Kommunikation als Lernprozess? – Telefonieren oder Handeln per Handschlag

ICH gehöre zu den Menschen in Deutschland, die zu Ende des Zweiten Weltkrieges noch während der Nazi-Diktatur geboren wurden und in der sog. Nachkriegszeit ohne Telefon aufgewachsen sind; oder wie wir am Niederrhein zu sagen pflegten: die ohne Telefon groß geworden sind.

WIR kannten nur das Radio, entweder als Volksempfänger für Kriegsstandsmeldungen und Bomberangriffe, eingebettet in politische Propaganda, oder als Begleiter (für meine Mutter in unserer Wohnküche) mit Schlager- und Volksmusik. Daher kannte ich – fast auswendig – Willy Schneiders Lied: „Man müsste nochmals 20 sein und so verliebt wie damals …“ – oder die gleich große (und alte) Conny Froeboes mit ihrem geträllerten: „Pack die Badehose ein, nimm dein kleines Schwesterlein und dann raus ins Schwimmbad …“ – das Problem: ich hatte und habe keine kleine Schwester.  Ich blieb Einzelkind (overprotected durch meine Mutter) – und musste mit meinem Vater wöchentlich ins städtische Hallenbad.

Nach der Währungsreform stand in unserem Wohnzimmer, das nur an hohen Feiertagen und bei besonderem, seltenen Besuch geheizt wurde, ein großes Blaupunkt-Radiogerät. Dort durfte ich sonntags nach dem Mittagessen – wohlverpackt in Decken im guten Sessel Kinderfunk hören: „Kalle Blomquist, der Meisterdetektiv“.

Der kleine Radioempfänger in der Wohnküche auf dem Küchenschrank diente sowohl der Unterhaltung wie der Information durch die Nachrichtensendungen des NWDR. Gestalt wie Gebrauch eines Telefonapparates (der hing noch im Flur an der Wand) habe ich erstmals im Haus des Arbeitgebers meiner Mutter, einem umtriebigen und kinderfreundlichen Viehhändler aus dem niederrheinischen Umland, wahrgenommen.

Meine Mutter war als Buchhalterin bei diesem Viehhändler beschäftigt und montags in aller Frühe wurde sie von ihm mit seinem Mercedes abgeholt, um auf dem Düsseldorfer Schlachthof den Viehverkauf finanziell zu regeln. Ab und zu, wenn mein Großvater zum Kinderhüten nicht zur Verfügung stand, durfte ich mitfahren (die ersten Autofahrten in meinem Leben) und nach dem Schlachthofbesuch waren wir noch im Haus des Viehhändlers; dort musste meine Mutter die Buchhaltung so regulieren, dass illegale Transaktionen gegenüber dem Finanzamt nicht auffielen – und ich erlebte das Telefon als Medium des An- und Verkaufs von Kühen und Schweinen.

Schon auf dem Düsseldorfer Schlachthof hatte ich seltsame, mir fremde Formen der Kommunikation zwischen den Viehhändlern und den kaufenden Metzgern erlebt. Der Viehhändler verkaufte im Auftrag der Bauern – in meinem Fall meist aus Friesland und Oldenburg – das Vieh stückweise an die Metzger, die morgens früh in den Schlachthof gekommen waren und vor dem Kauf und der Schlachtung das Vieh begutachteten. Beim Geschäftsgespräch zwischen Viehhändler und Metzger wurde ein Kilopreis für jedes Rindvieh ausgehandelt, in abgekürzten Sprachfetzen und mit wiederholtem gegenseitigen Schlagen der Handflächen, bis durch einen endgültigen Handschlag der Verkauf besiegelt war.

Jetzt begann die vertrauensvolle Arbeit meiner Mutter; sie musste den Kilopreis verbindlich notieren; dann wurden die Tiere gewogen; das Gewicht wurde ebenfalls notiert – und meine Mutter errechnete den Gesamtpreis. So weit, so gut oder schlecht für Käufer oder Verkäufer. Denn zwischen Verkauf und Waage wurden die Tiere, die laut brüllten, mit Wasser getränkt. Die Viehknechte beruhigten mich, indem sie sagten, der Durst der kurz vor der Schlachtung stehenden Kühe und Schweine müsse natürlich gelöscht werden. Schon damals war ich unsicher, ob diese Aussage der Wahrheit entsprach, denn zwischen den Verkäufern, Käufern und Knechten gab es immer wieder Rangeleien; laut und für mich unverständlich. Es ging um das verbindliche Gewicht der Tiere; denn danach richtete sich der Gesamtpreis.

Heute weiß ich, welche Rolle meine Mutter in diesem Geschacher spielte: sie galt in ihrer feinen Kleidung als unangreifbar und ihre Notizen über Preis und Gewicht waren verbindlich. Für den Zwischenhändler war diese Arbeit unschätzbar günstig – und so durfte sie später im Hause des Viehhändlers und seiner Frau sich für den Eigenbedarf Butter stampfen und von Zeit zu Zeit eine Rinderzunge mitnehmen – für meinen Vater und bis heute für mich eine Delikatesse.

Zurück zum Telefon an der Wand. Wenn ich mich recht erinnere, dienten die damaligen Telefongespräche allein dazu, die Viehtransporte zwischen Friesland und dem Schlachthof in Düsseldorf terminlich zu organisieren. Selten rief ein Landwirt vor Ort an, weil er eine Kuh oder ein Schwein verkaufen wollte oder eher musste. Hausschlachtungen waren an der Tagesordnung und der Viehhändler musste schon eine gehörige Überredungskunst einsetzen, wenn eine Kuh vom Niederrhein den Weg ins Schlachthaus antreten sollte. Es war Nachkriegszeit und Fleisch Mangelware.

Am Telefon wurden Gespräche vereinbart, aber Kaufgespräche niemals abgeschlossen. Wie sollte auch der notwendige Handschlag (oder mehrere Handschläge) medial übersetzt werden? Das Telefongespräch (abgesehen von der öfteren Unterbrechung oder mangelnder Qualität der Übertragung) diente – kurz und knapp – der Terminvereinbarung, niemals dem Kaufabschluss. Kaufgespräche geschahen in Augenhöhe, manchmal stimmgewaltig – und ohne schlagende Hände kam kein Deal zustande.

Zugegeben, diese kommunikative Situation führte auch – bewusst oder unbewusst – zu Missverständnissen oder Betrug. Wurden Betrug oder Täuschungsabsicht erkannt, dann war das Kaufgespräch „ein für allemal“ beendet; man war „übers Ohr gehauen“ worden. Übrigens kannte der Viehhändler seine „Pappenheimer“ und arbeitete mit einem Vertrauensvorschuss, der auf Erfahrung beruhte. Natürlich war auch der Kaufvermittler ein Schlitzohr: er konnte vortäuschen, was er nicht war, wenn er sprach und handelte.

Das wussten auch seine Handelspartner. Aber da gab es noch meine Mutter, die ehrenhafte, korrekte Buchhalterin aus katholischem Hause; sie brachte aus der Not, ihre Familie zu ernähren, ihre Tugend, ihre Tadellosigkeit in das Geschäft des (Vieh-)Marktes ein. Hinzu kam, dass sie eine Verbündete hatte: die Ehefrau des Viehhändlers. Beide konnten verhindern, dass er zu oft gerichtlich belangt wurde (und er seinen Gewinn verspielte). Zwar gelang das nicht immer, und die Geschichte fand kein glückliches Ende.

Zurück zur Struktur von Kommunikation: Was lernen wir über die Struktur von Sprachspielen im Medium der Telefonübertragung? Mich zumindest hat diese frühe Erfahrung zu telefonieren – in diesem mir fremden Milieu – bis heute geprägt; telefonieren dient mir (wenn ich nicht schreiben oder mailen kann) der Informationsweitergabe und ersetzt kein Gespräch „auf Augenhöhe“. Ich muss mich anstrengen, wenn ich Erfahrungen und Emotionen übermitteln soll oder will. Am liebsten unterbreche ich und bitte um ein „persönliches“ Gespräch. Wenn das die Situation nicht erlaubt, verharre ich in einer Notsituation.

