensbedingungen als Menschen weltweit zu erhalten und zu verbessern. Von der weltweiten „globalen“ Verbesserung sind wir (die Menschheit) noch meilenweit entfernt.

Auch können wir uns selbst zerstören, aber diese individuelle wie gesellschaftliche Möglichkeit als Macht über den Tod oder als Erlösung zu er- und verklären, ist Selbstbetrug. Erlösung bleibt eine Utopie; auch und gerade im anthropozentrischen Weltverständnis. Soviel können wir durch Nachdenk-Arbeit erkennen: Erlösung ist keine Machtfrage, sondern eine konkrete Utopie. Aus der Sicht des Christentums ist diese konkret erzählte Utopie ein Oxymoron höchster Stufe: ein hingerichteter, absolut machtloser Mensch als Messias/Christus ist erfahrbar im Wort als Beginn und Grund der Erlösung der Welt. Die Wahrheit dieser erzählten Aktion ist existenziell erfahrbar, aber nicht beweisbar und begreifbar. Diese Differenz zwischen Erfahrung und Erkenntnis kann und muss bedacht werden, um Ideologisierung und Verdinglichung jeder religiösen Theorie und Praxis zu erkennen; dies gilt auch für Weltanschauungen, die sich atheistisch als Spielarten von Materialismus oder Naturalismus präsentieren. *) Anm.5

(05) Erlösung denken?
(Nach der Lektüre von Hans-Jürgen Goertz: Bruchstücke
radikaler Theologie heute. Eine Rechenschaft, Göttingen 2010)

Sinn-gebung aus dem Geist des Christentums negiert alle Formen von Hierarchie und Herrschaft. Das vermeintliche Spannungsfeld von Autonomie und Heteronomie ist eine sinn-lose Beschreibung des menschlichen Handlungsfeldes. Basis menschlichen Handelns ist Autonomie – als Verwirklichung von Selbständigkeit und Eigenverantwortung – uneingeschränkt als Prinzip, aber beschränkt in der Umsetzung (unterschiedliche Maße der Realisierung) und Durchsetzung (Möglichkeiten der Willensfreiheit). Die Differenz ist: setze ich Autonomie als Machtstruktur durch oder erfahre ich sie als Befreiung.

In christlicher Sinngebung ist für mich „Gott-denken“ Freiheit realisieren
(in Überwindung von Anpassung an den status quo und als Verwirklichung von Selbständigkeit im Sinne einer Metamorphose). Muss dieser Prozess des Mündigwerdens nicht als Überwindung jeder Form von Religion (als Rückbindung an Konvention, an bestehende Machtstrukturen und theozentrische Weltvorstellung) gedacht werden, ohne dass Religion verschwindet? Der Christ ist „religionslos“, wenn und insoweit er die „Freiheit der Kinder Gottes“ lebt.

Im Rahmen von Religion in der bürgerlichen Gesellschaft und in der Sprache und Vorstellung eines theozentrischen Weltverständnisses kann meiner Überzeugung nach für uns heute „Erlösung“ nicht sinn-voll gedacht und expliziert werden. Aber zu bedenken bleibt: Christliche Kirchen – verstanden als Zuspitzung der jüdischen Orthodoxie und in Abgrenzung und Konkurrenz zum Judentum des 2. nachchristlichen Jahrhunderts – sind trotz allen Fehlverhaltens und trotz allen Rückfalls in religiöse Herrschaftspraxis „Traditionsträger“ der Botschaft von der Erlösung – in der Erzählung vom Exodus und der Menschwerdung Gottes im Messias Jesus aus Nazaret. *) Anm. 5a

H.-J. Goertz ist auf dem Weg, diese Radikalität des Christentums zu denken und auszusprechen; aber ich meine, er ist nicht konsequent genug. Christliche Theologie heute radikal zu denken, bedeutet, sie als im theozentrischen Weltbild argumentierende Theologie „aufzuheben“, ohne diese Notwendigkeit als „Verschwinden der Religion“ misszuverstehen.

Christliche Sinngebung – in einem anthropozentrischen Weltverständnis – denkt das Verhältnis von Gott (als einem synsemantischen Ausdruck) und Mensch nicht als Rückbindung oder als Abhängigkeit (Heteronomie), sondern als Utopie, die nicht erzwungen werden kann, sondern geschenkt ist. Mein Konzept menschlichen Handelns und Verhaltens muss daher (für einen Christenmenschen) das Grundproblem erklären, wie Freiheit und Mündigkeit so umgesetzt werden können, dass sie nicht in neue/alte Abhängigkeiten umschlagen und neue/alte Herrschaftsverhältnisse produzieren oder stabilisieren. Diese Übersetzung in nichtreligiöse Sprache ist notwendig, um Erlösung heute denken zu können

(1) Zur Politischen Theologie des Paulus *) Anm.6

Es ist nicht leicht, die ein wenig chaotisch wirkende Vorlesung des Jacob Taubes zur “Politischen Theologie des Paulus“ in der vorliegenden Buchform (München 1993) zu verstehen. Taubes hat die Vorträge im Februar 1987 vor einer kleinen Gruppe von Zuhörern an der Forschungsstätte der evangelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg gehalten, wenige Wochen vor seinem Tod. Die schriftliche Fassung wurde von Aleida Assmann nach Tonbandaufzeichnungen redigiert.

Taubes wagt eine „Dekonstruktion“ der paulinischen Briefe nicht nur als jüdischer Gelehrter und Hochschullehrer für Philosophie, sondern versteht Paulus als Schriftgelehrten des messianischen Judentums seiner Zeit. Dabei unterläuft er die christlichen Interpretationen späterer Zeit, die aus Saul/Paulus aus Tarsus einen „christlichen“ Theologen gemacht haben, obwohl es die Selbst- bzw. Fremdbezeichnung „Christ“ zu seiner Missionszeit im Römischen Reich noch nicht gab. Auf der Basis seiner Messias-Erfahrung des gekreuzigten Jesus aus Nazaret verallgemeinert Paulus die jüdische Erlösungsvorstellung für alle Menschen (ob beschnitten oder unbeschnitten), scheitert mit dieser Botschaft in seinem eigenen Volk und öffnet nach längerer Auseinandersetzung mit den jüdischen Vertreterinnen und Vertretern der „Messias-Jesus-Bewegung“ in Jerusalem die judenchristlichen Gemeinden für alle Menschen, die auf den gekreuzigten Jesus aus Nazaret als den erwarteten Messias vertrauen und sich taufen lassen.

Gerd Theißen und Petra von Gemünden haben in ihrer 2016 veröffentlichten Exegese des Römerbriefes (mit dem Untertitel: „Rechenschaft eines Reformators“) Paulus „als einen scheiternden Reformator“ dargestellt. In der Zusammenfassung am Ende ihrer Untersuchung heißt es: „Paulus hinterlässt mit dem Römerbrief einen Rechenschaftsbericht über sein Reformprogramm, das nachträglich zu seinem Testament wurde. Paulus wollte nicht das Christentum begründen. Sein Christentum war ein antikes messianisches Reformjudentum. Sein Römerbrief wurde aber zu einem Testament für die ganze Menschheit.“

Taubes greift in seinen Überlegungen auf Spinozas „Tractatus Theologico-politicus aus dem Jahr 1670 und das Theologisch-politische Fragment von Walter Benjamin (1920/21) sowie den letzten Abschnitt (Nr.153) „Zum Ende“ der Minima Moralia von Theodor W. Adorno (Dritter Teil, 1946/47) zurück. Dabei gibt er dem Fragment von Benjamin den Vorzug, da er die Position Adornos als ästhetisierend kritisiert . Aus einer messianischen Perspektive mag das verständlich sein, da Adorno davon spricht, „alle Dinge so zu betrachten, wie sie vom Standpunkt der Erlösung aus sich darstellten“. Demgegenüber geht Benjamin von einer Tatsachenbehauptung aus: „Erst der Messias selbst vollendet alles historische Geschehen, und zwar in dem Sinne, daß er dessen Beziehung auf das Messianische selbst erst erlöst, vollendet, schafft“.

(2) Chronologischer Prozess oder kairologische Struktur

Mich interessiert die Struktur der Argumentation Benjamins. Er fährt in seinem Fragment fort: „ Darum kann nichts Historisches von sich aus sich auf Messianisches beziehen wollen. Darum ist das Reich Gottes nicht das Telos der historischen Dynamis; es kann nicht zum Ziel gesetzt werden. Historisch gesehen ist es nicht Ziel, sondern Ende.“

Benjamin, wenn ich ihn recht verstehe, trennt also strikt die messianische Vorstellung vom Reiche Gottes von – wie er formuliert – „der Ordnung des Profanen“. Apokalyptische Vorstellungen in einem theozentrischen Weltbild markieren das Ziel geschichtlicher Entwicklung, sei es als Weltgericht und oder Gottesherrschaft. Die Erlösung der Welt, inklusive der Menschheit, wird als ein chronologischer Prozess gedacht. Unter den Bedingungen anthropozentrischer Weltvorstellung, also in einer Welt ohne Gottesvorstellung,, ist dieser Gedanke sinn-los. Erlösung im Sinne des Messias-Ereignisses hat eine kairologische Struktur, die „quer“ zu historischen Entwicklungen mit ihren chronologischen Bestimmungen wirkt. In der Vorstellung des messianischen Judentums wird daher – in einem längeren Erfahrungsprozess – jede chronologische Fixierung der kommenden Gottesherrschaft verworfen und die existenzielle „Nähe“ erfahren und bezeugt. Die zunächst vorhandene (chronologische)„Naherwartung“ der Freunde des hingerichteten Jesus aus Nazaret erweist sich als Missverständnis. Zwar bleibt in den zeitlich späteren „Glaubensbekenntnissen“ der etablierten christlichen Gemeinden (der Kirche) die Erwartung des „Endgerichtes“ und des „kommenden Reiches“ als einprägsames Bild erhalten, aber jede zeitliche Fixierung wird abgelehnt und führt immer wieder in die Sektenbildung.

(3) Kairologische Struktur als konkrete Utopie

Ich interpretiere unter den Bedingungen heutiger Welterfahrung die kairologische Struktur des Messias-Ereignisses als konkrete Utopie: Obwohl die Sterblichkeit ein andauerndes Kriterium für Mensch und Natur in dieser Welt bleibt (und die individuelle Unsterblichkeit eine höchst problematische Illusion), hat der „Tod keine Macht mehr“; dies nennen Christen – in der sprachlichen Form des Oxymoron – „ewiges Leben“.

Benjamin versucht in seinem „Theologisch-politischen Fragment“ das Verhältnis von politischer Ordnung und messianischem Reich durch die Differenzierung der Kategorie des „Glücks“ zu klären. Ich bevorzuge die Kategorie der „Befreiung“. Sie bedeutet autonomes, verantwortungsvolles Handeln unter der „Zusage der Erlösung“.

Paulus aus Tarsus deutet als Schriftgelehrter des messianischen Judentums seiner Zeit und in Abgrenzung und Ablehnung des Unsterblichkeitsgedankens der hellenistischen Philosophie seine Messias/Christus-Erfahrung im ersten Korintherbrief (Kapitel 7) folgendermaßen: „Die Zeit ist zusammengedrängt.“ Und er rät den Mitgliedern seiner Gemeinde: „Und die sich Dinge dieser Welt zunutze machen, sollen sie sich zunutze machen, als nutzen sie sie nicht. Denn die Gestalt (im Griechischen: das Schema) dieser Welt vergeht.“ (Übersetzung der Zürcher Bibel). Und Paulus schließt seinen Rat mit dem Wunsch: „Ich will aber, dass ihr sorglos seid.“

Berger/Nord übersetzen diese Perikope meiner Meinung nach nicht stringent genug; gerade weil sie daran interessiert sind, verständlich zu sein:
„Und wer die Welt in Gebrauch nimmt, soll das so tun, als dürfte er sie nicht verbrauchen, da doch die sichtbare Gestalt dieser Welt sehr schnell vergeht. Ich will nur, dass ihr euch keine überflüssigen Sorgen macht.“
(Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, übersetzt und kommentiert von Klaus Berger und Christiane Nord, Frankfurt/Leipzig 1999)

Wenn ich – in anderem Zusammenhang – davon spreche, in der Dynamik des Vorläufigen zu denken und zu handeln, dann kann ich diese Verhaltensweise – den Ratschlag des Paulus im Hinterkopf – explizieren:
Handle verantwortungsvoll, aber sorglos. Bezüglich des „Weltverbrauchs“, also im Umgang mit den Ressourcen dieser Welt beachte eine gewisse Vorsicht; halte den Verbrauch „in der Schwebe“; arbeite nicht zerstörend – mit einer scheinbar paradoxen Begründung: denn das „Schema dieser Welt“ vergeht. *) Anm.7

(4) Befreiung als ständige Aufgabe im Sinne der conditio humana

Ich fokussiere meine Überlegung auf unser heutiges, zeit-gemäßes Weltbild. Die paulinische Argumentation mag zunächst noch durch die chronologisch (miss-)verstandene Parusie geprägt sein; in unserem anthropozentrischen Weltverständnis bedeutet die Messias-Erwartung, die unerlöste Welt steht unter der Zusage ihrer Erlösung durch den Messias (Christus), konkret durch den gekreuzigten Jesus aus Nazaret. Diese konkrete Utopie gibt denen, die auf Jesus Christus (als den Messias in der Vorstellungswelt des messianischen Judentums) vertrauen, also den sog. „Christen“ die Möglichkeit, sorglos, befreit die Welt zu „gebrauchen“.

Sie leben in dieser Welt, aber sie stehen nicht mehr unter ihren Zwängen, nicht mehr unter dem „Schema“ dieser Welt; denn sie bezeugen in „utopischer“ Sprache: der Tod hat keine Herrschaft mehr. Die basileia tou theou ist kein zeitlich zu erwartendes Zeitalter, sondern die gemeinsame Erfahrung, gegen Tod und Vergänglichkeit erlöst zu werden. Diese Erfahrung kann nicht gegen Leistung erkauft oder erzwungen werden, aber ohne Arbeit, Verantwortung und Empathie können Befreiung, Sinn und Erlösung nicht erfahren werden.

Und ich füge polemisch hinzu: Befreiung ist nicht Müßiggang. Der Müßiggänger bleibt ein Resultat vorchristlicher wie vordemokratischer Herrschaftsideologie. Das Ideal der Muße (otium) wie das Lob der Faulheit (Lafargue) bedürfen einer speziellen Ideologiekritik. Das „Einrenken der Welt“ (im Sinne von Hannah Arendt) bleibt unsere ständige Aufgabe, ist der Sinn der conditio humana. *) Anm. 8

Exkurs (1)

Zum Theorie-Praxis-Verhältnis – Problemfall: Muße (otium)

In Analogie eines allseitig bekannten Ausspruches des jungen Marx formuliere ich:
Die Philosophen als Müßiggänger haben die WELT nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie als verantwortlich handelnde Menschen zu verändern.
Zum verantwortlichen Handeln gehört aber notwendigerweise das Nachdenken, die Reflexion. Oder im Bild gesprochen:
Was nützt der morgendliche Hahnenschrei, wenn in der Nacht zuvor die Eule der Minerva ihren Flug nicht absolviert hat? In der zeitlichen Korrelation von Aktion und Reflexion steckt u.a. das zu lösende Problem. Oder nochmals im Tierbild ausgedrückt: wie kommen Tagesaktivist und Nachtschwärmer produktiv zusammen? *) Anm. 9

Es geht mir darum, eine Theorie des Verhaltens und Handelns der Menschen im zeitlichen und gesellschaftlichen Kontext zu konzipieren und zu skizzieren, um das Verhältnis von Reflexion und Aktion präzise und wirksam zu bestimmen. Das Theorie-Praxis-Verhältnis „dialektisch“ zu nennen, klärt noch nichts; es bedarf der erfahrungsbasierten Analyse und der Offenlegung (Transparenz) der einzelnen Arbeitsschritte, ihrer Muster, Normen und Maximen.

Diese Maximen (Handlungsanleitungen) „fallen nicht vom Himmel“, sondern sind im historisch-gesellschaftlichen Kontext an das jeweilige Weltverständnis rückgekoppelt, das sich im jeweiligen WELTBILD (zusammengefasst) ausdrückt.
Bezogen auf die Summe der jeweiligen Denk- und Handlungsweisen spreche ich von der conditio humana, zeit- und gesellschaftsgebunden und zumeist in unterschiedlichen Mischformen auftretend; zusammengestellt in einem aktuellen Tableau der conditio humana.

Die Aufforderung, als verantwortlich handelnde Menschen die Welt zu verändern, hat mehrere notwendige Voraussetzungen oder Bedingungen:

  • Aufklärung (i.S. Kants): Überwindung der selbstverschuldeten Unmündigkeit.
  • Nonkonformität (i.d.S. „Entweltlichung“).
  • Aufhebung der Arbeitsteilung in „Freie“ und „Sklaven“.
  • Demokratie i.S.d. Partizipation aller.
  • Problematisierung der Begriffe „Muße“ (otium) und „Müßiggang“.

Exkurs (2)

Ich habe in meinem 2017 veröffentlichten „Vademecum für aufgeklärte Christen und nachdenkende Atheisten“ das aktuelle „Tableau der conditio humana“ zusammengefasst:

Der Mensch im 21. Jahrhundert in einer Welt ohne GOTT

(5) Zur Differenz von Problemlösen und Erlösung

Den metaphorischen Begriff „Einrenken“ von Hannah Arendt übersetze ich mit „Problemlösen“. Problemlösen (problem solving) hat eine chronologische Struktur, ist menschliche Arbeit (am Erhalt der Welt) und damit „Anstrengung“. Menschliche Arbeit ist vorläufig, korrigier- und revidierbar, zielorientiert. Sie ist schöpferische Tätigkeit sterblicher Menschen, die Vernunftwesen und Naturwesen zugleich sind. *) Anm. 10

Demgegenüber kann Erlösung sinnvoller Weise nur in einer kairologischen Struktur gedacht werden; sie ist Geschenk, endgültig, unbegreifbar, aber existentiell erfahrbar, in Oxymora beschreibbar („ewiges Leben“); ist verstehbar als konkrete Utopie, erfahrbar und ortlos zugleich.

Der Prozess des Problemlösens kann im Folgenden im Detail als Verhältnis von Weg und Ziel erörtert werden. Im Nachdenken über die Struktur des Problemlösens wird die Dynamik des Vorläufigen erkennbar. Die Menschen sind – im Sinne von Hannah Arendt – „sterbliche Schöpfer“. Dass sie „Geschöpfe Gottes“ oder „Produkte der Naturentwicklung“ sind, ist, ideologiekritisch analysiert, eine Projektion. Dass sie „sterbliche Schöpfer“ sind, kann vom Standpunkt der Hoffnung auf Erlösung erkannt und erfahren werden. Adorno spricht daher davon, dass Erkenntnis dieser Art nur vom „Lichte der Erlösung“ her möglich ist.

In meinem Verständnis erzwingt der Atheismus als Methode keine atheistische Weltanschauung (wie z.B. im Naturalismus oder in den Spielarten des Materialismus vorgestellt). Weltbilder dieser Art sind nur (insgeheime) Spiegelbilder des theozentrischen Weltbildes; daher sind naturalistische wie materialistische Welterklärungen Eng- und Irreführungen. Die Sterblichkeit und Vorläufigkeit des In-der-Welt-Seins in Frage zu stellen, ist im Lichte der Hoffnung auf Erlösung möglich. Dabei muss die Struktur der konkreten Utopie beachtet werden, um nicht in Metaphysik oder Projektion zurückzufallen.

Problemlösungsprozesse – wie auch vollständig durchgeführte Lernhandlungen – haben einen konkret zu analysierenden Ausgangspunkt A und eine überprüfbare Problemlösung, das Ziel Z. Der Weg von A nach Z muss rekonstruierbar sein. Die Behauptung, der Weg sei schon das Ziel, ist unsinnig und leugnet die notwendige Stringenz des Weges von A nach Z. Sie ist eine manchmal verständliche, aus der Resignation geborene Schutzbehauptung.

Das bedeutet nicht, dass es keine Um- und Irrwege geben dürfe. Im Gegenteil: jede Stringenz im Weg von A nach Z ist dem Erfolg aus Erfahrung geschuldet oder inkludiert als methodische Stringenz (im Sinne logischer Deduktionen) Idealisierung. So ist die Mathematik – philosophisch oder wissenschaftstheoretisch gesehen – eine idealisierte Sprache; daher in den Erfahrungswissenschaften (der Natur oder Gesellschaft) universal einsetzbar und verstehbar.

(6) Revision als Metamorphose

Zu erfolgreichen Problemlösungsprozessen gehört das bewusste Einplanen möglicher Revision. Umkehr und Neuanfang sind keine Notlösungen, sondern nützen einer wirksamen Problemlösung, die natürlich von der Art des Problembereiches abhängig ist. Ich erinnere nur an die empirische Wahlforschung und die Eindeutigkeit der gefundenen Wahlprognosen. Die Präzision der Vorhersagen ist z.B. abhängig von dem vermuteten Potential an Stammwählern; und dieses Potential hat sich parteispezifisch entscheidend geändert bzw. verringert.

Umwege, Irrwege und Sackgassen zu erkennen und die jeweiligen Gründe zu ermitteln, um zukünftige Fehler möglichst zu vermeiden, hat eine systematische Bedeutung. Ich spreche von der Methode des Mäanderns; so wie ein großer Fluss mäandert, ohne sein Ziel, das offene Meer zu vergessen. Im menschlichen Verhalten spielen die bewusste Umkehr und Metamorphose, die metanoia eine entscheidende Rolle. *) Anm. 11

Der wesentliche Unterschied zwischen der Notwendigkeit, Probleme zu lösen, und der Möglichkeit, die Welt und die in ihr lebenden Menschen zu erlösen, bleibt erhalten. Die Utopie ist ortlos, aber in der Zeit als konkrete Utopie erfahrbar. Des Weiteren ist die Utopie der Erlösung zeitlos, aber kann und muss in der Zeit wirksam werden. Das Gleiche gilt für die Ortlosigkeit der Utopie der Erlösung. Die konkrete Utopie ist nicht nur existenziell erfahrbar, sondern sie kann und muss in der „Welt“, also in Geschichte und Gesellschaft wirksam werden.

Diesen Zusammenhang will ich im Folgenden an zwei wesentlichen Aus-sagen der historischen Jesus-Bewegung verdeutlichen und sie vor Missverständnissen in unserer heutigen aufgeklärten Welterfahrung (zusammengefasst im anthropozentrischen Weltbild, aktualisiert in meinem „Tableau der conditio humana“ – Der Mensch im 21. Jahrhundert in einer Welt ohne Gott“) schützen. Daher müssen diese beiden Grundaussagen aus dem jüdisch-messianischen Kontext verstanden und in unser aufgeklärtes Weltverständnis übersetzt werden: die Verknüpfung, Verschränkung, Gleichsetzung von Gottesliebe und Menschenliebe (GOTT/theos ist agape) und die Ankunft des Gottesreiches (der Gottesherrschaft, der basileia tou theou).

(7) Gott: ein synsemantischer Ausdruck für Liebe (agape)

Die synoptische Tradition der Reich-Gottes-Botschaft reflektiert bereits das Problem eines chronologischen (Miss-)Verständnisses der beginnenden Gottesherrschaft. Der Redakteur des Markus-Evangeliums spricht (in 1,14) vom kairos, der erfüllt ist und bindet das Nahekommen des Reiches Gottes an Umkehr (metanoia) und Vertrauen (pistis). Und im Lukas-Evangelium (17,21) wird das Gottesreich „mitten unter Euch“ oder in der Übertragung von Berger/Nord: „unsichtbar ist Gottes Herrschaft bereits unter euch “ verortet und jede zeitliche Fixierung des Erscheinen des Menschensohns gegenüber den Fragen der Pharisäer abgelehnt.

Der zeitlich früher verfasste erste Johannesbrief (um 55 n. Chr.), der aus einem anderen Kontext als die synoptischen Schriften stammt, radikalisiert das jüdische Gottesverständnis durch die (sprachkritisch gesprochen) synsemantische Erklärung des Gottesbegriffes: „GOTT ist Liebe/agape“ (1 Joh 4, 16: „Gott ist Liebe und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm“.) Alle anderen Vorstellungen und kultischen Praktiken sind, so warnt der Schreiber des Johannesbriefes seine jüdischen Freunde in der Nachfolge Jesu, sind Götzendienst.

(8) Orthopraxis statt Orthodoxie

Der im Römischen Reich des ersten Jahrhunderts n. Chr. erhobene Vorwurf, dass die Anhänger des Jesus aus Nazaret „Atheisten“ seien, ist insofern berechtigt, als alle Gottesvorstellungen, die nicht von der „Menschwerdung Gottes“ in Jesus als dem Messias ausgehen, abgelehnt werden, da sie, so formuliere ich, der konkreten Utopie, dass GOTT Liebe ist, widersprechen. Daraus folgt zwingend, dass die Mitglieder der Jesus-Bewegung „Täter des Wortes“ sind (so der Jakobusbrief, der ebenfalls aus den fünfziger Jahren stammt). Es geht also zu Beginn der Jesus-Bewegung – nach Ende der Auseinandersetzung um Beschneidung und Speisegesetze – um Orthopraxis, nicht um Orthodoxie. Im Zentrum dieser Orthopraxis steht die uneingeschränkte Menschenliebe, gleich ob einer von Hause aus orthodoxer Jude, Hellene, römischer Bürger oder Sklave ist. Im Römischen Reich des ersten Jahrhunderts (nach Christi Geburt) führte diese Überzeugung und Praxis oftmals zu Verspottung (der gekreuzigte Esel) und zu Verurteilung und Hinrichtung. In meiner Überzeugung als aufgeklärter Mensch des 21. Jahrhunderts (der lebt, denkt und arbeitet, „als wenn es GOTT nicht gäbe“ (D.Bonhoeffer), also als methodischer Atheist) ist diese radikale Menschenliebe (agape) Ausdruck der Zusage von „Erlösung“. Diese Zusage ist nicht erzwingbar – weder kultisch noch institutionell, aber sie ist als Befreiung erfahrbar und in Taten der Menschenliebe realisierbar. Sie bedarf der wiederkehrenden (gemeinsamen) Erinnerung an den hingerichteten Jesus als Messias und realisiert sich im Engagement für Gleichheit aller Menschen und Gerechtigkeit.

Diese Orthopraxis verbindet (uns) Christen mit allen Menschen, die sich für Freiheit und Gleichheit und Gerechtigkeit engagieren. Auf dieser Basis ist auch das Gespräch mit (nachdenkenden) Atheisten möglich und notwendig. Bei diesen Gesprächen ist zu beachten, dass „Liebe“ (als radikale Sympathie) im menschlichen Leben, das endlich ist, nur vorläufig erfahrbar und „wie in einem Spiegel“ erkennbar ist. Ich nenne diese Erkenntnis in Anlehnung an eine Überlegung des Paulus „aenigmatisch“.

Daher ist die Erfahrung, wie die Praxis der Liebe nur als Oxymoron beschreibbar, um Erlösung (als synsemantischen Ausdruck größter Komplexität – ich sage auch als „Grenzbegriff des In-der-Welt-Seins“) aussprechen, ausdrücken zu können. Aber diese „Beschreibungen“, diese „Bekenntnisse“ stehen meiner Überzeugung nach nicht im Widerspruch zum methodischen Atheismus, wie ich ihn verstehe.

(9) Zur Vorgeschichte des Atheismus im Christentum *) Anm. 12

Der „Atheismus im Christentum“ (vgl. Ernst Bloch) hat eine Vorgeschichte, die – verkürzt gefasst – mit dem biblischen Verbot, den Namen Gottes zu nennen, beginnt, und sich in wiederkehrenden Versuchen der „negativen Theologie“ dokumentiert. Wenn und da „Gott Liebe ist“, schweige ich zunächst, um keine Missverständnisse zu produzieren. Am „Gottesgeplapper“ beteilige ich mich bewusst nicht. Diese Selbstdisziplin sollte nachdenkende Atheisten und aufgeklärte Christen miteinander verbinden. Nur durch Erfahrung und annähernde Beschreibung (in poetischer oder mystischer Sprache) der radikalen Liebe ist erhoffbar und erfahrbar, dass der Tod keine Herrschaft mehr ausübt („And death shall have no dominion“, Dylan Thomas; vgl. Röm 6,9); schon das Hohe Lied ahnte von dieser Erfahrung: „denn stark wie der Tod ist die Liebe, hart wie das Totenreich die Leidenschaft“.