Doch ich muss, schon wenn ich andere Familienmitglieder beobachte, feststellen, dass der gewohnheitsmäßige Gebrauch des Mediums Telefon die kommunikative Situation verändert hat: Ehefrau und Tochter führen Dauergespräche mit ihren Freundinnen am Telefon, in denen sie auch „ihr Herz ausschütten“ können. Was bedeutet das für das Medium Telefon und die Struktur der Kommunikation?

Es gibt keine „digitale“ Kommunikation, sondern einen digitalen Informationsaustausch (notwendiger- und sinnvollerweise), da die Wahrnehmung der Kommunikationspartner, realer Menschen, eingeschränkt, möglicherweise verzerrt oder gestört oder manipuliert ist. Die Möglichkeit oder Notwendigkeit (um störende Nebengeräusche zu vermeiden) stummzuschalten, zeigt die Verkehrung gegenüber zwischenmenschlicher Kommunikation. Disziplinierung, und nicht Empathie (oder auch Antipathie), wird zum Maßstab des Informationsaustausches.

Das ist für den Austausch von Informationen (z.B. im Straßenverkehr oder in den Wissenschaften) notwendig (Prinzip der Eindeutigkeit), zumindest hinreichend für das gemeinsame Verstehen der Information, aber für zwischenmenschliche Wahrnehmung unzureichend. An menschlicher Wahrnehmung sind Augen, Nase, Ohren, Hautkontakt und Körperhaltung beteiligt und werden im Gehirn verarbeitet.

Natürlich weiß ich, dass auch Zustimmung oder Ablehnung, Empathie der Antipathie symbolisch mitteilbar sind – die Mobile-Aktivitäten zeigen es in zunehmendem Maße  und das Angebot an symbolischen Zeichen wird immer größer, aber der spontane „Austausch von Gefühlen“ geht verloren; bzw. ist manipulierbar. Zwar ist auch der ausgebildete Schauspieler in der Lage, unterschiedlichen Rollen ein ausdruckstarkes „Gesicht“ zu geben, aber in diesem Fall ist das ein Resultat seiner beruflichen Leistung; jedoch im Fall der Handy-Kommunikation reicht ein Tastendruck. Hinzu kommt, dass gezeigte Emotionen von Außenstehenden kontrollierbar werden.

Grundsätzlich stellt sich bei allen Formen menschlicher Kommunikation das Verhältnis von Distanz und Nähe. Mit welchen Mitteln ist z.B. ein „vertrautes Gespräch“ herstellbar, selbst wenn die Gesprächspartner weit voneinander entfernt sind? Das Verhältnis von Distanz und Nähe ist nicht durch die Entfernung der Gesprächspartner voneinander bestimmbar. Dies lässt sich durch ein uraltes Mittel der Kommunikation klären: den Brief. Und die Vertrautheit eines Briefes lebt von der Sprache.

Gegen die Lagermentalität – Zum Ursprung des Christentums

Aus dem Brief an die Hebraier (13,13-14):

Daher wollen wir hinausgehen zu ihm (Jesus Christos), außerhalb des Lagers, seine Schmach tragend, denn nicht haben wir hier eine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. (Übersetzung: Münchener NT) (Vulgata: „extra castra“; NT gr.: ménousan/méllousan pólis; vulg./lat.: civitas)

Das ursprüngliche Christentum ist eine messianische Täuferbewegung innerhalb des Judentums in der damaligen Zeit, deren Gemeinden sich, so der Hebräerbrief (entstanden vor der Zerstörung des Tempels in Jerusalem durch die römischen Truppen), als „außerhalb des Lagers“ verstehen, also keine Tempel- und Opfer-orientierte Religionsgemeinschaft sind. Diese Gemeinschaften haben keine „bleibende polis“, sondern erinnern sich an und bekennen sich zu Jesus aus Nazaret als ihren Messias und suchen eine „neue polis“.

Christen können sich also – im religiösen Sinn – nicht auf ein räumliches Zentrum rückbeziehen; weder auf Jerusalem (mit dem Tempel), noch Konstantinopel noch Rom. Denn sie leben und handeln weltweit „außerhalb des Lagers“; das ist ihr universaler Auftrag. Überall, wo sie sich im Namen und Auftrag des Messias (Christos) Jesus zusammenfinden und sich seiner kenosis erinnern und seiner Erlösung (der Welt) gedenken und diese durch ihr Verhalten bezeugen, sind sie zu hause.

Religionen beziehen sich auf ein religiöses Zentrum; daher spreche ich von religio als Rückbezug. Judentum wie Christentum sind durch die Exodus-Struktur gekennzeichnet; kennen aber auch – sekundär – den Schöpfungsmythos (erzählt im Buch Genesis). Das Christentum erwartet und erfährt (als kairologisches Ereignis – in der Deutung des Paulus aus Tarsus) den Beginn der „Gottesherrschaft“. Übersetzt vom theozentrischen Weltbild in das anthropozentrische Weltverständnis bedeutet das die konkrete Utopie der Erlösung, die befreit und verhindert, dass Zweifel und Endlichkeit in Verzweiflung und Vernichtung umschlagen.

Daher akzeptieren aufgeklärte Christen keine „Lagermentalität“; sie ziehen sich nicht in ihre „Kirchen“ zurück, sondern ihre Form der „Entweltlichung“ bedeutet, sich nicht den bestehenden Verhältnissen anzupassen, sondern Verantwortung für die Menschen und die Welt zu übernehmen.

Zum Hintergrund der Argumentation des „Briefes an die Hebraier“

Der Text des „Hebräerbriefes“ ist seiner Argumentation nach ein Traktat eines Gelehrten der Priestertheologie des hellenistischen Judentums, der gelernt hat, mit der biblischen Tempel- und Opfertheolgie zu argumentieren. Die Schärfe seiner Kritik am Tempeldienst und Opferkult (in Jerusalem) besteht darin, dass er diese Opfertheologie allein auf Jesus, den Messias, bezieht und die Adressaten seiner Argumentation, sog. „Judenchristen“, vor einem Rückfall in die Opferpraxis des Tempels in Jerusalem schützen will. Der Kontext im 13. Kapitel des Hebräerbriefes verdeutlicht dies:

Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit.

Lasst euch nicht durch schillernde und fremdartige Lehren verführen. Denn es ist gut, dass das Herz gefesselt wird durch Gnade, nicht durch Speisegebote; die sie befolgten, hatten keinen Nutzen davon.

Wir haben einen Altar, von den zu essen keine Vollmacht hat, wer dem Zelt dient. Denn die Leiber der Tiere, deren Blut der Hohe Priester als Sühnopfer ins Heiligtum hineinbringt, werden außerhalb des Lagers verbrannt.

Darum hat auch Jesus, um durch sein eigenes Blut das Volk zu heiligen, außerhalb des Tores gelitten.

Lasst uns also vor das Lager hinausziehen zu ihm und seine Schmach tragen, denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Durch ihn wollen wir Gott allezeit als Opfer ein Lob darbringen, das heisst die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen.

Vergesst nicht, einander Gutes zu tun und an der Gemeinschaft festzuhalten, denn an solchen Opfern findet Gott Gefallen.

(Hebr. 13,8-16 in der Übersetzung der Zürcher Bibel)

Schärfer kann die Kritik an den Speisegeboten und der Opfertheologie in der Sprache der jüdischen Priestertheologie (Nutzlosigkeit der Speisegebote und die Hinrichtung Jesu außerhalb des Tempelbezirks als einzig sinnvolles Blutopfer der „Heiligung“) nicht formuliert werden, auch wenn für aufgeklärte Menschen (auch Christen) unserer Zeit diese weltbildbezogene Denkweise fremd und unverständlich bleibt. Diese Kritik muss also in Bezug auf unsere Lebenspraxis übersetzt werden.