(10) Metamorphose statt Restitution

Diese Überlegungen sind – historisch wie strukturell gesehen – noch im Vorfeld der „Verkehrung“ des messianisch-prophetischen Christentums in eine „imperial-kolonisierende“ Christenheit, wie sie von Urs Eigenmann skizziert und zur Kritik der bestehenden Verhältnisse (vor allem in der römisch-katholischen Kirche – benutzt wird). Dabei ist mir wichtig, dass eine unreflektierte Restitution des nahen Gottesreiches bzw. der urchristlichen Lebenspraxis als heutige Alternative für gesellschaftliche Veränderung vermieden wird.

Die radikalen Reformatoren des 16. Jahrhunderts, insbesondere verschiedene Gruppen der Täuferbewegung, haben mit dieser Strategie der „Restitution“ ihr Verhalten gerechtfertigt und versucht, ein „Neues Jerusalem“ (z.B. Mitte des 16. Jahrhunderts in Münster in Westfalen) zu errichten. Zwar haben Staat (Das Römische Reich) und sowohl die römisch-katholische Kirche wie die entstandenen Kirchen der Reformation in der Folgezeit mit Erfolg versucht, diese Restitutionsbewegungen zu diskriminieren , zu verfolgen und tot zu schweigen, aber selbstkritisch muss festgestellt werden, dass ihre Praxis und ihre Hoffnungen (Utopien) gescheitert sind – nicht nur durch die Gewalt ihrer Gegner, sondern auch ihre Strategien und Konzepte dienten oft der Legitimation, führten in die Irre und – in einigen Gruppen des Täufertums – in die Menschenverachtung. Daher in verkürzter Form meine „Parole“: Metamorphose statt Restitution. *) Anm. 13

In meiner fiktiven Dokumentation gibt der ehemalige Kanzler des Täufer-reiches Heinrich Krechting, der durch besondere Umstände die brutale Eroberung Münsters 1535 überlebte und sich in der Grafschaft Gödens am Schwarzen Brack (dem heutigen Jadebusen an der Nordsee) zum Calvinisten wandelte (Metamorphose!) eine selbstkritische Einschätzung des (melchioritischen) Täufertums und der Restitutionsstrategie. Sein Freund Dr. Gerhard Westerburg schreibt in Erinnerung an das Karfreitagsgespräch und die Osterpredigt 1550 (von Albert Hardenberg) in seine Kladde:
„Es geht nicht um Restitution, also die Wiederherstellung des Reiches Gottes auf Erden, gegebenenfalls mit Gewalt und unter Ausschluss und Vernichtung der ungläubigen; auch geht es nicht nur um Reformation, als wenn es auf eine bestimmte Form des Leben und Handelns ankäme, sondern um Metamorphose, das bedeutet, sich nicht den herrschenden Verhältnissen und Vorstellungen anzupassen – denn diese Vorstellungen sind die Vorstellungen der Herrschenden. Dieses (jetzige) Verhalten ist unser vernünftiger Gottesdienst, wie Paulus im Römerbrief sagt. Der Freie Wille ist kein Naturgesetz (in Erinnerung und in Auseinandersetzung mit Erasmus von Rotterdam), sondern die Erlösungstat Christi befreit uns, für die Menschen zu handeln; das ist der Wille Gottes. Insofern ist die Wahrheit der Auferstehung Christi untödtlich (so Balthasar Hubmeier), weil sie uns befreit, gerecht und menschenwürdig zu handeln.“ (Der zweifache Exodus, Seite 82)

(11) Prüfung und Umkehr (metanoia) statt Anpassung

Die Aussage des Paulus in seinem Römerbrief, in dem er sein Scheitern als Reformator des messianischen Judentums seiner Zeit rechtfertigt, bedarf natürlich der Übersetzung in unsere Welterfahrung; ich habe das 2013 in meinem Buch „Die radikale Umkehr des Heinrich Krechting am Schwarzen Brack“ für Röm 12, 1u.2 versucht (Seite 15):
„Ich bitte Euch, Schwestern und Brüder, befreit von Zwängen und Ängsten, leidenschaftlich und verantwortlich zu handeln: Das ist unser sinnvolles Engagement. Passt euch nicht den herrschenden gesellschaftlichen Zwängen und Konventionen an, sondern verändert euch, indem ihr nach-denkt und prüft, was gut für alle Menschen auf dieser Welt ist und was uns dem Traum vom freien, gerechten und guten Leben näher bringt.“

Diese Aufforderung zum Nachdenken und Prüfen verlangt eine umfassen-de Analyse der kapitalistischen Produktionsweise weltweit und eine ideologiekritische Aufarbeitung des Doppelcharakters der Waren in einer all-umfassenden Warengesellschaft, um offenzulegen, dass und wie die gesellschaftlichen Lebensverhältnisse sich ändern müssen, damit sich Gleichheit und Gerechtigkeit durchsetzen. *) Anm. 14

(12) Lob der Inkonsequenz *) Anm. 15

Alle historisch bedeutsamen und gesellschaftlich relevanten Projekte, von denen in „Großen Erzählungen“ berichtet und oftmals aus unterschiedlichen Interessenlagen „verklärt“ wird, sind in der Gefahr „umzuschlagen“, sich in ihr Gegenteil zu verkehren. Ich erinnere an die Verkehrung der Französischen Revolution in ein inhumanes .Terrorsystem oder grundsätzlich an die Möglichkeit des Umschlags von Aufklärung in Totalitarismus (Stichwort: Dialektik der Aufklärung).

Leszek Kolakowski hat 1958 in seinem „Lob der Inkonsequenz“ formuliert:
„Konsequent sind Soldaten, die ihren gerechten Kampf solange fortsetzen, bis auf der Gegenseite der letzte Soldat gefallen ist; konsequent ist der gesetzestreue Bürger, der nicht vor Denunziation zurückschreckt und voller Selbstachtung mit der Geheimpolizei zusammenarbeitet; konsequent sind auch die Gläubigen, die Scheiterhaufen für Häretiker errichten, da in ihren Augen die himmlische Seligkeit unendlich kostbarer ist als das irdische Wohlergehen. Versuchen Menschen völlig konsequent zu sein, ihre Überzeugung von der absoluten Überlegenheit eines Wertes konsequent in die Tat umzusetzen, dann verwandelt sich die Welt in Schlachtfelder. Dies geschieht auch immer wieder – doch bleibt die Menschheit am Leben, da es stets auch die Inkonsequenten gibt, die Unsicheren, die Wankelmütigen.“

Ich ergänze und lobe die Zweifelnden. Zugegeben, auch Inkonsequenz kann in Opportunismus umschlagen. Ich beharre daher auf der Differenz von Orthopraxis und Orthodoxie: jede Orthopraxis (in meinem Verständnis) ist verbindlich und vorläufig zugleich, weil und wenn sie an der Menschenwürde sich orientiert – oder utopisch formuliert – darauf hofft, dass die Entfremdung der menschlichen Lebensverhältnisse aufgehoben werden kann; dass Erlösung möglich ist – oder in dem eindrucksvollen Oxymoron formuliert: dass der Tod seine Herrschaft verliert.

(13) Messianisches Denken in einer Welt ohne Gott

Religion hat keine Wahrheit, die allgemein begreifbar ist. Der Sinn des Religiösen (als Rückbindung), insbesondere der religiösen Sprache, ist weltbildgebunden. Der Sinn der Rede von GOTT ist in einem theozentrischen Weltbild verstehbar. Demgegenüber ist im anthropozentrischen Weltverständnis die „Rede von GOTT“ als synsemantischer Ausdruck bestimmbar und übersetzbar. Sie bedeutet die Utopie von der „Erlösung der Welt“ und der auf ihr heute und zukünftig lebenden wie bisher gestorbenen Menschen. Diese Utopie ist – als konkrete Utopie – existenziell – erfahrbar und in Oxymora beschreibbar.

Religiöse Denkformen sind an das theozentrische Weltbild gebunden; zumindest in den sog. „monotheistischen“ Religionen. Im Zentrum jüdisch/christlicher Religionsvorstellungen stehen die Exodus-Erzählung und die Messias-Erwartung. Dieses messianische Denken ist in ein anthropozentrisches Weltbild und die zugehörige aufgeklärte Sprache übersetzbar. In einer „Welt ohne Gott“ ist Erlösung denk- und erfahrbar, wenn auch – im sprachkritischen und aussagenlogischem Sinn – nicht begreifbar.

Aufgeklärtes Denken, das die Stadien der Erkenntniskritik (Metaphysik, Religion, Sprache) durchlaufen hat und durchläuft, ist vorläufig, nicht endgültig. Denn die Struktur des Vorläufigen ist dynamisch, da sich Erfahrung bzw. Erwartung und Erkenntnis unterscheiden, auch wenn sie aufeinander bezogen sind. Diese Differenz/dieser Bezug ist beschreibbar und als Utopie konkret erfahrbar. Diese Differenz, diesen Bezug zu leugnen, ist ein Rückfall in die ideologische (und damit reduktive) Position des Materialismus oder Naturalismus. Die Vorgabe und Struktur des Denkens und Handelns „als wenn es Gott nicht gäbe“ nenne ich den methodischen Atheismus und unterscheide ihn konsequent von Ideologien, die instrumentalisieren und/oder legitimieren. *) Anm.(16)

Exkurs (3)

Maximen für einen aufgeklärten Menschen im 21. Jahrhundert,
sein Denken und Handeln, seinen Alltag und Beruf betreffend

Auf die Frage, an welchen Maximen ich mich in meinem Leben, das endlich ist, orientiere, antworte ich wie folgt:
(vorausgesetzt, ich habe zuvor geklärt, was ich unter einer Maxime und unter Orientierung verstehe.)

Zuvor differenziere ich „mein Leben“ in „Alltag“ und „Beruf“ und nehme seine „Endlichkeit“, seine Sterblichkeit vorläufig als eine selbstverständliche Tatsache (des Menschen als Naturwesen, als „sterblicher Schöpfer“ im Sinne von H. Arendt) hin.
Ich nenne zwei Maximen und trenne vorläufig zwischen Alltag und Beruf:

(1) Für den Alltag erinnere ich an Kants kategorischen Imperativ und wähle eine Fassung aus der Einleitung der „Metaphysik der Sitten“:
Handle nach einer Maxime, welche zugleich als ein allgemeines Gesetz gelten kann. … Jede Maxime, die sich nicht zu einem allgemeinen Gesetz qualifiziert, ist der Moral zuwider.
Ich übersetze in mein Sprachspiel:
Handle verantwortlich unter den Möglichkeiten der Autonomie/der Mündigkeit/des Selbstdenkens, indem du die Würde aller Menschen achtest.

(2) Im Beruf als Lehrer/Philosoph formuliere ich:
Lehre/unterrichte und denke nach/reflektiere, als wenn es GOTT nicht gäbe (im Sinne Bonhoeffers und Blochs). Ich umfasse diese Maxime mit dem Begriff des „methodischen Atheismus“ und spezifiziere „nachdenken“, „aneignen“ und „vermitteln“ zusammenfassend als Problemlösen – ohne Rückgriff auf eine metaphysische/religiöse Instanz. In meinem Sprachspiel lautet daher die zweite Maxime:
Löse Probleme (unterschiedlicher Weite und Tiefe) so, als wenn es GOTT nicht gäbe.

(2a) Alles Problemlösen ist fehlerhaft und vorläufig. Ohne „trial and error“, ohne Zweifel sind Erkenntnis und Erkenntnisfortschritt nicht möglich. Der (methodisch notwendige) Zweifel kann in Verzweiflung umschlagen. Erlösung (als Utopie) bleibt ein Grenzbegriff; ein Oxymoron.

(2b) Weg wie Ziel des Lernens und Lehrens sind das Realisieren von „vollständigen Lernhandlungen“. Soweit stimme ich der konstruktivistischen Lerntheorie zu; denn vorzeitige Abbrüche wie unvollständige Inszenierungen führen zu keinen Problemlösungen.

(2c) Wie kann der (existenzielle) Umschlag von Zweifel in Verzweiflung (und damit als Konsequenz das vorzeitige Ende von Reflexion und Lernprozess) vermieden werden? Menschen (als Vernunft- und Naturwesen) bedürfen der „Hoffnung auf Erlösung“, vorstellbar und erfahrbar als Utopie.

(2d) Als Christ vertraue ich auf die Erlösung der Welt (mich eingeschlossen); wahrgenommen und expliziert als „konkrete Utopie“ im Messias-Ereignis des Jesus aus Nazaret. Dieser Vertrauensvorschuss (daher „konkrete Utopie“) drückt sich individuell und existenziell im Verb „credere“ aus, um das missverständliche Verb „Glauben“ (das auch „putare“ bedeuten kann) zu vermeiden.
Dieser Vertrauensvorschuss erlaubt mir (im Kreis der Mitvertrauenden), Jesus aus Nazaret als Christus, als Erlöser zu bekennen; erfahrbar wie realisierbar ist diese konkrete Utopie als Menschenliebe (agape).

Anmerkungen

(1) Zur Sprachkritik und zur Begriffsbildung vgl. die Einleitung und die entsprechenden Stichwörter in meinem Taschenwörterbuch „Vademecum für aufgeklärte Christen und nachdenkende Atheisten, Münster/Westf.2017
Zur Struktur und zur Veränderung der Weltbilder vgl. Günter Dux, Die Logik der Weltbilder. Sinnstrukturen im Wandel der Geschichte, Wiesbaden 2017 (4. Auflage)

(2) Hans Joas bietet in seinem neuesten Buch “Die Macht des Heiligen. Eine Alternative zur Geschichte von der Entzauberung“, Frankfurt/Main 2017 eine ausführliche Analyse religionsgeschichtlicher Konzeptionen und hinterfragt mit guten Gründen die These vom zunehmenden „Bedeutungsverlust der Religion“ in der modernen Gesellschaft. Auf der Basis der Analyse des Verhältnisses der Geschichte der Macht und der Geschichte der Religion widerlegt er die teleologische Geschichtsauffassung vom Verschwinden der Religion bzw. ihrer „Aufhebung“ in der säkularen Gesellschaft. Dem stimme ich zu, vermisse aber eine religionskritische Analyse religiöser Theorie und Praxis in modernen Gesellschaften, die nicht nur die „Anpassungsfunktion“ gegenüber den Machtverhältnissen begreift, sondern auch die Ideologieproduktion.