Ich fasse zusammen:

Der Verfasser der Argumentation des sog. Hebräerbriefes polemisiert gegen die „Lagermentalität“ derer in seinem Freundeskreis (der getauften messianischen Juden), die sich weiterhin am Tempelkult des Hohen Priesters und der dort stattfindenden Opferpraxis orientieren. Ich unterstelle, der Tempel in Jerusalem ist noch nicht durch die römischen Legionäre zerstört ( und das spricht für eine Entstehung des Briefes eindeutig vor 70 n. Chr.). Die Gegenargumentation in der Sprache der Priestertheologie ist:

(1) Es gibt nur einen Hohen Priester, und das ist Jesus aus Nazaret, der vor den Toren der Stadt (außerhalb der Mauern) hingerichtet wurde;

(2) Sein Tod ist das einzige sinnvolle Opfer zur Erlösung der Menschen;

(3) Und deshalb haben die Messias-Vertrauten (die Christen) hier (in Jerusalem) keine „bleibende polis“, sondern sie sind Suchende der „zukünftigen polis“.

Christen haben keinen heiligen Ort, kein Kultzentrum – nur Erinnerungsorte -, denn als „Erlöste“, als freie Menschen können sie überall „Gott loben“ – für die Befreiung danken (Eucharistie als Danksagung), sich sozial (für ihre Mitmenschen) engagieren (Diakonie/Caritas als Konsequenz) und (um der Erinnerung und Bezeugung der Erlösung willen) Gemeinschaft halten (ekklesia).

Ich bin ein Querleser.

Ein Marginalist ist ein Mensch, der einen Text – sei es Buch oder Aufsatz – beim Lesen mit Randglossen (Marginalien) kommentiert. Ich überlege, wie ein Mensch zu bezeichnen ist, der die Unart hat, ein Sachbuch von hinten her zu lesen.

Ich frage mich vorab, wie er sich verhält, wenn das Buch in hebräischer Sprache geschrieben und daher von hinten nach vorn gestaltet ist. Da ich diese Unart habe und sie bei Sachbüchern meiner Fachgebiete praktiziere, steht meine Antwort aus.

Meine Antwort ist komplizierter, als es zunächst den Anschein hat. Zwar könnte ich scheinbar problemlos mit der Umkehrung antworten: Bücher im Hebräischen, wie z.B. die Bibel, blättere ich von vorn nach hinten auf. Aber mit dieser bloßen Umkehrung (das Aufschlagen der hebräischen Bibel von vorne nach hinten ist sinnlos) gegenüber erworbenen Sachbüchern ist nicht ausreichend begründet, warum ich diese Unart pflege.

Mich interessiert als erstes das Literaturverzeichnis am Ende eines Sachbuches: Gibt es Hinweise auf die von der Autorin oder dem Autor gelesene – oder eingesehene – Literatur oder ist allein die im Text zitierte Literatur aufgeführt? Und zweitens: Wie korrekt bzw. konkret wurden die Literaturtitel angegeben; wurde zwischen Primär- und Sekundärliteratur unterschieden; welche Auflage eines Buches wurde, wenn von Bedeutung, benutzt; welche (kritische) Gesamtausgaben wurden herangezogen?

Um zwei Beispiele zu nennen: Bei einer Schrift zur Kritik der Politischen Ökonomie des Karl Marx ist es für mich schon informativ, ob nur die MEW-Ausgabe oder auch die MEGA-Ausgaben (alt wie neu) gebraucht wurden. Oder bei einer neuen Heidegger-Monografie ist es für mich schon wesentlich, ob die erst im vorletzten Jahr veröffentlichten „Schwarzen Hefte“ mit beachtet wurden.

Eine weitere Einsicht in das Literaturverzeichnis lässt erkennen, welche wesentliche Literatur nicht aufgenommen wurde; aus Nachlässigkeit oder aus Absicht? Diese Einsicht ist auch durch meine Neugierde und Eitelkeit begründet: Warum hat der Autor mich nicht zitiert, obwohl er doch hätte wissen müssen …

Umfang und Inhalt eines Literaturverzeichnisses sind immer auch Ausdruck der Schulenbildung in der scientific community – und Beachtung oder Missachtung einer Schrift ist auch Ausdruck der Wertschätzung. Daher ist ein Sach- und Personenverzeichnis nützlich und interessant: Wie häufig werden z.B. Marx, Kant oder Hegel zitiert? Oder die Gegenfrage: Wieso werden in einer 2014 erschienenen Schrift über die Sinnfrage („Das Göttliche“) Bloch und Hegel nicht genannt?

Ich gebe zu, auch die Literaturhinweise in meinen Schriften sind subjektiv ausgewählt; aber ich bleibe dabei: Literaturverzeichnisse geben einen ersten Eindruck auf den „Hintergrund“ des jeweiligen Textes.

Ich kehre zu meiner Ausgangsfrage zurück. Es mag nun verständlich sein, warum ich beim Lesen eines Buches mit dem Ende beginne. Das gilt natürlich nicht für einen Kriminalroman (den ich sehr selten nur lese), aber bei der Belletristik wirkt meine Unart manchmal nach; aber das tut dem Genuss an sprachlich guter Literatur keinen Abbruch.

Bleibt die Frage, wie ich meine Leidenschaft tituliere. Ich bin nicht nur Marginalist, sondern auch Querleser. Und als aufgeklärter Querdenker mäandere ich mit meinen Gedanken und in meinen Texten. Die Hoffnung bleibt, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.

Bemerkungen zur Randglosse. Bekenntnis eines Marginalisten

Vorbemerkung:

Unter dem Stichwort: „Peripherie 2020“ fasse ich Vorüberlegungen zu einem neuen Buchprojekt zusammen, in dem ich Kommunikationsprozesse untersuche und bewerte; und zwar aus der Peripherie des Alltags unserer Gesellschaft. Wie erfahren und bewerten Menschen „vom Rande aus“ Aktionen und Erregungen im Zentrum der Gesellschaft?

Raumphilosophische Reflexionen und soziologische Beobachtungen sollen die ungelöste Frage klären: „Was denken und was tun, wenn es den Archimedischen Punkt nicht gibt – weder im Zentrum noch an der Peripherie -, um die Welt aus den Angeln zu heben?“ Oder nüchtern gefragt: Ist, und wenn ja, wie ist Umkehr (sinnvoll, nachhaltig und verantwortlich) möglich?

Bemerkungen zur Randglosse. Bekenntnis eines Marginalisten

 Randglossen (Marginalien) sind Kurzkommentare, meist stichwortartig, die verstärken, in Frage stellen, bestreiten, zustimmen oder ergänzen; wie immer auch: sie beziehen sich auf einen seitlich vorgegebenen TEXT (oder auch ein Bild oder eine Grafik). Der Randglossenschreiber – ich nenne ihn einen Marginalisten – beabsichtigt zu erklären, zu erläutern, den nebenseitigen Text im besonderen zu beachten. Die Marginalie dient also dem besseren Verständnis; sie verbessert es (bestenfalls) oder verschlimmbessert das Verständnis. Zumeist ist sie nicht aus sich selbst verständlich – es sei denn, sie enthält eindeutig wertende Urteile; entweder pejorativ (unsinnig!, sinnlos!) oder lobend (klasse! o.k.!) oder sie weist auf Unklarheiten hin (???). Diese müssen aber nicht dem Text geschuldet sein, sondern können auch durch die mangelnden Kompetenzen des Lesenden entstehen: durch einen Mangel an Verstehen oder Verständnis.

Alles in allem: die Randglosse hat einen mehrdeutigen und wankelmütigen Stand; vor allem aber, sie ist, was die Differenzierung angeht, von der Breite des Randes abhängig. So stellt sich schon bei der Buchgestaltung – dem Druckbild – die Frage, wie viel Raum dem Rand auf der jeweiligen Druckseite eingeräumt wird.