(3) Vgl. Hans Joas, Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte, Berlin 2011; vgl. Bettina Hollstein/Matthias Jung/Wolfgang Knöbl (Hrsg.), Handlung und Erfahrung. Das Erbe von Historismus und Pragmatismus und die Zukunft der Sozialtheorie, Frankfurt u.a. 2011; Hermann-Josef Große Kracht (Hg.): Der moderne Glaube an die Menschenwürde. Philosophie, Sozioöogie und Theologie im Gespräch mit Hans Joas, Bielefeld 2014

(4) Ob und wie weit Judentum und Christentum den Säkularisierungsprozess verursacht haben, ist in der Literatur und der Wissenschaft umstritten; vgl. Philipp W. Hildmann/Johann Christian Koecke (Hrsg.), Christentum und politische Liberalität. Zu den religiösen Wurzeln säkularer Demokratie, Frankfurt am Main/Bern/Bruxelles 2017

(5) Grundsätzlich und umfassend zum Thema „Ideologiekritik“ vgl. Kurt Lenk (Hrsg.): Ideologie. Ideologiekritik und Wissenssoziologie, Darmstadt/Neuwied 1978 (8. erweiterte Auflage); Zur Entfaltung der Differenz von Erfahrung und Erkenntnis unter dem Stichwort „Vorläufigkeit“ siehe: Jürgen Schmitter: Die Vorläufigkeit theoretischer Arbeit. Zum Verhältnis von Wissenschaftskritik und Hochschuldidaktik, Osnabrück 1980 (Univ.Diss.)

(5a) Ich verweise zum Problemzusammenhang auf Jan Assmann: Exodus. Die Revolution der Alten Welt, München 2015 und für das NT auf den Begriff der „Dahingabe“ als der radikalen Form der Interpretation des Kreuzestodes Jesu: Wiard Popkes: Christus Traditus. Eine Untersuchung zum Begriff der Dahingabe im Neuen Testament, Zürich/Stuttgart 1967. Die hier nicht zu lösende Frage ist: wie kann die radikale Kenosis-Theologie des NT – im Rahmen eines noch theozentrischen Weltverständnisses (Popkes nennt sie „Dahingabe-Christologie“) in ein anthropologisches Weltverständnis übersetzt werden? Schon diese Frage zu denken ist die strukturelle Möglichkeit für einen heutigen Christen, Erlösung als konkrete Utopie zu erfahren.

(6) Zur Differenz von Problemlösen und Erlösung: Ich fasse den Ausdruck „Problemlösen“ (problem solving) sehr allgemein; er soll wissenschaftliche, gesellschaftliche und alltägliche Arbeit umfassen. Expliziert habe ich diese „Methode“ innerhalb eines anthropozentrischen Weltverständnisses an den notwendigen Elementen eines erfolgreichen Lernprozesses (Stichwort: Vollständige Lernhandlung von der sachgemäßen Problemstellung bis zur Evaluation); siehe: Jürgen Schmitter: Grenzen und Möglichkeiten der Erziehung zur Selbständigkeit und Eigenverantwortung im System Schule, in: G.Bartsch/R.Gaßmann (Hrsg.): Generation Alkopops, Freiburg im Breisgau 2010.

(7) Wenn ich von der „Dynamik des Vorläufigen“ spreche – den Begriff habe ich von R. Schutz übernommen (Roger Schutz: Dynamik des Vorläufigen, Güterloh 1967; Original: „Dynamique du provisoire“ in: Le Presses de Taizé, 1965), dann auf der Basis des messianischen Denkens, nicht des Konstruktivismus (siehe: Siegfried J. Schmidt: Die Endgültigkeit der Vorläufigkeit, Weilerswist 2010); zum missverständlichen Begriff der „Entweltlichung“ siehe das entsprechende Stichwort in meinem „Vademecum“ und: Paul Josef Cordes/Manfred Lütz: Benedikts Vermächnis, Franziskus Auftrag. Entweltlichung – Eine Streitschrift, Freiburg/Basel/Wien 2013.

(8) Vgl. mein Nachwort „Mit der Torheit leben und sterben?“ in: Vademecum für aufgeklärte Christen und nachdenkende Atheisten, Münster 2017

(9) Zum Verhältnis von Reflexion und Aktion verweise ich aus marxistischer Sicht auf: Wolfgang Harich: Zur Kritik der revolutionären Ungeduld. Eine Abrechung mit dem alten und neuen Anarchismus, in: ders.: Schriften zur Anarchie, Marburg 2014

(10) Vgl. auch: Dirk Baecker/Alexander Kluge: Vom Nutzen ungelöster Probleme, Berlin 2003

(11) Ich verweise auf das Stichwort „Orthopraxis“ in meinem „Vademecum“ (2017) und die Reflexion „Zum Verhältnis von Weg und Ziel“ in: „Die radikale Umkehr“ (2013).

(12) Vgl. die entsprechenden Stichworte in meinem „Vademecum“ (2017)

(13) Ich verweise auf die Rechtfertigungsrede des Heinrich Krechting in: „Der zweifache Exodus“ (2017).

(14) Zur Aktualität der Marxschen Konzeption der Kritik der politischen Ökonomie vgl. Michael Quante: Der unversöhnte Marx, Münster 2018 und Thomas Steinfeld: Herr der Gespenster. Die Gedanken des Karl Marx, Frankfurt 2018

(15) Ich verweise nochmals auf mein Stichwort „Orthopraxis“ in meinem „Vademecum“ (2017).

(16) Damit kritisiere und ergänze ich die Aussagen von Siegfried J. Schmidt in seinem Buch: Die Endgültigkeit der Vorläufigkeit. Prozessualität als Argumentationsstrategie, Weilerswist 2010, und verweise auf Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung, München 1951/1968, und Roger Schutz: Dynamik des Vorläufigen (Dynamique de provisoire, 1965), Gütersloh 1967; sowie: Jüdisches Denken in einer Welt ohne Gott, Festschrift für Stéphane Mosès, Berlin 2000. Zu meinen metatheoretischen und wissenschaftsdidaktischen Überlegungen siehe: Die Vorläufigkeit theoretischer Arbeit. Zum Verhältnis von Wissenschaftskritik und Hochschuldidaktik, Osnabrück 1980 (Diss.)

Literaturhinweise

Zürcher Bibel 2007

Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, übersetzt und kommentiert von Klaus Berger und Christiane Nord, Frankfurt/Main und Leipzig 1999

Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, in: Gesammelte Schriften, Bd.4, Darmstadt 1998

Hannah Arendt, Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politischen Den-ken I, München/Zürich 2000 (2.A.)

Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 1967

Hannah Arendt, Die Freiheit, frei zu sein, mit einem Nachwort von Thomas Meyer, München 2018

Jan Assmann, Exodus. Die Revolution der Alten Welt, München 2015

Jan Assmann, Religio Duplex. Ägyptische Mysterien und Europäische Aufklärung, Berlin 2017

Kurt Appel/Erwin Dirscherl (Hrsg.), Das Testament der Zeit. Die Apokalyptik und ihre gegenwärtige Rezeption, Freiburg/Breisgau 2016

Giorgio Agamben, Die Zeit, die bleibt. Ein Kommentar zum Römerbrief, Frankfurt/Main 2006

Alain Badiou, Paulus. Die Begründung des Universalismus,München 2002

Dirk Baecker/Alexander Kluge: Vom Nutzen ungelöster Probleme, Berlin 2003

Walter Benjamin, Illuminationen. Ausgewählte Schriften, Frankfurt/Main 1961

Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hrsg. v. Eberhard Bethge, München/Hamburg 1968

Ernst Bloch, Geist der Utopie (2. Fassung), Werkausgabe es Bd.3 Frankfurt/Main 1977

Ernst Bloch, Atheismus im Christentum. Zur Religion des Exodus und des Reichs, Werkausgabe es Bd. 14, Frankfurt/Main 1977

Ernst Bloch, Geist der Utopie (erste Fassung 1918), Werkausgabe es Bd.16, Frank-furt/Main 1977

Paul Josef Cordes/Manfred Lütz: Benedikts Vermächtnis, Franziskus Auftrag, Entweltlichung – Eine Streitschrift, Freiburg/Basel/Wien 2013

Günter Dux, Die Logik der Weltbilder. Sinnstrukturen im Wandel der Geschichte, Wiesbaden 2017 (4. Auflage)

Urs Eigenmann, Das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit als himmlischer Kern des Irdischen. Ein Beitrag zur religionskritischen Unterscheidung der Geister, in: Die Kritik der Religion. Der Kampf für das Diesseits der Wahrheit, Münster 2017 (Editi-on ITP-Kompass, Bd. 21

Urs Eigenmann, Von der Christenheit zum Reich Gottes. Beiträge zur Unterscheidung von prophetisch-messianischem Christentum und imperial-kolonisierender Christen¬heit, Luzern 2014 (Edition Exodus)

Dominik Finkelde, Politische Eschatologie nach Paulus, Wien 2007

Hans-Jürgen Goertz: Bruchstücke radikaler Theologie heute. Eine Rechenschaft, Göttingen 2010

Hermann-Josef Große Kracht (Hg.): Der moderne Glaube an die Menschenwürde. Philosophie, Soziologie und Theologie im Gespräch mit Hans Joas, Bielefeld 2014

Wolfgang Harich: Schriften zur Anarchie. Zur Kritik der revolutionären Ungeduld und Die Baader-Meinhoff-Gruppe, Marburg 2014
Hans Joas, Sind die Menschenrechte westlich?, München 2015

Philipp W. Hildmann/Johann Christian Koecke (Hrsg.): Christentum und politische Liberalität. Zu den religiösen Wurzeln säkularer Demokratie, Frankfurt am Main/Bern/Bruxelles 2017

Bettina Hollstein/Matthias Jung/ Wolfgang Knöbl (Hrsg.): Handlung und Erfahrung. Das Erbe von Historismus und Pragmatismus und die Zukunft der Sozialtheorie, Frankfurt am Main u.a. 2011

Hans Joas, Die Macht des Heiligen. Eine Alternative zur Geschichte von der Entzauberung, Frankfurt/Main 2017

Jüdisches Denken in einer Welt ohne Gott, Festschrift für Stéphane Mosès, Berlin 2000

Leszek Kolakowski, Der Mensch ohne Alternative, München 1960

Leszek Kolakowski, Falls es keinen Gott gibt. Die Gottesfrage zwischen Skepsis und Glaube, Gütersloh 2008

Kurt Lenk (Hrsg. u. Einl.): Ideologie. Ideologiekritik und Wissenssoziologie, Darmstadt/Neuwied 1978 (8. überarb. u. Erw. A.)

Wiard Popkes: Christus Traditus. Eine Untersuchung zum Begriff der Dahingabe im Neuen Testament, Zürich/Stuttgart 1967

Michael Quante: Der unversöhnte Marx. Die Welt in Aufruhr, Münster 2018

Siegfried J. Schmidt: Die Endgültigkeit der Vorläufigkeit. Prozessualität als Argumentationsstrategie, Weilerswist 2010

Jürgen Schmitter: Die Vorläufigkeit theoretischer Arbeit. Zum Verhältnis von Wissenschafskritik und Hochschuldidktik, Osnabrück 1980 (Univ.Diss.)

Jürgen Schmitter, Grenzen und Möglichkeiten der Erziehung zur Selbständigkeit und Eigenverantwortung im System Schule, in: G. Bartsch/R. Gaßmann (Hrsg.): Generation Alkopops. Jugendliche zwischen Marketing, Medien und Milieu, Freiburg im Breisgau 2010.

Jürgen Schmitter, Die radikale Umkehr des Heinrich Krechting am Schwarzen Brack, Episoden, Münster/Westf. 2013

Jürgen Schmitter, Der zweifache Exodus des Heinrich Krechting aus Schöppingen im Münsterland zu Beginn der Reformation. Eine fiktive Dokumentation, Münster 2017

Jürgen Schmitter, Vademecum für aufgeklärte Christen und nachdenkende Atheisten. Ein Taschenwörterbuch, Münster 2017

Roger Schutz: Dynamik des Vorläufigen, Gütersloh 1967

Spinoza: Tractatus Theologico-politicus, Opera/Werke Bd. 1, Darmstadt 1989

Thomas Steinfeld: Herr der Gespenster. Die Gedanken des Karl Marx, Frankfurt am Main 2018

Jacob Taubes: Die politische Theologie des Paulus, München 1993

Jacob Taubes: Apokalypse und Politik. Aufsätze, Kritiken und kleinere Schriften, hrsg.v. H. Kopp-Oberstebrink u. M. Treml, Paderborn 2017

Gerd Theißen/Petra von Gemünden: Der Römerbrief. Rechenschaft eines Reformators, Göttingen 2016

Gerd Theißen: Der Anwalt des Paulus, Gütersloh 2017

Stichwort: Messianisches Denken in einer Welt ohne Gott

Religion hat keine Wahrheit, die allgemein begreifbar ist (im Sinne aussagenlogisch geprüfter und sprachkritisch bewährter Begriffe und Sprachspiele). Der Sinn des Religiösen (als Rückbindung), insbesondere der religiösen Sprache, ist weltbildgebunden. Der Sinn der Rede von GOTT ist in einem theozentrischen Weltbild verstehbar. Demgegenüber ist im anthropozentrischen Weltverständnis die „Rede von GOTT“ einzig als synsemantischer Ausdruck bestimmbar und übersetzbar. Sie verweist auf die Utopie von der „Erlösung der Welt“ und der auf ihr heute und zukünftig lebenden wie bisher gestorbenen Menschen. Diese Utopie ist – als konkrete Utopie – existenziell – erfahrbar und in Oxymora beschreibbar bzw. erzählbar.
Religiöse Denkformen sind an das theozentrische Weltbild gebunden; zumindest in den sog. „monotheistischen“ Religionen. Im Zentrum jüdisch/christlicher Religionsvorstellungen stehen die Exodus-Erzählung und die Messias-Erwartung. Dieses messianische Denken ist – so meine These – in ein anthropozentrisches Weltbild und die zugehörige aufgeklärte Sprache übersetzbar. In einer „Welt ohne Gott“ ist Erlösung denk- und erfahrbar, wenn auch – im sprachkritischen und aussagenlogischen Sinn – nicht begreifbar.

Aufgeklärtes Denken, das die Stadien der Erkenntniskritik (Kritik der Metaphysik, der Religion und der Sprache) durchlaufen hat und durchläuft, ist vorläufig, nicht endgültig. Denn die Struktur des Vorläufigen ist dynamisch, da sich Erfahrung bzw. Erwartung und Erkenntnis unterscheiden, auch wenn sie aufeinander bezogen sind. Diese Differenz/dieser Bezug ist beschreibbar/erzählbar und als Utopie konkret erfahrbar. Diese Differenz, diesen Bezug zu leugnen, ist ein Rückfall in die ideologische (und damit reduktive) Position des Materialismus oder Naturalismus. Die Vorgabe und Struktur des Denkens und Handelns „als wenn es Gott nicht gäbe“ nenne ich den methodischen Atheismus und unterscheide ihn konsequent von Ideologien, die instrumentalisieren und/oder legitimieren.

p.s.
Damit kritisiere und ergänze ich die Aussagen von Siegfried J. Schmidt in seinem Buch: Die Endgültigkeit der Vorläufigkeit. Prozessualität als Argumentationsstrategie, Weilerswist 2010, und verweise auf Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung, München 1951/1968, und Roger Schutz: Dynamik des Vorläufigen (Dynamique de provisoire, 1965), Gütersloh 1967; sowie: Jüdisches Denken in einer Welt ohne Gott, Festschrift für Stéphane Mosès, Berlin 2000. Zu meinen metatheoretischen und wissenschaftsdidaktischen Überlegungen siehe: Die Vorläufigkeit theoretischer Arbeit. Zum Verhältnis von Wissenschaftskritik und Hochschuldidaktik, Osnabrück 1980 (Diss.).

Ausführlich erläutert habe ich meine Überzeugung in meinem 2017 erschienen „Vademecum für aufgeklärte Christen und nachdenkende Atheisten. Ein Taschenwörterbuch“ (Münster in Westf.) und neuestens argumentativ zusammengefasst in meinem (noch unveröffentlichten) Manuskript: „Was bedeutet strukturell Erlösung in einer Welt ohne Gott? (Über die Differenz zwischen Chronos und Kairos im messianisch-apokalyptischen Denken und die Konsequenzen in einem anthropozentrischen Weltverständnis: methodischer Atheismus und die Utopie der Erlösung), Metelen (März 2018, 35 S.).

Vgl. zur Gesamtproblematik das Stichwort „Messianismus“ I und II von Ton Veerkamp und Hans-Ernst Schiller in Band 9/I (Maschinerie bis Mitbestimmung) des Historisch-kritischen Wörterbuchs des Marxismus (HKWM), Hamburg 2018 (Sp. 657-682) und speziell im selben Band das Stichwort „materialistische Bibellektüre“ von Kuno Füssel (Sp. 252-266).

Der Strichpunkt oder Lob auf das Semikolon

Vor mir liegt ein Cartoon, in dem die Kassiererin an der Theke den Kunden fragt, ob er Punkte sammelt, und der Kunde antwortet mit einer Gegenfrage: Haben Sie auch Kommas? Ich habe diesen Cartoon an Freunde und Familie verschickt mit folgendem Kommentar:

Meine Frage wäre: Haben Sie auch Semikola?

Mit dieser Zusatzfrage wird das ganze Dilemma unserer deutschen Sprache offensichtlich: nicht nur die Pluralbildung ist unser Problem (insbesondere bei Lehnwörtern aus dem Lateinischen oder Griechischen), sondern auch die Mehrdeutigkeit unserer Sprache.

Bevor ich diese Dilemmata aufzulösen beginne und durch meine mäandernde Denkweise eher verschärfe; (!) also bevor ich chaotisiere (dabei beharrt B. sicherlich darauf, dass der DUDEN eindeutige Regeln kennt, die ich aus Trotz nur ignorierte; (!) nämlich, dass ein Semikolon nur gesetzt würde, wenn ein weiterer Hauptsatz folgt, während ich auf Goethe, Schiller und Kleist verweise, die noch keinen DUDEN und dessen vorgebliche Verbindlichkeit kannten), bekenne ich, dass ich das Semikolon, den Strichpunkt seit langem liebe (B. kann beim Korrekturlesen meiner Texte ein „Lied davon singen“); (!) ja, ich versteige mich zu der Behauptung: „Das Semikolon ist mir ans Herz gewachsen.“ Warum?

Zunächst einmal – aus Tradition. Seit langem liebe ich die verschachtelten Sätze; sie entsprechen meinen mäandernden Gedankengängen und meiner philosophischen Vorstellung, dass alles mit allem zusammenhängt, und eine Differenzierung keine Trennung bedeuten muss. Der Punkt ist für mich ein Schlusspunkt; im Wortsinn, er schließt den Gedankengang ab; danach bleiben nur Luft oder Leere.

Demgegenüber dient das Komma nur zum Luftholen beim Vorlesen. Es ist für mich kein Satzzeichen, sondern ein Sprechzeichen. Und nun werden die grammatikalischen Regeln butterweich: die Schrift- und Lesekultur der Mönche konnte auf Kommata und Wörtertrennung fast ganz verzichten; die große und dekorierte Initiale am Anfang eines Abschnittes reichte aus.

Weiterhin – aus Einsicht. Mein üblicher Blick ins Etymologische Wörterbuch informiert im Detail:
Semikolon – Strichpunkt, Ende des 15. Jahrhunderts von A. Manutius eingeführt, von Schottel (1663) mit Strichpünctlein übersetzt. Zu lateinisch colon, griechisch kolon „Abschnitt einer Satzperiode“, eigentlich „Glied eines Tieres oder Menschen, besonders Bein“; vgl. nhd Kolon „Doppelpunkt“, anfangs Colon (16.Jahrh.).

Jetzt ist meine Neugierde geweckt; das GRIMMsche Wörterbuch wird zu Rate gezogen und läßt mich nicht im Stich: unter „strichpunkt, strichpünktlein“ heißt es:
„deutsche bezeichnung für semikolon“; und STEINHÖWEL wird zitiert, der 1473 „ein semikolonähnliches gebilde beschreibt“: „ ain sollich pünctlin oder túpflin mit ainem besicz gezognen strychlin also“.
Und auch SCHOTTEL in seiner „sprachlehre“ von 1641 wird zitiert:“ das strichpünctlein (als kompositum) hat seine benahmung, weil es von einem striche und einem pùnctleine oder tippel gemacht wird“.

Aber hilft mir der sprachgeschichtliche Rückblick meines „Strichpünktleins“ in der Frage weiter, warum ich mit Lust und Leidenschaft das Semikolon heute gebrauche?

Ich fasse zusammen: wenn schon der Bandwurm „Sprache“ als „Schreibe“ gegliedert werden muss, um den argumentativen Zusammenhang zu verdeutlichen, dann ist es wie mit dem Gegensatz von „sinnvoll“ und „unsinnig“; dazwischen gibt es ein „schwachsinnig“ – und dies im wörtlichen Sinn.
Denn der „Sinn“ einer Sache muss überall aufgespürt werden, wo er sich befindet. Und der Sinn zeigt sich nicht immer offensichtlich und von vorne herein.

So ist es auch mit dem Verhältnis von Punkt und Komma; das Strichpünktlein stellt ein Zwischenglied dar, das trennt und verbindet zugleich. Daher lobe ich das Semikolon und schätze seinen Gebrauch.

Gegen GroKo oder Neuwahlen – für einen Stabilitätspakt zwischen CDU/CSU und SPD, gegen einen Koalitionsvertrag der SPD mit der CDU/CSU (sog. Große Koalition) und gegen baldige Neuwahlen

Nach dem Scheitern der Gespräche zwischen CDU/CSU, den GRÜNEN und der FDP und dem faktischen Ausschluss einer formal möglichen Koalition mit den LINKEN und der AfD haben wir in Deutschland eine spezielle Situation, die unser Grundgesetz klar regelt, also keinerlei „Notstand“. Nach Gesprächen mit den im Bundestag vertretenen Parteien und in der Erkenntnis, dass es eine verbindliche Vereinbarung gibt (zwischen CDU/CSU und SPD), eine Kandidatin oder einen Kandidaten für das Amt des Bundeskanzlers/der Bundeskanzlerin mit der ausreichenden Mehrheit der gewählten Abgeordneten zu wählen (der sog. „Kanzlermehrheit“), hat allein der Bundespräsident das Recht, diese Kandidatin/diesen Kandidaten dem Bundestag zur Wahl vorzuschlagen. Gewählt ist diese Person, wenn sie im ersten Wahlgang – ohne jede Aussprache – die sog. Kanzlermehrheit auf sich vereinigt. Diese gewählte Person muss der Bundespräsident ernennen. (Vgl. Art. 63 GG).

Der Bundestag wählt also keine Koalition, auch keine Regierung, sondern eine Kanzlerin/einen Kanzler, die/der nach ihrer/seiner Ernennung die Regierung bildet, indem sie/er dem Bundespräsidenten die Minister der neu zu bildenden Regierung zur Ernennung vorschlägt. Anders als in einigen Landesparlamenten werden die Minister nicht vom Parlament gewählt oder bestätigt, sondern durch den Bundespräsidenten ernannt.

Ich verdeutliche noch einmal: der Bundespräsident, der – wie auch zumindest CDU/CSU und SPD – mit guten Gründen keine Neuwahlen will, hat zur Zeit eine einmalige Machtposition durch sein Vorschlagsrecht für das Bundeskanzleramt. Sollte sein Vorschlag keine ausreichende Mehrheit finden, verliert der Bundespräsident sofort sein Vorschlagsrecht und der Bundestag ist am Zug: innerhalb von 14 Tagen kann der Bundestag in mehreren Wahlgängen versuchen, irgendeine vorgeschlagene Kandidatin oder Kandidaten zu wählen. Aber der Bundespräsident darf nur den zum Bundeskanzler ernennen, der die Kanzlermehrheit erhalten hat.

Ist die Frist von 14 Tagen nach dem ersten erfolglosen Wahlgang (mit dem Vorschlag des Bundespräsidenten) verstrichen und kein Kanzler (oder Kanzlerin) gewählt, dann muss unverzüglich ein neuer Wahlgang (mit x-möglichen Kandidatinnen und Kandidaten) stattfinden, bei dem gewählt ist, wer die Mehrheit der abgegebenen Stimmen erhält. Ist das die Kanzlermehrheit, muss der Bundespräsident den Gewählten oder die Gewählte ernennen. Erhält er/sie zwar die Mehrheit der abgegebenen Stimmen, aber nicht die qualifizierte Kanzlermehrheit, dann hat der Bundespräsident innerhalb von 7 Tagen das Recht, ihn/sie zu ernennen, oder den Bundestag aufzulösen.

Ich gehe davon aus, dass der Bundespräsident diese letzte Möglichkeit vermeiden will, und die Kandidatin der CDU/CSU, Angela Merkel, dieses „14-Tage-Chaos“ vermeiden will. Beide haben ein Interesse daran, dass die jetzige geschäftsführende Bundeskanzlerin im ersten möglichen Wahlgang auf Vorschlag des Bundespräsidenten die Kanzlermehrheit erhält und dann ihre Regierung bilden kann.

Dies – dies ist mein Vorschlag – wird möglich durch eine Vereinbarung der drei Parteien CDU, CSU und SPD, in der beide Fraktionen verpflichtet werden, im ersten Wahlgang Angela Merkel zu wählen. Ich nenne auf Vorschlag meines alten Schulfreundes aus Krefelder Zeiten, Prof. Dr. Karl-Heinz Naßmacher (pensionierter Hochschullehrer für Politikwissenschaft an der Universität Oldenburg, der jetzt in Solingen lebt) diese Vereinbarung einen Stabilitätspakt.

Dieser Stabilitätspakt muss m.E. zumindest folgende Eckpunkte verbindlich regeln:

  • Neben der Sicherung eines ausreichenden und stabilen Wahlergebnisses durch die beiden Fraktionen zur Bundeskanzlerin im ersten Wahlgang auf Vorschlag des Bundespräsidenten verpflichtet sich Angela Merkel (die neu ernannte Bundeskanzlerin), dem Bundespräsidenten Sigmar Gabriel (SPD) wieder als Außenminister vorzuschlagen. Der Bundespräsident muss ihn auf diesen Vorschlag hin zum Außenminister ernennen.
  • Gemeinsame Sicherung der Rolle Deutschlands als verlässlicher Partner in EU, NATO und UNO;
  • Gemeinsame Außen- und Europa- und Sicherheitspolitik;
  • Keine Beteiligung an einem konstruktiven Misstrauensvotum gegenüber der Bundeskanzlerin während der vereinbarten Legislaturperiode;
  • Klärung des Vorsitzes im Auswärtigen- und Europaausschuss des Bundestages
  • Für alle Fragen der Innen-, Wirtschafts- und Sozialpolitik behalten sich beide Seiten volle Handlungsfreiheit vor, d.h. die unionsgeführte Minderheitsregierung kann sich für ihre Maßnahmen eine beliebige Mehrheit im Bundestag suchen, die SPD wird – soweit sie das für richtig hält – dagegen opponieren.

Dieser zwischen den Parteien CDU, CSU und SPD geschlossene Stabilitätspakt ist grundgesetzkonform, so wie auch ein Koalitionsvertrag nach unserer Verfassung möglich, aber nicht notwendig ist. Zwischen der politischen Praxis, vor der Bundeskanzlerwahl einen Koalitionsvertrag der beteiligten Parteien zu beschließen, der dann den gewählten Bundeskanzler bindet, und den gesetzlichen Regelungen des Grundgesetzes ist zu unterscheiden. So kennt unser Grundgesetz weder den Begriff „Koalition (von Parteien)“, noch den Begriff „Koalitionsvertrag“. Daher ist auch eine Vereinbarung im Sinne des obigen Stabilitätspaktes, geschlossen durch die beteiligten Parteien, möglich und für eine stabile Politik ausreichend.

Dieser Stabilitätspakt kann nach außen wie nach innen die erwartete gemeinsame Europa- und Außenpolitik stärken und die weltweite Anerkennung der Bundeskanzlerin und des Außenministers sichern und verbessern. Gleichzeitig werden die Durchsetzungsmöglichkeiten der Fraktionen des Bundestages (z.B. in den Gesetzgebungsverfahren) in der Innen-, Sozial- und Wirtschaftspolitik vergrößert. Dies ist sicher auch im Interesse der SPD, ihre Wahlergebnisse mittel- und langfristig zu verbessern.