Extrem ist in dieser Hinsicht die Tageszeitung: sie kennt keinen Rand, sie will keine Randglossen, obwohl bei der Flüchtigkeit und Einseitigkeit von Zeitungsartikeln Bemerkungen notwendig wären. Weiterhin ist die Vorstellung extrem, ein Buch bestände nur aus Randglossen, entweder schon in gedruckter Form vorliegend oder als Leerseite. Aber welcher Verlag würde ein solches Monstrum herausgeben? Auch wenn in manchen Verlagen sog. Leerbücher, die aus leeren Blättern in Buchdeckel gebunden bestehen, Konjunktur haben. Vor mir, auf dem Schreibtisch liegt ein solches Exemplar aus dem Suhrkamp-Taschenbuch-Verlag: Leerbuch und Verwirrbuch zugleich: Auf den schwarzen Buchdeckel des „Notizbuchs“ ist mit grüner Farbe eingeprägt: Die Lust am Text und auf der Rückseite wird Roland Barthes zitiert: „Den Text, den Sie schreiben, muss mir den Beweis erbringen, dass er mich begehrt.“ Ich bin nicht sicher, ob dieses Cover stimuliert oder abschreckt; immerhin ist es bei mir schon in Gebrauch. Auf der ersten Seite habe ich mit blauer Tinte eingetragen: Leben an und in der Peripherie. Autobiografisches Projekt. Januar 2020.

Peripherie – wir sind im Thema: Eine Zwischenlösung ist denkbar. Ein einzelnes Wort auf der Textseite bedarf umfassender Kommentierung am Rand. Ich konstruiere ein Beispiel: Auf der Textseite ist gedruckt HERBSTZEITLOSE; dann würde in meinem Fall (Ich als Leser) der Rand mit Bemerkungen überquellen.

Natürlich kann ich mir in diesem Fall eine Alternative überlegen: die Fußnote. Aber sie verschlimmbessert die Problemlage, wie Bücher mit wissenschaftlichem Anspruch im Übermaß dokumentieren: eine Zeile Text, dann die zugehörige Anmerkung über zwei Seiten. Es wäre natürlich möglich, die Fußnoten separat am Ende des Textes zu versammeln; aber diese Anordnung kann das Verstehen des Textes erschweren; wie jeder weiß, der sich mit wissenschaftlichen Texten herumschlagen musste und muss.

Einen spezielles Verhältnis von Text und Anmerkung zeigt sich bei Texten und Schriften, die der Qualifikation der Schreibenden dienen; z.B. Dissertationen, in denen (unsichere) Forschungsergebnisse oder Lektüreerinnerungen in die Fußnoten gepackt werden, während der Text selbst nur das Unproblematische zum Ausdruck bringt. Abgesehen davon, dass der kritische Leser in diesem Fall keine Möglichkeit der Kommentierung am Rande hat (es bleibt nur die Strichbildung mit dem Bleistift), ist die Hypothesenbildung in den Fußnoten eine Mogelpackung, entweder aus Unsicherheit des Autors, oder aus der Unfähigkeit, die Hypothesenbildung präzise bestimmen zu können.

Aber die „gemeine“ Fußnote hat im (internationalen) Qualifikationszirkus noch eine weitere Funktion: sie dient der Quellenangabe (bei Zitaten), deren Anzahl mit quantitativen Methoden geprüft werden kann, um Rückschlüsse auf die bisherige oder zukünftige Reputation der Wissenschaftlerin oder des Wissenschaftlers zu ermöglichen.

Dieses Verfahren (der Umgang mit zitierten Schriften und Zitaten) hat sich in der heutigen scientific community vielfach durchgesetzt und kann trickreich beeinflusst werden, ohne dass die zitierten Quellen zur Hypothesenbildung der Sache nach entscheidend beitragen. Bei Qualifikationsarbeiten kann es entscheidend sein, die Literaturliste der Prüfer zu übernehmen, so dass aus der eigenen Literaturliste (am Ende der Arbeit) schon die Zugehörigkeit zur jeweiligen community erkennbar wird. Wer seine Qualifikationen im jeweiligen Wissenschaftsbetrieb erfolgreich erreicht hat, der streut seine eigenen Veröffentlichungen mehr oder weniger geschickt in den Anmerkungsapparat weiterer Veröffentlichungen.

Kehren wir nochmals von den Anmerkungen, die ein Autor selbst verfasst, zu den Randglossen zurück, die fremde Leser eintragen, sofern das Buch gekauft wurde und nicht ausgeliehen ist. Nichts ist ärgerlicher, als ein Buch mit (kaum lesbaren) Einträgen fremder Hand lesen zu müssen, denn bei solchen Bemerkungen ist oft Besserwisserei mit im Spiel. Es sei denn, der bemerkende Leser ist interessanter als der Autor des Buches. Ich erinnere mich, in Weimar sind die Bemerkungen, die Goethe in die Bücher seiner Handbibliothek eingetragen hat, heute besonders gekennzeichnet und daher nachschlagbar.

Und schließlich bekenne ich mich zu der Unart, während des Lesens neuer Bücher diese auf jedem weißen Fleck mit meinen Bemerkungen voll zu kritzeln. Ich hoffe, den Überschuss an eigenen Gedanken beim Lesen einer fremden Argumentation fixieren zu können, damit er mir nicht verloren geht. So habe ich Ernst Blochs „Atheismus im Christentum“ im Erstdruck (Frankfurt am Main 1968, außerhalb der Werkausgabe) nach Jahren wiedergelesen und war überrascht, wie sehr ich meinen früheren Bemerkungen 50 Jahre später noch zustimmen konnte. Aber diese Einsicht spricht eher für die Qualität der Argumentation, weniger für die Kontinuität meiner Zustimmung.

Bemerkungen zur Schriftform meines Buches „Aufgeklärter Realismus“

In eigener Sache.

Nicht nur die Erstkorrektorin (und Erstleserin) meines Manuskriptes „Aufgeklärter Realismus“ Brigitte Schmitter-Wallenhorst (als Ehefrau), sondern auch die Lektorin des Verlages (als Zweitkorrektorin) sind über meinen individuellen und vielfachen Gebrauch der Zeichensetzung (bezüglich Semikolon, Klammer, Gedankenstrich) und die Länge meiner Sätze irritiert.

Diese Irritation, verbunden mit wiederkehrenden Bemerkungen, ist für mich nichts Neues. Dennoch sehe ich mich (fast und aktuell) gezwungen, mich zu rechtfertigen.

Ich antworte zunächst, meine Freundinnen und Freunde kennen das, mit allgemeinen, provozierenden Aussagen:

  • Auch Goethe benutzte eine eigenwillige Zeichensetzung;
  • Wer mäandernd denkt und nachdenkt, der muss auch mäandernd aufschreiben.

Diese zumutenden Aussagen bedürfen der Erläuterung, um Arroganz zu vermeiden und sprachlichen Hochmut abzuwehren. Natürlich ist ein Vergleich mit Goethe inakzeptabel und beendet jede weitere Argumentation. Auch mein situativ üblicher Nachsatz, Goethe habe weit vor Konrad Duden gelebt und geschrieben bzw. schreiben lassen, verschärft nur die Provokation: ich wolle doch wohl nicht Goethe gegen Duden ausspielen und die notwendige Normierung der Schriftsprache grundsätzlich in Frage stellen.

Bevor ich die Problemlage der Zeichensetzung in der heutigen Schriftsprache auf das Thema der Sprach- und Schreibanarchie erweitere oder auf die Kunst der mittelalterlichen Schriftgelehrten in ihren Klöstern, ganz ohne Satzzeichen und Zwischenräumen zwischen der Wörtern Texte lesen zu können, stelle ich nüchtern fest, dass in einer Demokratie (zumindest) das Lesen und Verstehen von Schrift ein Grundrecht ist, das von allen Menschen erlernt werden kann und muss.

Zum Erlernen einer Sprache und (dazugehörigen) Schreibe gehört – um des Verstehens willen – eine Regelhaftigkeit, die das Verstehen sichert – und zwar durch und von allen Menschen in einer Gesellschaft, in einem Land, in der bewohnten Welt.