Auch muss die „Wartestellung“ der gewählten Abgeordneten des Bundestages möglichst bald beendet werden. Es kann nicht sein, dass die Ausschussarbeit zum großen Teil brach liegt, weil alles auf die Koalitionsverhandlungen fixiert ist – und diese sich unnötigerweise hinziehen. Daher stelle ich mir abschließend folgenden Zeitablauf vor:

  1. Bis Anfang Januar 2018 ist der Stabilitätspakt in der Außen- und Europapolitik zwischen SPD und CDU/CSU ausgehandelt, formuliert und in den Gremien der drei Parteien diskutiert und beschlossen.
  2. Mitte Januar 2018 schlägt der Bundespräsident Angela Merkel dem Bundestag als erneute Bundeskanzlerin vor.
  3. Die gewählte und ernannte neue/alte Bundeskanzlerin schlägt im nächsten Schritt Sigmar Gabriel dem Bundespräsidenten als Außenminister vor und der Bundespräsident ernennt ihn.
  4. Die Bundeskanzlerin schlägt dem Bundespräsidenten die übrigen Ministerinnen und Minister zur Ernennung vor.
  5. Die Bundeskanzlerin gibt gegenüber dem Bundestag ihre Regierungserklärung ab. Zuvor setzt der Bundestag gemäß der Vorgabe der ernannten Ministerinnen und Minister seine Ausschussstruktur fest. Natürlich ist es möglich, dass im Stabiltätspakt (von CDU, CSU und SPD) gemeinsame Regelungen bezüglich der Bundestagsausschüsse getroffen wurden.

Mit diesen Überlegungen und Vorschlägen, die auf der Basis des Konzeptes von Karl-Heinz Naßmacher „Ein Weihnachstsgeschenk für Deutschland“ (Stand 30.11.2017) von mir formuliert wurden, wollen wir erreichen, dass die außenpolitische Anerkennung der Bundesrepublik und ihrer Bundeskanzlerin wie des jetzigen Außenministers weiterhin gesichert wird; der Spielraum der politischen Fraktionen im Bundestag vergrößert wird – und dies nützt auch der Zukunft der SPD.

p.s.

Prof. Dr. Karl-Heinz Naßmacher (ehemals Hochschullehrer für Politikwissenschaft an der Universität Oldenburg) und ich kennen uns seit unserer gemeinsamen Schulzeit am Fichte-Gymnasium in Krefeld und sind beide über 50 Jahre Mitglied der SPD. Die Forschungsschwerpunkte von K.-H. Naßmacher sind die Parteienfinanzierung, der Parlamentarismus und die Kommunalpolitik.

Wieviel % hatte das Jordanwasser, mit dem Jesus aus Nazaret durch Johannes getauft wurde?

Wieviel % hatte das Jordanwasser, mit dem Jesus aus Nazaret durch Johannes getauft wurde?

Diese von mir gestellte Frage ist entweder ungehörig oder missverständlich; denn wieviel Prozent wovon sind gemeint: Salz- oder Alkoholgehalt ?

Wenn der Salzgehalt gemeint wäre, liegt ein Missverständnis vor: nicht der See Genezaret oder das Tote Meer sind im Blick, sondern gefragt wird nach der Wasserqualität des Jordans, also eines Flusses. Die Antwort in Prozent-Zahlen interessiert vielleicht einen Fischer oder Wasserfachmann – aber provozierend ist die Frage nach dem Alkoholgehalt.

Und ungehörig ist die Fragestellung für einen theologisch gebildeten Christen, denn schon in der Frage könnte eine Verunglimpfung der Religion stecken – fast schon ein Straftatbestand. Meine Frage hat jedoch einen konkreten wie realen Hintergrund: der 38%ige Urkorn der Firma Sasse aus Schöppingen.

Dieser Hinweis wirkt zunächst rätselhaft, bedarf daher der Aufklärung. Der genannte Schnaps-Produzent aus dem Münsterland vertreibt zu Ehren Martin Luthers und seiner Reformation vor 500 Jahren eine Flasche Urkorn zu 38% Alkohol und zu einem Preis von 18,90 EUR mit einem eindeutigen Produktnamen: TAUFWASSER.

Ich fand dieses Produkt – in einer schönen altmodischen Flasche und von klarem Wasser optisch nicht zu unterscheiden – im Andenkenladen des Münsteraner Stadtmuseums in der Salzstraße. Was ging mir spontan „durch den Kopf“?
° Taufen mit Alkohol ist laut Codex Iuris Canonici (CIC) und der liturgischen Vorschriften ungültig; d.h. der Taufakt kommt nicht zustande; ist darüber hinaus vermutlich ein „sacrilegium“, gleich ob der Säugling ihn einatmet oder ein Erwachsener ihn trinkt (= Missbrauch hoch 2). Selbst wenn ich die Gesundheitsgefährdung außen vor lasse – auch die historisch verbürgte Ganzkörpertaufe war nicht ohne Risiko – , ist klares H2O taufaktkonstitutiv.

Wie kommt die Schnapsbrennerei Sasse (auf wessen Anforderung oder Anregung?) dazu, zugegeben reinsten Schnaps als Taufwasser zu kreieren? Auch hier hilft eine kritische Kontextanalyse weiter.

Im Stadtmuseum Münster wird z.Z. eine kleine, aber interessante Ausstellung präsentiert: „Die Macht des Wassers – Taufen in der Reformation, verantwortet vom Stadtmuseum (Barbara Rommé) und vom Evangelischen Kirchenkreis Münster. Dokumentiert werden die christlichen Taufgebräuche und Gebete und die dazugehörigen Holzschnitt- und Buchdruck-Abbildungen aus der Reformationszeit. Im Einzelnen werden die Taufpraktiken der (katholischen) Altgläubigen, der Lutheraner und der in Münster bis heute berüchtigten Taufgesinnten – immer noch „Wiedertäufer“ genannt – erklärt. Im Mittelpunkt der Glaubenstaufe der Münsteraner Täufer steht ein kleiner Holzbottich, ein ausgewiesenes Imitat; wobei mir spontan nicht klar war, ob aus diesem Holzeimer das Taufwasser geschöpft wurde, um es dem nieder knieenden Taufbewerber über seinen Kopf zu gießen oder ob der gesamte Eimerinhalt über den Täufling ausgegossen wurde. Wie dem auch sei, die beigefügten Animationszeichnungen legen die erste Version nahe. Auf jeden Fall wurde mit Wasser getauft und nicht mit Schnaps.

Was soll also der 38%ige Alkohol in der Flasche Taufwasser ? Ich vermute, Inhalt wie Verpackung dienen der Kommerzialisierung religiöser Gebräuche, so wie es (auf dem selben Tisch) Luther-Schokolade gibt. Aus Trier, dem Geburtsort von Karl Marx, wurde mir vor Jahren Karl-Marx-Schokolade (aus einer Konditorei nahe seines Geburtshauses) geschenkt.
Aber warum hat es, soweit ich weiß, noch keinen Protest von kirchlicher Seite, zumindest der anderen Konfessionen, gegen diese Vermarktung gegeben ? Zumindest sollten sich doch die Kräfte rühren, die markt- und kapitalismuskritisch sein wollen.

Oder – eine perverse Vermutung, ja Unterstellung – Museumsleitung und Kirchenkreis (Lutheraner?) wollen suggerieren, die Täufer hätten mit Alkohol getauft. Dies würde ihre – zeitgenössisch unterstellten – Verzückungen erkären und die Ungültigkeit bekräftigen. Als Kenner der Täuferbewegung lege ich gegen diese Unterstellung Protest ein, auch wenn ich es für plausibel halte, den Münsteraner Täufern (melchioritischer Konfession) neben der Vielweiberei (als sexuelle Orgien phantasiert) auch ausgeprägten Alkoholismus vorgeworfen zu haben.

Meine Lösung des Problems geht vom Naheliegenden aus: den ökonomischen Gesetzen des Marktes. Der Warencharakter des Taufwassers , und damit der Besitzwunsch potentieller Käufer soll verstärkt werden, trotz des relativ hohen Preises. Doch ich warne vor den Folgen. Ich stelle mir nämlich vor, ein „Ungläubiger“ – gleich welcher Herkunft – , der sich, durch die Artefakte der derzeitigen Skulpturausstellung verunsichert, in das Stadtmuseum flüchtet, entdeckt dieses Taufwasser, erkennt schon am Geruch den Alkoholgehalt und zieht den Rückschluss, Christen taufen mit Alkohol, der wie Wasser aussieht. Weitere Rückschlüsse erspare ich mir.

Auch eine harmlosere Konsequenz kann ich mir vorstellen: Rheinische wie Westfälische Christen entdecken diese Flaschen, gewinnen ihnen eine symbolische Bedeutung ab – und trinken in Erinnerung an die Jordantaufe diesen Urkorn.

Was hat sich die Kornbrennerei Sasse bei dieser Perversion gedacht? Die Kommerzialisierung religiöser Produkte ist vor allem verkaufsfördernd, wenn auf den ersten Blick der Alkoholgehalt des reinen Wassers unsichtbar bleibt.

Wie dem auch sei, ich schließe diese Episode mit der Replik eines weiteren Besuchers dieser Ausstellung, der meine halblaute Kritik an den Taufwasser-Flaschen zum Verkauf bemerkte und ökologisch bewusst formulierte: „…besser als verschmutztes Wasser aus der Leitung.“ Und ich füge, ein wenig boshaft, hinzu: zumindest katholisches Taufwasser ist gesegnet (optimal in der Osternacht) und damit innerlich gereinigt.

Die Heimsuchung des Zeichners Matthias Beckmann

Als Mensch, der sich berufsmäßig mit Theorie und Praxis von Lernumgebungen beschäftigt hat, weiß ich um die Bedeutung einer sachgemäßen wie unterstützenden Umgebung für erfolgreiche Lernprozesse. Aber neben der stimulierenden Wirkung kenne ich auch die inszenierte Wirkung eines Kopfarbeiters in seinem Arbeitszimmer, abgebildet in einer Fotografie oder in einer Lithografie. Die entschlüsselbare Symbolik der Selbst- oder Fremddarstellung soll die Bedeutsamkeit des oder der Porträtierten zeigen und verstärken.

Beispielhaft erinnere ich an eine Fotografie von Virchows Arbeitszimmer in der Charité in Berlin: der berühmte Chirurg mit mehr als einem halben Dutzend menschlicher Skelette und zahlreichen Schädeln hinter seinem Arbeitstisch. Oder ich denke an Dürers Kupferstich „Der heilige Hieronymus im Gehäus“ aus dem Jahre 1514 mit dem gutmütigen Löwen und dem schlummernden Hund im Vordergrund. Der Löwe geistert bis heute durch die Literatur. Nicht zu vergessen sind die Holzschnitte des „Büchernarren“ seit dem Mittelalter bis zum „Wol-geschliffenen Narren-Spiegel … hrsg. durch Wahrmund Jocoserius, Nürnberg 1730; in der Nachfolge von Sebastian Brants „Narrenschiff“.

Immer steht im Mittelpunkt der Zeichnung die Person und seine Umgebung; vom heiligen Gelehrten bis zum bibliophilen Narren und zum Pathologen in seinem Panoptikum. Anders verhält sich der Zeichner und Grafiker Matthias Beckmann aus Berlin. Ihn interessiert die Umgebung und das Arbeitszimmer als Ort – der Arbeitsstuhl bleibt leer.

Vermittelt durch ein Stipendium des DA Kunsthauses Gravenhorst im Kreis Steinfurt war Matthias Beckmann in unserer Wohnung in Metelen und hat u.a. mein Arbeitszimmer heimgesucht. Das zeichnerische Ergebnis seiner konzentrierten und auswählenden Beobachtung liegt vor. Ich bin so frech zu behaupten, dass von der Zeichnung auf den Eigner des leeren Arbeitssessels, also mich, rückgeschlossen werden kann und wird. Die einen werden es Chaos nennen, die anderen mögen im Bereich der Kreativität nach einer passenden Bezeichnung suchen. Ich nenne die Bleistift-Zeichenmethode induktiv; sie erlaubt einen Rückschluss vom Arbeitsort auf den dort (nicht) sitzenden Kopfarbeiter.

Zum Schluss meiner Reflexion kann die Praxis der „Heimsuchung“ durch den Künstler Matthias Beckmann aufgeklärt werden: wie bei mir üblich ziehe ich das etymologische Wörterbuch zu Rate: das mittelhochdeutsche Wort heime suochen bedeutet: „in freundlicher oder feindlicher Absicht daheim aufsuchen“ und heimsuochunge meint: “Hausfriedensbruch“. Ich kann die freundliche Absicht bezeugen. Aber eine letzte Frage sei erlaubt: Wie hätte der Löwe reagiert, wenn Matthias Beckmann Hieronymus in seiner Studierstube heimgesucht hätte?

Zur Sprache der Ethik (Wittgenstein-Korrektur)

Sprache (Sätze im Kontext, synsemantische Ausdrücke) kann – im Gegensatz zur Position Wittgensteins im Tractatus (TLP) – sehr wohl Werte ausdrücken, doch deren Sinn (oder Unsinn) läßt sich nicht aus einem absoluten Wert – außerhalb des In-der-Welt-Seins bestimmen oder ableiten. Denn meine sprachkritische Überlegung – im Bereich der Semantik – kennt nur deiktische Ausdrücke, synsemantische Ausdrücke unterschiedlicher Qualität und logische Partikel. Wert ist also der Inbegriff verschiedener Werte. Diese haben zwar eine hierarchische Verknüpfung (Basis sind die Grundwerte), aber sie sind vorläufig, d.h. Sie sind entwickelbar und notwendig reformierbar.

Ihre Legitimität ergibt sich einerseits aus der Autonomie des menschlichen Handelns – dem Selbstbewußtsein, der Verantwortlichkeit und der Unantastbarkeit der Würde des Menschen –, andererseits aus der gesetzten

Verbindlichkeit: den gesellschaftlich verbindlichen Normen. Auch die Grundwerte und die Menschenrechte müssen durchgesetzt und historisch rekonstruiert werden. Ethische Normen sind keine Naturgesetze, sondern für verbindlich erklärte Verhaltensweisen. Ein Verstoß gegen sie kann und muss gebrandmarkt werden. Für die gesellschaftlichen wie individuellen Verbrechen – als Verstöße gegen die Normen des Zusammenlebens und der Menschenwürde – sind die Menschen verantwortlich. Das sogenannte Böse fällt nicht vom Himmel, es ist und wirkt In-der-Welt. Der Kampf gegen das Verbrechen ist daher eine dauernde Aufgabe; wie auch die ständige Revision der Normen.