Kehren wir zur ausgelösten Irritation durch meine Zeichensetzung zurück:

Selbst die heute gültige Vereinbarung zur Zeichensetzung, die der Duden abdruckt, gibt für die Zeichensetzung einen gewissen Spielraum, soweit die (relative) Verständlichkeit oder – bei bestimmten Texten – Eindeutigkeit nicht gefährdet ist.

Schon früher – seit ich philosophische Texte lese und die Resultate meiner Beobachtung und meines Nachdenkens aufschreibe – habe ich meinen persönlichen, erlernten Denk- , Sprach- und Schreibstil mit dem Mäandern eines Baches oder Flusses verglichen. Ich gebe zu, schon die ungewöhnliche Bildsprache reizt mich bis heute. Und ich erweitere meinen Bildvergleich: Auch schlängerndes, ausuferndes Wasser eines Flusses wie z.B. des Rheins, den ich seit Kindestagen (als Niederrheiner) kenne, erreicht (irgendwann) das Meer. Abstrakt formuliert: Auch auf Umwegen kann ich das gesteckte Ziel erreichen; zumindest solange ich das Ziel nicht aus dem Sinn verliere und mich nicht an der folgenden Ideologie fest beiße: Der Weg sei schon das Ziel.

Probleme lösen geschieht nicht auf einem schmalen und geraden Weg, der vorgegeben ist, sondern in einer unübersichtlichen und vielfältigen Landschaft. In dieser Landschaft dienen Wege zur Orientierung, schließen auch Irrwege, Sackgassen und Trampelpfade ein. Es bedarf der Spürnase, aber auch der Vorbereitung durch Landkarte und Kompass sowie gesicherter Vorinformationen, um das Ziel nicht zu verfehlen oder zu verlieren.

Nun will ich im Rahmen meiner Rechtfertigung des speziellen Gebrauchs der Zeichensetzung nicht unterstellen, dass der Umweg die einzig effektive und produktive Strategie ist, Probleme zu lösen. Durch die mäandernde Arbeitsweise kann auch Komplexität vorgetäuscht werden, während einfache Lösungswege Zeit und Energie sparen und dennoch erfolgreich sind. Auch kann meine Ungeduld oder die Erwartung schneller Lösungen (nach den bekannten und eingeübten Schemata) mich dazu verführen, auf lieb gewonnene Gewohnheiten zurück zu greifen.

Zu meiner Verteidigung und zur Klärung erinnere ich an die mittelalterliche „questio disputata“ mit ihrem Wiederholungszwang, um Missverständnisse möglichst zu vermeiden und eine sachgemäße und sinnvolle Argumentation, die alle verstehen, zu ermöglichen. Umständliches Argumentieren – um des Verstehens willen – kann nützlicher sein als subjektives Für-wahr-halten und das Beharren auf der eigenen Meinung.

Verzichtet habe ich in diesen Bemerkungen auf meine Unart, durch kursive oder fette Schreibweise die Bedeutung bestimmter Wörter oder Sätze hervorzuheben (so auch in diesem Text). Ich sehe ein, das Schriftbild wird durch fett gedruckte oder kursiv gesetzte Wörter oder Sätze verschandelt. Dennoch bleibt meine Einsicht, dass Wörter bzw. Sätze nicht gleich bedeutungsvoll sind; und muss dieser Tatbestand nicht gekennzeichnet werden?

In diesem Kontext erinnere ich an die mittelalterlichen Schriftgelehrten in den Klöstern, die in der Lage waren, bedeutende Wörter oder Namen optisch hervorzuheben und alltägliche Phrasen abzukürzen. Aber ich muss dagegen halten: für die gemeine Frau und den gemeinen Mann wurde das Lesen und Verstehen zur Qual und sie waren auf das Hörensagen angewiesen; das ist einer demokratischen Gesellschaft unwürdig.

Der Ursprung des Christentums ist messianisch. Erlösung bedarf der Entmythologisierung und Übersetzung.

Die jüdisch-christliche Bibel beginnt in ihrem ersten Buch (der Genesis) mit dem Schöpfungsmythos, doch strukturell wie existenziell ist diese Erzählung rückblickend sekundär, während der Erlösungsmythos vorausschauend primär ist. Damit meine ich, dass die entscheidende Struktur des Judentums wie des Christentums der Auszug, der Exodus ist; der Auszug aus dem status quo in der Hoffnung auf Erlösung. Diese messianische Struktur relativiert Religion als Rückzug, Rückblick, als Rückbezug.

Meine Unterscheidung zwischen „primär“ und „sekundär“ bleibt missverständlich, wenn sie als chronologische Aussage verstanden wird. Daher konnte die Erzählung von der kommenden „Gottesherrschaft“ (als „Ende der Welt“, als „Endgericht“) in die Irre führen und apokalyptisch ausgemalt werden.

Heutzutage sind (wir) Menschen in der Lage, sich auf der Erde insgesamt selbst zu zerstören, aber diese Möglichkeit der Vernichtung ist mitnichten das „Jüngste Gericht“. „Erlösung“ als Aufhebung allen (vorläufigen) Problemlösens verstehe ich als kairologisches Ereignis. In der Erzählung vom kenosis-Mythos (der radikalen Entäußerung Gottes als Mensch) ist der Messias kein König, kein absoluter Herrscher, sondern ein gewaltloser, mitleidender Mensch, der als Verbrecher hingerichtet wird.

Seine Erhöhung (erzählt im theozentrischen Weltverständnis als „Auferstehung“) bedeutet im anthropozentrischen Weltbild (aufgeklärter Menschen): Erlösung ist die Macht der Ohnmacht, beschreibbar als Oxymoron; radikale Umkehr der menschlichen Machtverhältnisse. Diese existenzielle Erfahrung ist allein beschreibbar als konkrete Utopie. Sie bleibt den Philosophen dieser Welt eine Torheit, den messianischen „Christen“ aber eine befreiende Überzeugung, die ihr Leben verändert und eine weltweite (grenzenlose) Empathie begründet, ohne ihre Sterblichkeit in dieser Welt aufzuheben. Diese Empathie ist im heutigen anthropozentrischen Weltverständnis als kategorischer Imperativ formulierbar: Handle stets so, dass die Würde aller Menschen unantastbar bleibt. Dass dieses Regulativ bis heute weltweit nicht durchgesetzt ist und stets in allen Gesellschaften der Umsetzung und Überprüfung bedarf, ist offensichtlich.

Wenn „Erlösung“ als konkrete Utopie erzählt werden kann, dann muss unter den Bedingungen heutiger Welterfahrung (im Sinne der Aufklärung, die zu Ende gedacht und nicht abgebrochen wird) auch diese Vorstellung entmythologisiert werden, um sie sowohl vor dem chronologischen Missverständnis am Ende des individuellen Lebens, als auch vor der Hoffnung auf ein „Jenseits“(das das „Diesseits“ ablöst) zu schützen.

Ich erinnere an die Reflexion von Dietrich Bonhoeffer (in „Widerstand und Ergebung“):

Man sagt, das Entscheidende sei, daß im Christentum die Auferstehungshoffnung verkündigt würde, und daß also damit eine echte Erlösungsreligion entstanden sei. Das Schwergewicht fällt nun auf das Jenseits der Todesgrenze. Und eben hierin sehe ich den Fehler und die Gefahr. Erlösung heißt nun Erlösung aus Sorgen, Nöten, Ängsten und Sehnsüchten, aus Sünde und Tod in einem besseren Jenseits. Sollte dies aber wirlich das Wesentliche der Christusverkündigung der Evangelien und des Paulus sein? Ich bestreite das. Die christliche Auferstehungshoffnung unterscheidet sich von den mythologischen darin, daß sie den Menschen in ganz neuer und gegenüber dem Alten Testament noch verschärfter Weise an sein Leben auf der Erde verweist. Der Christ hat nicht wie die Gläubigen der Erlösungsmythen aus den irdischen Aufgaben und Schwierigkeiten immer noch eine letzte Ausflucht ins Ewige, sondern er muß das irdische Leben wie Christus ganz auskosten und nur indem er das tut, ist der Gekreuzigte und Auferstandene bei ihm und ist er mit Christus gekreuzigt und auferstanden. Das Diesseits darf nicht vorzeitig aufgehoben werden. Darin bleiben Neues Testament und Altes Testament verbunden. Erlösungsmythen entstehen aus den menschlichen Grenzerfahrungen. Christus aber faßt den Menschen in der Mitte seines Lebens.“

Dieser Reflexion von Dietrich Bonhoeffer stimme ich zu, wenn ich von einem kairologischen Ereignis spreche. Erlösung im messianischen Denken ist kein (altorientalischer) Mythos; sondern die konkrete Utopie verweist auf das zu ändernde und geänderte Leben auf dieser Erde, auf die Freiheit (besser: Befreiung) aller Menschen. Der Mensch bleibt sterblich, aber er ist befreit zu radikaler Menschenliebe; denn der Tod hat keine Herrschaft mehr über ihn, obwohl sein Leben endlich bleibt.

Dieses Ereignis ist (nur) existenziell erfahrbar und widersprüchlich erzählbar. Daher sprechen manche Denker von einer Torheit. Das gilt für (traditionelle) Metaphysiker, als auch für (moderne) Konstruktivisten, wenn diese die Vorläufigkeit des Problemlösens für endgültig halten. Letztere leugnen die Dynamik des Vorläufigen, provisorisch und antizipativ zugleich zu sein.

Zur Dynamik des Vorläufigen – Aussagen-Essenz

Das Vorläufige (Resultat einer Problemlösung) ist nicht endgültig, sondern bleibt vorläufig. Daher spreche ich von der Dynamik des Vorläufigen: provisorisch und antizipativ zugleich.

Alles Problemlösen ist vorläufig: daher sind Erkenntnis-Zuwachs und Erkenntnis-Fortschritt zu unterscheiden.

Erlösung (als Ende allen Problemlösens) wird als chronologischer Endpunkt missverstanden. Sterblichkeit, Endlichkeit ist ein konstitutioneller Teil des Naturprozesses, ist Teil der Evolution.

Erlösung kann sinn-voll nur als Utopie verstanden werden; ist als konkrete Utopie erzählbar, aber nicht begreifbar; ist existenziell erfahrbar, aber nicht experimentell reproduzierbar. Ich spreche (in diesem Kontext) von kairologischer Erfahrung. Daher muss zwischen erzählenden Sprachspielen und begreifender Sprache unterschieden werden.

Diese Unterscheidung ist für religiöse Sprachspiele (wenn sie anders und mehr als „Geplapper“ sind) entscheidend: ihre Erzählungen (im Großen wie im Kleinen) sind rückbindend an ein und in einem theozentrischen Weltbild. Zumindest gilt das für die sog. „monotheistischen“ Religionen in ihrem gegenwärtigen Zustand.

So wie der Monotheismus Resultat einer geschichtlichen Entwicklung ist, so ist auch die theozentrische Welt-Vorstellung vorläufig. Im Prozess der Aufklärung wird diese Vorstellung durch das anthropozentrische Weltbild und seine sachgemäßen, begreifenden Sprachspiele der „Erfahrungswissenschaften“ (mit Einschluss der sog. Naturwissenschaften) abgelöst.

Menschen sind „sterbliche Schöpfer“ (so Hannah Arendt). Durch menschliche Arbeit (denken und handeln als Formen der Problemlösung) wird Erfahrung in Erkenntnis umgesetzt. Dieser Lernprozess bleibt vorläufig: Probleme lösen schafft keine Erlösung. Die menschliche Geschichte unterscheidet sich von der biologischen Evolution genau dadurch, dass Erkenntniszuwachs nicht zwingend Erkenntnisfortschritt bedeutet (Dies ist meiner Einsicht nach ein grundlegender Denkfehler im Weltbild der Atheisten/Naturalisten.)

Aber es ist möglich, das „Andere“ an Erfahrung im theistischen Weltverständnis kritisch zu analysieren und in das anthropozentrische Weltbild zu übersetzen: als Utopie der Erlösung. Im jüdisch-christlichen Weltverständnis des Exodus/der Metanoia zeigt sich diese Utopie als messianische Hoffnung. Messianische Vorstellungen (als Hoffnung auf Erlösung) sind auch im aufgeklärten Weltverständnis (der Menschen als sterbliche Schöpfer) verstehbar, also erzählbar und sinn-voll.

Ich verstehe das Christentum (seiner Entstehung und Wurzel nach) als „Radikalisierung“ des messianischen Judentums; als „Universalisierung“ der Täuferbewegung in den beiden ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung.

Bei diesem „Prozess des Verstehens und Übersetzens“ können und müssen – in genauer kritischer Analyse der Erzählungen aus dieser Zeit – folgende Missverständnisse vermieden werden:

  • die jüdisch-christlichen messianischen Erwartungen müssen nicht als chronologischer Ablauf verstanden werden, sondern bilden eine kairologische Struktur;
  • Religion als Rückbindung an den Theismus (z.B. durch die Erzählung eines Schöpfungs-Mythos) wird relativiert;
  • Atheismus als eine methodische Voraussetzung, Probleme zu lösen (im Sinne der Erfahrungswissenschaften), ist denkbar (sinn-voll), aber als Weltanschauung ideologisch bestimmt;
  • Die Kenosis-Erzählung – überliefert und begründet durch Paulus aus Tarsus – zeigt die spezielle Struktur der messianischen Utopie: Hoffnung gegen alle Hoffnung;
  • Erlösung ist nicht als „Gottesherrschaft“ – im Sinne irdischer Machtausübung und am Ende der menschlichen Geschichte – zu verstehen, sondern Erlösung zeigt sich als ohnmächtige „Menschwerdung Gottes“ im kairologischen Sinn; diese Botschaft hat folgende Konsequenzen:
  • Erlösung ist ein absolutes Geschenk (eine reine Gabe),
  • Eucharistie (danksagende Erinnerung) und Diakonie (konsequente Menschenliebe, grenzenlos) – statt kultischer Verehrung; dies wird „offenbart“ durch traditio und missio;
  • „Torheit“ als christliche Verhaltensweise: Entweltlichung ist nicht Weltflucht, sondern Befreiung (sprachlich ausgedrückt im Oxymoron: „Kinder Gottes“).

Detaillierte Informationen zu dieser religionsphilosophischen Überlegung können in meinem neuen Buch „Der aufgeklärte Realismus. Ein Handwörterbuch als Gesprächsgrundlage für Atheisten und Christen“, Münster 2020 (agenda-Verlag) nachgelesen werden.

Zum Neuen Jahr und zu Mariä Lichtmess 2020: Erleuchtung bedarf der Aufklärung, sonst zerstreut sich das Licht.

Kritische Überlegungen zur LWL-Aktion „finde dein Licht“ 2020 in der Klosterlandschaft Westfalen-Lippe

Das Licht strahlt nicht nur in der Finsternis, sondern – gezielt eingesetzt – erhellt es die Dunkelheit voller Chaos, Vernichtung und Verbrechen. Die Aufklärung von Versagen, Verbrechen, Vertreibung, Krieg und mutwilliger Vernichtung ist notwendige Voraussetzung der Verantwortung, die wir Menschen für uns, für unsere Mitmenschen, für die Natur, für die Welt haben.

Diese Verantwortung der Menschen als „sterbliche Schöpfer“ (so Hannah Arendt 1958) ist nicht abschiebbar, nicht delegierbar auf eine „höhere Macht“ oder „die Natur“, sondern die Menschen sind eigenverantwortlich für das, was sie tun und ob und wie sie Probleme lösen.