Alle Paradies-Vorstellungen – sowohl im Himmel wie auf der Erde – bedürfen der Aufklärung. Die Bedeutungen des „absolut Gerechten“ oder des „absolut Guten“ oder des „ewigen Friedens“ bedürfen einer speziellen Analyse als Grenzwert-Überlegung. Der absolute Wert ist nur als Utopie vorstellbar Das mag eine Problem-Lösung sein, aber keine Erlösung der endlichen Welt. Daher spreche ich von der Dynamik des Vorläufigen.

Grillasch (Grillage)

Krefeld/Metelen, 14./16. April 2016 (16 Uhr Café Heinemann, Hochstr.)

In Erinnerung an meine Mutter, eine Ur-Krefelderin

Ich sitze – in Erinnerung an meine Eltern (regelmäßige Café-Heinemann.Besucher; speziell meine Mutter, entweder mit ihren Freundinnen oder meinem Vater im Schlepptau) – in diesem Café, habe mir einen Tisch mit Rundblick ausgesucht und bestelle mir bei der „Bedienung“ – jüngere Frauen mit leicht Krefelder Akzent und weißer Schürze, auch wenn sie mir im Gespräch gesteht, aus Mönchengladbach zu sein, also ich bestelle mir – neben dem üblichen „Latte“ und der Flasche Mineralwasser – ein Stück „Grillasch-Torte“; eine Krefelder/Niederrheinische Spezialität.

Grillagetorte deswegen, damit mir der spezielle Geschmack dieser gefrorenen, süßlichen, mit Schokoladensplitter durchsetzten Torte die Erinnerung an die ersten 18 Jahre meines Lebens in Krefeld verstärkt.

Und ich höre Gesprächsfetzen einer älteren Frauengruppe am Nebentisch:
Gebärmutter, Eierstöcke – stationär oder in der Praxis; typisches Gerede beim Kaffee. Der Krefelder/die Krefelderin wissen endlos über Krankheiten und Operationen, zumeist anderer, zu erzählen – Hans-Dieter Hüsch (das Schwarze Schaf vom Niederrhein) und meine Mutter lassen grüßen.

Ich bin für einen Tag an den Niederrhein, in meine Geburtsstadt Krefeld zurückgekehrt. Und werde nie die Episode mit meiner Mutter im Café vergessen: es muss 1980 gewesen sein. Ich saß mit meinen Eltern im damaligen Café Sinn auf der ersten Etage; es war am Nachmittag brechenvoll. Wir hatten zielsicher doch noch einen Tisch gefunden. Ich (1943 geboren, Einzelkind, overprotected) wurde von meiner Mutter so plaziert, dass ich ihren Persianermantel (oder wars schon der Nerz) an der Garderobe ständig „im Auge“ hatte, um einen möglichen Diebstahl – oder sei es nur eine Verwechslung – zu verhindern – sonst hätte sie ihren kostbaren Mantel, der im Sommer wohlverpackt im Kleiderschrank hing und nach Mottenkugeln roch – denn die Motten waren nach den Dieben die zweite Bedrohung, sonst hätte sie ihre Kostbarkeit auch im vollbesetzten, dampfenden Café nicht ausgezogen.

Plötzlich entdeckte meine Mutter Clementine eine Freundin auf der anderen Seite der Tischreihen, sprang auf, fuchtelte aufgeregt mit den Armen, so dass die Freundin aufmerksam wurde, und rief quer durch den Raum: „Niere raus, Promotion gut!“

Ich erbleichte und errötete zugleich. Noch heute spüre ich die Veränderung meiner Gesichtshaut. Aber die Freundin hatte verstanden, wie sie durch ein leichtes Kopfnicken andeutete und steuerte auf unseren Tisch zu, DieTischnachbarn horchten kurz auf, der Inhalt schien sie nicht weiter zu irritieren – und die Gesprächskulisse setzte sich fort.

So sind sie, die Krefelderinnen, so erinnere ich meine Mutter – und kann die Wahrnehmung von Hans-Dieter Hüsch nur bestätigen. Der Informationsgehalt der Botschaft meiner Mutter ist nur noch von marginalem Interesse: Meine Tante war zunächst erfolgreich operiert worden und ich hatte mein Doktorexamen erfolgreich abgeschlossen.

Ich bin für einen Tag und eine Nacht zu einem Klassentreffen nach Krefeld zurückgekehrt und am nächsten Tag wieder ins Münsterland zurückgefahren.

P.S. Der Abrechnungszettel des Cafés Heinemann druckt den Namen der Torte korrekt: Grillage Torte. Aber ich bin sicher: kaum ein Krefelder kennt die korrekte Schreibweise; denn wer Grillaasch sagt, der schreibt auch Grillasch.
Da es sich bei diesen Episoden um Weiter-zu-Erzählendes handelt, bestand eine Freundin darauf: Grillage-Tochte(pardon:)Torte gäbe es auch in Bochum (Ruhrgebiet). Wohin die Niederrheiner überall ausgewandert sind! Und ein letztes Wort: Wikipedia kennt Fundorte für Grillage in Böhmen und Bayern schon im 19. Jahrhundert. Und hätte ich meiner Mutter gesagt: laut Internet wird Grillage auch Havanna-Torte genannt, hätte sie geantwortet: „Junge, Du spinnst!“ – trotz Promotion.

Grußwort zur Aufstellung einer Gedenksäule zur Erinnerung an die Schöppinger Bürgerinnen und Bürger, die, angeführt von Heinrich Krechting, 1534 als Täufer nach Münster zogen, in das „Neue Jerusalem“, um das endzeitliche Königreich Christi aktiv zu erwarten

(Neufassung vom 08. Oktober 2015)

Meine Damen und Herren,

wie Einige von Ihnen wissen, arbeite ich ehrenamtlich im Archiv des Heimatvereins Metelen und erstelle dort u.a. eine regionalgeschichtliche Bibliothek. Weiterhin bin ich Mitglied im Arbeitskreis „Kulturraum Scopingau“ und habe Anfang dieses Jahres zusammen mit Thomas Flammer das Buch „Beiträge zur Kirchengeschichte des Scopingaus“ herausgegeben. Seit Jahren beschäftige ich mich mit der Gestalt des Hinrich Krechtinck/Heinrich Krechting aus Ihrem Ort Schöppingen und habe sein Leben von ca. 1540 bis 1580 in der Grafschaft Gödens in Ostfriesland in meinem Buch „Die radikale Umkehr des Heinrich Krechting am Schwarzen Brack“ (2013) auch literarisch verarbeitet.

Die Einladung und die Absicht, hier am historischen Rathaus eine Gedenksäule für die Beteiligung Schöppinger Bürger am Täuferreich in Münster aufzustellen, hat mich überrascht und auch verstört. Überrascht bin ich, dass sich heute (2015) politische Gemeinde und Heimatverein auf diese Weise an das Münsteraner Täuferreich erinnern, einer radikalen Variante der Reformation, von Martin Luther bekämpft, mit zahlreichen Vorurteilen belastet und 1535 durch die Söldnertruppen des damaligen Fürstbischofs gewaltsam zerstört. Bis heute erinnern die drei Käfige am Lamberti-Kirchturm in Münster an dieses Ende – als Warnung vor radikaler Reform, vor Aufruhr gegen die Obrigkeit, vor Revolution.

Verstört hat mich diese Einladung, da ich Sorge habe, dass dieses Mahnmal der Erinnerung an „500 Jahre Reformation“ – im übernächsten Jahr – nicht gerecht wird. Ich füge hinzu, diese Sorge hat mir Pfarrer Böcker in einer Vorabklärung unserer Manuskripte zum größten Teil genommen, auch wenn wir im Detail unterschiedliche Einschätzungen des Täuferreiches in Münster haben.

Dabei stören mich nicht kleinere historische Ungenauigkeiten im Einladungstext, sondern ich will der Täuferbewegung als einer radikalen Form der Reformation zu Beginn der Neuzeit gerecht werden und auch der (mennonitischen) Täuferbewegung, die es bis heute weltweit gibt – und die ich zu den christlichen Kirchen zähle.

Dass Sie hier in Schöppingen Heinrich Krechting und seine Familie ins Zentrum der Erinnerung stellen, kann und muss auch bedeuten, dass Sie seine gesamte Lebensgeschichte und die seiner Kinder erinnern: Heinrich Krechting hat sich in einen konsequenten Calvinisten gewandelt, hat 40 Jahre lang bis zu seinem Tod 1580 zwar geschwiegen, aber wurde Kirchenvorsteher der reformierten Kirche in Dykhausen, Landwirt, Stadt- und Hafenplaner in der Grafschaft Gödens – und sein Enkel setzte diese Tradition als Bürgermeister der Freien Hansestadt Bremen fort, ohne seinen Großvater zu verleugnen.

Daher gebe ich zu bedenken;

dass die Zerstörung des Täuferreiches in Münster und die zahlreichen Hinrichtungen der Täuferinnen und Täufer im 16. und 17. Jahrhundert nicht das Ende der radikalen Erneuerung des Christentums und ihrer Kirchen bedeuten. Heinrich Krechting aus Schöppingen, Bruder des hingerichteten Pfarrers Bernd Krechting, hat weitergewirkt und als radikaler Reformator die Neue Stadt Gödens in Ostfriesland am Schwarzen Brack geplant und erbaut – für alle Konfessionen und Religionen, weltoffen und mit Deichen geschützt vor den Stürmen der Nordsee und den Reaktionen der Herrschenden.

Selbstkritisch gegenüber seiner früheren Praxis als Kanzler des Täuferreiches und menschenfreundlich für alle Glaubensflüchtlinge aus dem Reich Karls V., blieb er bis zu seinem Tod am 28. Juni 1580 stumm, aber nicht wirkungslos.

Um nicht missverstanden zu werden, will ich zum Abschluss meines Grußwortes bewertend aus heutiger Sicht verdeutlichen:

Heinrich Krechting war Täter in einer fanatischen Bewegung und als ausgebildeter Jurist ihr Vollstrecker; er erwartete aktiv und gewaltsam das endzeitliche Gottesreich. Er lebte als Täufer in einem Land, in dem auf der Grundlage eines Reichsgesetzes auf den Empfang und das Bekenntnis zur Erwachsenentaufe die Todesstrafe stand.

Krechting überlebte, anders als sein Bruder Bernd, die Eroberung Münsters und löste sich nur langsam von seinen apokalyptischen Hoffnungen, die Wiederkehr Christi stehe bevor.

Zuletzt floh er in die Grafschaft Gödens am Schwarzen Brack (im heutigen Ostfriesland) und wandelte sich in einen gewaltfreien Calvinisten; wahrscheinlich nach intensiven Gesprächen mit Gräfin Hebrich von Gödens und seinem Freund, dem polnischen Reformator Johannes a Lasco aus Emden.

Ich meine, diese Entwicklung, diese Umkehr des Heinrich Krechting aus Schöppingen und seiner Familie, dieses Modell einer Hafenstadt wie Neustadtgödens, in der alle Flüchtlinge frei und gemeinsam leben und arbeiten konnten, sollte beim Nachdenken über dieses Mahnmal nicht vergessen werden.

Auch seine Enkel und Urenkel, Heinrich Krefting und Hermann Wachmann, anerkannte Bürgermeister der freien Hansestadt Bremen, haben diese Erinnerung an ihren Großvater in einer schriftlichen „Nachricht“ festgehalten.

Grenzen und Möglichkeiten der Erziehung zur Selbstständigkeit und Eigenverantwortung im System Schule

Erfahrungen und Reflexionen aus dem Bereich der beruflichen Bildung junger Menschen

(Dieser Text entstand im Herbst 2009 und erschien 2010 in überarbeiteter und verkürzter Form G.Bartsch/R.Gaßmann (Hrsg.): Generation Alkopops, Freiburg 2010.)

Nach Angaben des Bildungsreports Nordrhein-Westfalen 2009 (Lander 2009) verließen im Schulabgangsjahr 2008 in NRW 14.296 Jugendliche eine allgemeinbildende Schule, ohne einen Hauptschulabschluss erreicht zu haben. Dies waren 6,4% aller 223.452 Schulabgängerinnen und Schulabgänger. Über die Hälfte (52,8%) dieser Schulabgänger besuchten zuvor Förderschulen. Insgesamt erzielten Mädchen im Durchschnitt bessere Abschlüsse als Jungen (4% zu 2,6% ohne HS-Abschluss).

Die Erfahrungen aus meinen letzten Berufsjahren als Berufsschullehrer (bis 2008) von Schülern eines Berufsgrundschuljahres (alle männlich) ergänzen diese Zahlen: Alle Schüler hatten nur den Hauptschulabschluss. Keiner hatte einen Ausbildungsplatz im dualen System gefunden. Auch die Verweildauer von mindestens 10 Jahren im „allgemeinbildenden“ Schulsystem hatte sie nicht dazu befähigt, einen regulären Ausbildungsplatz zu erlangen.

Bemerkenswert ist darüber hinaus, dass Schulabschlüsse immer häufiger außerhalb des allgemeinbildenden Schulsystems erworben werden, z.B. an Volkshochschulen, in speziellen Programmen von Bildungsträgern/sozialen Trägern oder an privaten Institutionen (für 2006 13,7% Hauptschulabschlüsse im Vergleich zu 89% Fachhochschulreife und 14,5% Allgemeine Hochschulreife).

Erfahrungshintergrund meiner Ausführungen

Seit langem beschäftige ich mich theoretisch wie praktisch mit „systemischen“ Mängeln unserer (öffentlichen) Schulen und Hochschulen, wie z.B. Bluff-Techniken, Beliebigkeit der Theorie-Produktion, langfristige Erfolgslosigkeit, strukturelle Verantwortungslosigkeit, kontinuierlicher Qualitätsverlust und erhöhte Resistenz gegen Veränderung.

Praktisch habe ich in verschiedenen Projekten gearbeitet: Zur Reform der Hochschulausbildung (1974-1978 Universität Münster), 2005 bis 2008 im Modellversuch MOSEL „Modelle des selbst gesteuerten und kooperativen Lernens und die notwendigen Veränderungen in Bezug auf die Organisations- und Personalentwicklung“ – an drei Berufskollegs im Ruhrgebiet (innerhalb des Modellversuchsprogramms SKOLA).

Reflexion der Erfahrungen aus dem Modellversuch MOSEL[1]

Schülerinnen und Schüler verfügen im Laufe ihrer „Schulkarriere“ über interessengeleitete (wenn auch verinnerlichte) Verhaltensstrategien, die mit den von Lehrerinnen und Lehrern erwarteten Verhaltensweisen nicht kongruent sind. Der schulische Anpassungsprozess betrifft nicht nur die Schülerinnen und Schüler, sondern prägt auch das Verhalten der Lehrkräfte. Sie passen sich durch Ordnungsvorstellungen, Belohnungs- und Bestrafungsverhalten (z.B. in der Leistungsbenotung) und den Umgang mit allen Beteiligten im „Biotop“ Schule den Erwartungen an dieses System an.