Um die Welt gegen die Sterblichkeit ihrer Schöpfer und Bewohner im Sein zu halten, muss sie dauernd neu eingerenkt werden“, so formuliert Hannah Arendt bereits 1958 in ihrem Aufsatz „Die Krise in der Erziehung“. Nicht von ungefähr, sondern bewusst steht diese Aussage innerhalb ihrer Konzeption aufgeklärten Lernens für das Problemfeld Gesellschaft; ausgehend von der Erziehungskrise der Nachkriegszeit in den USA.

Der Anspruch, verantwortlich für Gesellschaft und Welt zu sein, wäre eine Überforderung, würde sie den Menschen als bloßes Individuum betreffen. Verantwortung kann nur wirksam sein, wenn sie auch gesellschaftlich strukturiert und organisiert ist. Mitbestimmung, Gewaltenteilung, Minderheitenschutz, demokratische Verfassung und Rechtsstaatlichkeit sind keine Zugaben, sondern für das friedliche und gerechte Zusammenleben der Menschen konstitutiv, denn, um Hannah Arendt noch einmal zu zitieren, die Welt muss „dauernd neu eingerenkt werden“.

Hannah Arendt (1906-1975) hat in ihrer publizistischen Tätigkeit immer wieder auf die Notwendigkeit und das Risiko des Denkens und Lernens „ohne Geländer“ hingewiesen. Ich verweise zum Lektüreeinstieg auf die Text- und Briefsammlung „Denken ohne Geländer“, hrsg. v. H. Bohnet und K. Stadler, im Piper-Verlag, München/Zürich 2005.

Des weiteren erinnere ich an Pablo Picassos berühmtes Bild „Guernica“, das 1937 als Reaktion auf die Zerstörung der Stadt Guernica im spanischen Bürgerkrieg durch den Luftangriff der deutschen Legion Condor entstand und heute im Museum in Madrid zu sehen ist. Die Fackelträgerin – in diesem Bild – erhellt die Vernichtung von Mensch und Tier durch faschistische Gewalt.

Ich wünsche mir, dass die Veranstaltungen in den 31 Klöstern und Kirchen der Klosterlandschaft Westfalen-Lippe „finde dein Licht“ zu Beginn des Neuen Jahres 2020 diese – weiterhin weltweit aktuelle – Aufklärung mit bedenken und zur Sprache bringen. Denn die Lichtmetapher ist mehrdeutig: sie zielt nicht nur auf die Erleuchtung nach innen, sondern verlangt Aufklärung in die Gesellschaft und die Welt.

Ich sehe darin eine dauernde Verpflichtung für die Arbeit in meinem Projekt des „Aufgeklärten Realismus“ und verweise auf mein im Februar 2020 erscheinendes Buch: „Aufgeklärter Realismus. Ein Handwörterbuch als Gesprächsgrundlage für Atheisten und Christen inklusive einer skurrilen Aufklärungsgeschichte: Der Papst steht Kopf“. Das Buch erscheint im agenda-Verlag in Münster, umfasst etwa 240 Seiten, und kostet 17,90 EUR.

Überlegung zu Stephen Hawking: Notwendig einseitige Antworten auf große Fragen

Aus: Die kosmologische Perspektive, in: Aufgeklärter Realismus, Buchprojekt 2019

Vorbemerkung: Es handelt sich bei der folgenden Kritik um ein vorveröffentlichtes Kapitel meines neuen Buches „Aufgeklärter Realismus. Leitfaden zu einem zeitgemäßen Welt- und Menschenbild als Grundlage für eine dreifache Theorie des menschlichen Wissens, des verantwortlichen Handelns und des utopischen Hoffens“, das im Spätherbst dieses Jahres (2019) erscheinen soll.

2018 erschien – kurz nach seinem Tod – seine Schrift „Stephen Hawking: Brief Answers to the Big Questions“, London (zugleich die deutsche Übersetzung: „Kurze Antworten auf große Fragen“, Stuttgart); aus seinem persönlichen Archiv zusammengestellt und von Kollegen, Freunden und der Familie kommentiert.

Um es vorweg zusammen zu fassen: nach der Lektüre seines Vermächtnisses stelle ich fest: Die Aussagen und Prognosen dieses Naturwissenschaftlers und Kosmologen sind optimistisch, vorausblickend und dem Wissenschaftlichen Determinismus verpflichtet. Daher sind seine Antworten auf die großen Fragen notwendig einseitig.

Diese Perspektive führt dazu, dass die Antwort auf die Frage, ob es einen Gott gibt, – je nach Definition, was mit dem Wort „Gott“ gemeint ist, als sinnlos gekennzeichnet wird. Ich meine, mit Recht, wenn Gott mit Natur und ihren Gesetzmäßigkeiten gleichgesetzt werden, oder alternativ die Antworten als beliebig abgetan werden.

Der Gebrauch des Wortes „Gott“ in Religion und Gesellschaft wird nicht ideologiekritisch analysiert; das ist mit den Methoden des naturwissenschaftlichen Determinismus und seinen an der mathematischen Logik orientierten Sprachspielen auch nicht möglich. Daher spreche ich von notwendig einseitigen Antworten, die ohne die „Gott-Schöpfer-Hypothese“ auskommen – müssen.

Die ideologiekritischen, sozialwissenschaftlichen Konzepte der „Projektion“ werden nicht zur Kenntnis genommen und angewandt.

Daher kann Hawking als „methodischer Atheist“ verstanden werden; denn seine Forschungen und Prognosen haben zum Ziel, „ein rationales Bezugssystem zu finden, um das Universum, das uns umgibt, zu verstehen“ (a.a.O. S.50). Demgegenüber hat mein Projekt des „Aufgeklärten Realismus“ zum Ziel, für Wissenschaft und Gesellschaft, also für die Strukturen des menschlichen Denkens – inklusive religiöser Vorstellungen und ihrer sprachlichen Ausdrucksformen – ein rationales Bezugssystem zu finden, um die Gesellschaften, in denen wir Menschen leben und arbeiten, zu verstehen. Das meine ich, wenn ich fordere, das Projekt der Aufklärung unter heutigen Bedingungen zu Ende zu denken – und die Ergebnisse der Ideologiekritik nicht zu negieren oder zu verharmlosen.

Auch Hawkings Position des „wissenschaftlichen Determinismus“ bedarf der kritischen Prüfung. Möglicherweise verkennt er die vorgegebenen „Idealisierungen“ der Naturgesetze – schon bei der Konstruktion adäquater mathematischer Sprachspiele – und reduziert den synsemantischen Ausdruck „Gott“ auf „Natur“, ohne die wirksamen Projektionsformen in Gesellschaft und Wissenschaft wahrzunehmen.

Dennoch bin ich unsicher, Hawking einen Deisten zu nennen. Sein evolutionärer Optimismus, wie auch sein Verständnis von idealisierter Gesetzmäßigkeit kann hinerfragt werden. Der Gebrauch des Wortes „Gott“ wird beliebig (S. 64: „Wenn Sie wollen, können Sie die wissenschaftlichen Gesetze „Gott“ nennen …“), aber meine Frage bleibt, ob es einen sinnvollen Gebrauch dieses Wortes gibt; wenn nicht, sollte auf ihn verzichtet werden.

Gott“ ist also für Hawking – in meinem Verständnis – ein synsemantischer Ausdruck für die weiter zu erforschende Gesamtheit der Natur in ihrer Gesetzmäßigkeit. Auf die Frage, ob ein Gott das Universum geschaffen hat, antwortet Hawking, dass die Frage sinnlos sei. Die Entstehung und das mögliche Ende unseres Universums läßt sich aus sich erklären. Da die Zeit (im Sinne der Chronologie) wie auch der Raum im „Schwarzen Loch“ verschwinden, wie auch entstehen, ist der Gedanke an die Existenz eines Schöpfers, der das Universum schafft, sinnlos (vgl. S. 62f).

Hawking als Kosmologe ist, wie schon zuvor formuliert, ein methodischer Atheist. Seine Methode ist – in Anlehnung und Fortsetzung der Gedanken Albert Einsteins – das „Gedankenexperiment“ (vgl. a.a.O. S. 224). Die Mathematik versteht er als „Blaupause des gesamten Universums“ (S. 225).