Ein teilweise naives Theorie-Praxis-Verständnis bei der Rekonstruktion von Lernprozessen behindert wirksame Lernprozesse. In der alltäglichen Schulpraxis ist „Theorie“ oft nichts anderes als Lehrbuchwissen (inklusive Unterrichtsversuche) und Legitimationswissen (Ideologie) sowie ungeklärte Ritualpraxis (z.B. bei Unterrichtsbeginn oder der Ausgabe von Klassenarbeiten). Die Erfolgskontrolle durch Notengebung in Klassenarbeiten oder Prüfungen spiegelt nur scheinbar reale Leistungen wider. Der Widerspruch zwischen Lernerfolg in der Schule und späterem Misserfolg in Beruf und Alltag – und umgekehrt – bleibt unaufgeklärt.

Es kann mit guten Gründen bestritten werden, dass der oben genannte Anpassungsprozess für die Kompetenzentwicklung, selbst reguliert zu lernen und zu arbeiten, erfolgreich ist. Zum offenen Widerspruch kommt es im Berufskolleg, indem die dort arbeitenden Lehrkräfte oft wie selbstverständlich vom beruflichen Lernen, also von einem vorgegebenen Berufsinteresse ausgehen. Zwei unterschiedliche Strategien treffen aufeinander, kollidieren miteinander; zumindest in dem Unterricht, der sich an beruflichen Lernsituationen orientiert. Diese Brüche oder Kollisionen relativieren sich in der dualen Ausbildung, da die Auszubildenden einen Ausbildungsvertrag geschlossen haben, der für sie den Beginn einer Berufskarriere darstellt und so ein Berufsinteresse (mehr oder weniger zwingend) erzeugt. Es sei denn, die Aufnahme eines bestimmten Ausbildungsverhältnisses ist eine „Verlegenheitslösung“. Dann kollidieren bei dem einzelnen Schüler schon unterschiedliche Interessen.

In vollzeitschulischen Ausbildungen oder berufsvorbereitenden Bildungsgängen ist ein spezifisches Berufsinteresse zunächst nicht gegeben. Es muss daher erzeugt und entwickelt werden und darf nicht stillschweigend erwartet und bei Nichtvorhandensein negativ sanktioniert werden. Die Hoffnung, Schülerinnen und Schüler ohne artikulierte und kommunizierte Einsicht in ein für sich selbst akzeptiertes und erfahrenes Berufsinteresse für den Lernprozess in beruflichen Lernsituationen motivieren zu können, ist, so zeigt die Erfahrung, trügerisch. Nur durch die Aktivierung eigener Interessen mit dem Ziel, ein nachhaltiges Berufsinteresse bei den Lernenden zu entwickeln, entsteht und entwickelt sich ein subjektgesteuerter Lernprozess. Hierin steckt die Schwierigkeit, aber auch die Lösungsperspektive des Problems, Lernen als „Holschuld“ und nicht mehr als „Bringschuld“ der Lehrkräfte zu bestimmen.

Die im Bildungsgang der zweijährigen Berufsfachschule im Berufsfeld Sozial- und Gesundheitswesen (Paul-Spiegel-Berufskolleg Dorsten) gemachten und dokumentierten Erfahrungen greifen Tramm und Naeve (2007) auf, um die notwendige Abkehr von einem „naiven didaktischen Naturalismus“ zu begründen und zu explizieren. Gerade wenn es um Selbstorganisation in Bildungsprozessen geht, sind systematische Förderung und die Schaffung entsprechender Rahmenbedingungen notwendig, denn „lernförderliche authentische Situationen sind nicht einfach naturwüchsig vorzufinden“. Es geht um die Vermeidung von Beliebigkeit und um die sachgemäße und anspruchsvolle Modellierung kompetenzförderlicher Problemsituationen. Sowohl die Entscheidung darüber, woran gelernt werden soll, als auch die Gestaltung lernförderlicher Problemsituationen müssen in der Kompetenz professionell Lehrender liegen (Tramm & Naeve 2007). Dies ist gerade bei der Planung und Durchführung vollzeitschulischer Bildungsgänge relevant. Problemsituationen müssen so ausgewählt und geplant werden, dass sie lösbar sind, keine Überforderung darstellen, kompetenzförderlich und bildungsrelevant sind.

Ein weiteres Element des Konzepts ist die Erzeugung und Entwicklung von Berufsinteresse. Wie sonst ist eine erfolgreiche Entwicklung beruflicher Kompetenz möglich? Wenn dieses Konzept beruflichen Lernens und Lehrens – den Möglichkeiten nach – erfolgreich ist, dann ergeben sich weitreichende schulpolitische Konsequenzen, z.B. für die Förderung und das sog. „Nachholen“ allgemeiner Abschlüsse im Berufskolleg, in dem junge Erwachsene lernen. Individuelle Förderung in den verschiedenen Bildungsgängen ist demnach keine Fortsetzung individueller Förderung in der Grundschule und den Schulen der Sekundarstufe I, sondern eine neue Möglichkeit, auf der Basis beruflicher Kompetenzentwicklung gefördert zu werden. Berufliches Lernen, sowohl als duale Ausbildung mit mehreren Lernorten (Ausbildungsbetrieb, Berufskolleg, überbetriebliche Ausbildungsstätte) als auch vollzeitschulische Ausbildung (Berufskolleg mit Werkstätten für die Fachpraxis, Betriebspraktika), ermöglicht berufliche Qualifikationen verschiedener Art und die Kompetenz, sich selbstständig weiterbilden zu können. Ist die Entwicklung beruflicher Kompetenz, die kommunikative und soziale Kompetenz einschließt, in einem bestimmten Maß erfolgreich erreicht und dokumentiert (durch Berufsabschlüsse unterschiedlicher Art oder auch Teilqualifikationen), kann die jeweilige Gleichwertigkeit in Bezug auf bisher nicht erhaltene Schulabschlüsse (Hauptschulabschluss, Fachoberschul-, Fachhochschul- und Allgemeine Hochschulreife) festgestellt und anerkannt (zertifiziert) werden.

Die erfolgreiche Anerkennung von Schulabschlüssen ist daher nicht als Resultat der Wiederholung bisheriger Lerninhalte und Methoden misszuverstehen, sondern die formale Anerkennung, im Medium der Beruflichkeit erfolgreich und damit auch eigenverantwortlich gelernt zu haben. Lernprozesse dieser Art sind Bildungsprozesse. Vermutlich trüge diese Art von Lernerfolg auch dazu bei, die Abbruchquoten in der Fachhochschul- und Hochschulausbildung zu senken. Zu bedenken bleibt: Mentalitäten sind – soziologisch gesehen – habituelle Verhaltensweisen, die weder durch Entschluss noch durch Motivation oder Lernmethoden kurzfristig zu ändern sind. Die gesamte Lernumgebung ist neu zu gestalten, die Ausbildung der Lehrenden – inklusive der Aufarbeitung beruflicher Erfahrung – grundsätzlich zu reformieren. Die Erzeugung, Entwicklung und Erfahrung von Berufsinteresse ist daher von großem Nutzen.

Schlussfolgerungen und Vorschläge

Selbstorganisiertes, „eigenverantwortliches“ Lernen ist für berufliches Lernen konstitutiv, um erfahrungswissenschaftlich geprägtes Können zu erzeugen (Neuweg 2005) und zu reflektieren (Kutschka 2008). Empfundene Beliebigkeit gegenüber beruflich relevanten Problemsituationen und bestehendes Desinteresse gegenüber den Anforderungen des beruflichen Lernfelds kann bei den Lernenden nicht durch – noch so gut gemeinte – Motivierungskonzepte verändert werden, sondern verlangt ein anspruchsvolles Gesamtkonzept professionellen Lehrens und Lernens.

Wenn nach den Grenzen und Möglichkeiten der Erziehung zur Selbstständigkeit im System Schule gefragt wird, dann muss empirisch geprüft werden:

Erstens, ob beim schulischen Lernen Verhaltensweisen positiv und nachhaltig verändert werden können.

Zweitens, ob bestehende Entwicklungsstörungen (z.B. aus der Kindheit bzw. aufgrund der Familiensituation) durch die Schule überhaupt abgebaut werden können, so dass auch außerhalb der Schule dauerhaft Selbstständigkeit und Eigenverantwortung praktiziert werden können (Stichworte: soziales, selbst reguliertes Lernen).

Und drittens, ob der systemische Zusammenhang des Lernortes Schule von Lehrenden wie Lernenden erkannt und bearbeitet wird, um Fehleinschätzungen zu vermeiden und wirksam handeln zu können (Stichworte: Wechselwirkung von Lernhandlung und Lernumgebung, Rolle der Lehrkräfte, Wirksamkeit der Erfolgskontrollen).

Um das Lernziel der Selbstständigkeit zu erreichen plädiere ich für folgende Maßnahmen:

  • Problemlösendes Lernen in (beruflichen) Lernsituationen, statt in Schulfächern.
  • Erfolgskontrolle durch Selbst- und Fremdevaluation z.B. durch konsequentes Arbeiten mit dem Lerntagebuch (Portfolio).
  • Nichtsprachliche Lernmethoden (z.B. durch Visualisierungen oder Rollenspiele, um Wünsche zu erkennen oder Tagträume in der Gruppe wahrzunehmen). Die Ausbildung der Lehrkräfte z.B. in Wahrnehmungspsychologie ist bislang mangelhaft.
  • Berufsinteresse entwickeln, statt Motivationstricks anzuwenden (Bildung im Medium der Beruflichkeit) Lernumgebungen verändern, um eigenverantwortliches Lernen zu fördern.
  • Vollständige Lernhandlungen durchführen und evaluieren, statt Lernprozesse dadurch unwirksam zu machen, dass sie voreilig und vorzeitig abgebrochen werden (Ein mögliches Beispiel ist das Arbeiten/Lernen in der sog. „Produktionsschule“).

Darüber hinaus sind zwei Erkenntnisse für selbst reguliertes und selbstbewusstes Lernen und Arbeiten junger Erwachsener konstitutiv:

Alle Lehrkräfte müssen professionell beratungskompetent sein bzw. werden, um die oben genannten Lernprozesse begleiten zu können.

„Gleichwertigkeit“ beim Nachholen von Schulabschlüssen von jungen Erwachsenen (in beruflichen Lernfeldern) ist nicht das Wiederholen des „gleichartigen“ Lernstoffes der Sekundarstufe I.

Literatur

Kutscha, Günther (2008). Beruflichkeit als regulatives Prinzip flexibler Kompetenzentwicklung – Thesen aus berufsbildungstheoretischer Sicht, in: bwp@, Ausgabe 14 (www.bwpat.de)

Lander, Bettina (2009). Bildungsreport Nordrhein-Westfalen 2009. Statistischen Analysen und Studien, Bd. 63. Information und Technik Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf

Neuweg, Georg Hans(2005). Implizites Wissen als Forschungsgegenstand, in: Rauner, Felix (Hrsg.): Handbuch der Berufsbildungsforschung, Bielefeld, S. 581 ff

Schmitter, Jürgen (2007a) Die Bildungsgangarbeit des Modellversuches MOSEL, in: F.-W. Horst/J. Schmitter/J. Tölle, Hrsg.: Lernsituationen unter dem Fokus selbst gesteuerten und kooperativen Lernens – Wie MOSEL Probleme löst, Bd. 2, Paderborn, S. 11ff

Schmitter, Jürgen & Weber, Norbert (2007b). Schülerinnen und Schüler zu professionellem Lernen verleiten, in: F.-W. Horst/ J. Schmitter/J. Tölle, Hrsg.: Lernarrangements wirksam gestalten (Wie MOSEL Probleme löst, Bd.1), Paderborn S. 12ff

Schmitter, Jürgen & Weber, Norbert (2008). Schulleitungshandeln: Balance zwischen Innovation und Funktion – Erfahrungen und Maßnahmen aus dem Modellversuch MOSEL, in: Diesner/Euler/Pätzold/Thomas/von der Burg, Hrsg.: Selbstgesteuertes und kooperatives Lernen. Good-Practice-Beispiele aus dem Modellversuchsprogramm SKOLA, Paderborn, S. 271ff

Schmitter, Jürgen & Tölle, Jens (2008). Notwendigkeit und Möglichkeit der Entwicklung von Berufsinteresse in vollzeitschulischen Ausbildungsgängen des Modellversuchs mosel, in: Diesner/Euler/Pätzold/Thomas/von der Burg, Hrsg., a.a.O., S. 247ff

Tramm, Tade & Naeve, Nicole (2007). Auf dem Weg zum selbstorganisierten Lernen – Die systematische Förderung der Selbstorganisationsfähigkeit über die curriculare Gestaltung komplexer Lehr-Lern-Arrangements, in: bwp@, Ausgabe 13 (www.bwpat.de)

Weitere Literaturhinweise

Fuchs, Carina (2005). Selbstwirksam lernen im schulischen Kontext, Kennzeichen – Bedingungen – Umsetzungsbeispiele, Bad Heilbrunn

Karsten, Maria-Eleonora (2005). Evaluation beruflicher Kompetenzentwicklung in der Erzieherausbildung, in: Rauner, Felix (Hrsg.): Handbuch Berufsbildungsforschung, Bielefeld, S. 501ff

Lisop, Ingrid & Schlüter, Anne (Hrsg.) (2009). Bildung im Medium des Berufs?, Frankfurt/Main

Neuweg, Georg Hans (2006). Das Schweigen der Könner – Strukturen und Grenzen des Erfahrungswissens, Linz

Schmitter, Jürgen (1992). Den aufrechten Gang lernen? Das Projekt Gesellschaftkritische Wissenschaftstheorie als Experiment zur Reform der Hochschulausbildung, in: W. Blumberger/D. Nemeth (Hrsg.), Der Technologische Imperativ. Philosophische und gesellschaftliche Orte der Technologischen Formation, München/Wien

Schmitter, Jürgen (2004). Modernisierung der Bildung, Essen 2004

Schiefele, Ulrich, Wild, Klaus-Peter (Hrsg.) (2000) Interesse und Lernmotivation – Untersuchungen zu Entwicklung, Förderung und Wirkung, Münster, New York u.a.

  • [1] Schmitter, Jürgen 2007 und 2008