Dabei weiß er um die stochastische Struktur der mathematischen Sprache, wie er anhand der Heisenbergschen Unschärferelation demonstriert. Bei Zukunftsprognosen ist die differenzierte Wahrscheinlichkeitstheorie adäquater Ausdruck der relativen Sicherheit von Voraussagen, Das gilt im übrigen auch und zumeist für Prognosen im sozialwissenschaftlichen Bereich.

Für die zukünftige Entwicklung der Menschheit sieht Hawking zwei Möglichkeiten:

Erstens die Erkundung des Weltraumes mit dem Ziel, alternative Planeten zu finden, auf denen wir leben können, und zweitens der gezielte Einsatz Künstlicher Intelligenz zur Verbesserung unserer Welt.“ (a.a.O. S. 229) Dieser Optimismus negiert nicht die Möglichkeit der Selbstzerstörung bzw. Selbstvernichtung, aber er „träumt“ von globalen Problemlösungen; z.B. neue Energiequellen wie die Fusionsenergie: „Kernfusion würde zu einer praktischen Energiequelle und uns – ohne Umweltverschmutzung oder globale Erwärmung – mit einem unerschöpflichen Vorrat an Energie versorgen.“ (S. 237)

Für diese Zukunftsprognosen gibt es – bei allem Optimismus – gute Gründe. Schwieriger wird es, das zukünftige Verhältnis bzw. die Art der Symbiose von Künstlicher Intelligenz und menschlichem Organismus zu klären. (Im Wörterbuch meines Buchprojektes werde ich zum Verhältnis von KI und menschlichem Organismus Stellung nehmen.)

Ungeklärt bleibt bei Hawking das Verhältnis von „Gedankenexperiment“ und der „Problemlösungsstruktur“ konkreter Menschen. Wie müssen wir uns den Menschen bzw. das menschliche Team vorstellen, die sich (in einem Gedankenexperiment) mit Lichtgeschwindigkeit (auf einem Lichtstrahl) durch das Universum bewegen oder in einem „Schwarzen Loch“ verschwinden bzw. wieder auftauchen?

Der Mensch wird in diesen Gedankenexperimenten nur als fiktiver Punkt, als mathematische Größe ohne Ausdehnung verstanden – der Mensch als fiktiver Punkt auf seiner (!?) Reise durch das Universum. Der Mensch, die Menschengruppe, zu einem bestimmten Zeitpunkt degenerieren zu einer mathematischen Konstruktionsgröße. Menschen aber sind sterbliche, komplexe Organismen (in komplizierten, historisch veränderten Organisationsformen), die, wenn auch individuell begrenzt und historisch verändert, zu Organisationsformen, zu nachdenkender Reflexion und Dokumentation ihrer jeweiligen Ergebnisse fähig sind.

In Analogie zur „Unschärferelation“ in der Mikrophysik gefragt: Was bleibt, wenn eine präzise Trennung zwischen Beobachter (als menschlicher Organismus/als menschliche Organisation) und prognostiziertem Prozessablauf nicht möglich ist? Welche „Objektivität“ haben die vermuteten Gesetzmäßigkeiten? Wie beeinflussen/verändern die jeweiligen Zustände den (beobachtenden) menschlichen Organismus? Oder steckt in allen Zukunftsvorstellungen (Prognosen) ein implizierter, unaufgeklärter Dualismus zwischen Geist und Leib? Der aufgeklärten Realität selbst denkender Organismen, die individuell sterblich sind, und vorläufiger Organisationen werden Gedankenexperimente, wie sie auch Stephen Hawking aufstellt, nicht gerecht. Ich halte an der Aussage von Hannah Arendt fest, dass der Mensch ein „sterblicher Schöpfer“ ist und nur in dieser Struktur – in diesem „Menschenbild“ gemeinsam Probleme lösen kann.

Der Papst steht Kopf

Wie sein Geheimbesuch in Münster in Westfalen das Weltbild der römisch-katholischen Kirche radikal veränderte – Eine skurrile Aufklärungsgeschichte

Vorbemerkung: diese folgende „skurrile Aufklärungsgeschichte“, eine fiktive Glosse mit „biografischen Einsprengseln“, ist eine Vor-Veröffentlichung. Ich plane, sie – statt eines Nachwortes – in meinem neuen Buch „Aufgeklärter Realismus. Leitfaden zu einem zeitgemäßen Welt- und Menschenbild als Grundlage für eine dreifache Theorie des menschlichen Wissens, des verantwortlichen Handelns und des utopischen Hoffens“, das im Spätherbst dieses Jahres (2019) erscheinen soll, zu veröffentlichen.

Im Folgenden schreibe ich auf, wie ich dieses imaginäre Ereignis aufgearbeitet habe. In der obigen Überschrift meines Berichtes wird die Tendenz schon deutlich: Der Papst steht Kopf. Wie sein Geheimbesuch in Münster in Westfalen das (sein?) Weltbild der römisch-katholischen Kirche radikal veränderte.

Es ist kein Zufall, denn den gibt es nicht (casus non datur), und grenzt fast schon an ein Wunder (und daran glaube ich nicht), dass ich in meinem Alter von weit über 70 Jahren – obwohl dieses Alter die Kommunikation mit dem Bischof von Rom erleichterte – die einmalige Gelegenheit hatte, den Bischof von Rom, den ein Teil der Christen als sog. Oberhaupt anerkennt, für einen Tag durch die Stadt Münster zu begleiten und das Wahrgenommene – von mir ausgewählt – zu kommentieren.

Ich nenne das Ergebnis oder die Wirkung meiner eigenwilligen Stadtführung vorweg, um traditionelle Leserinnen und Leser, wenn es die dann gibt, nicht zu sehr zu irritieren: Es gelang, nein, nicht mir, sondern der Macht der reflektierten Wahrnehmung, das Weltbild des Bischofs von Rom, und damit das Menschen- und Weltbild der römisch-katholischen Kirche umzukehren, vom Kopf auf die Füße zu stellen.

Ich phantasiere, der Bischof von Rom, also das von den Mitgliedern der römisch-katholischen Weltkirche (mehr oder weniger) anerkannte Oberhaupt, wäre zu einem unvermuteten Kurzbesuch inkognito in Münster eingetroffen und ich hätte die Aufgabe, ihm als ein sachkundiger Stadtführer und aufgeklärter Christ innerhalb eines Tages drei Dokumente aus der Geschichte und Gegenwart dieser Stadt zu zeigen und zu erläutern; einer ehemals fürstbischöflichen Stadt der Friedensverhandlungen zu Ende des Dreißigjährigen Krieges mit weitreichenden Konsequenzen; einer Stadt mit (ehemals) katholischem Milieu, die nie reformiert und aufgeklärt wurde.

Ich würde mit dem Bischof von Rom die Astronomische Uhr im Paulusdom besuchen, die Besonderheiten des Lambertikirchturms erklären – inklusive zweier Abstecher in den Friedenssaal des Rathauses und in das Stadtmuseum am Ende der Salzstraße –, und abschließend in der (ehemaligen) Dominikanerkirche verweilen, um anhand des Foucaultschen Pendels in der künstlerischen Fassung von Gerhard Richter die heutige Menschen- und Weltsicht erklären.

Mein Ziel, meine Intention des folgenden Berichtes mit Reflexion ist also, das Menschen- und Weltbild des Papsttums der römisch-katholischen Kirche vom Kopf auf die Füße zu stellen. Vor der Niederschrift meines Berichtes kann ich noch einige Marginalien klären, die meinem Bericht eine ausreichende Plausibilität verleihen.

Wir waren am Morgen vor der Bischöflichen Residenz auf dem Domplatz verabredet. Er hatte darum gebeten, von keiner örtlichen Geistlichkeit oder lokaler wie nationaler Politikprominenz begleitet zu werden. Auch ich war gebeten worden, alleine zu erscheinen; vor allem die Medien nicht zu informieren. So stand der Bischof von Rom im schwarzen Anzug ohne römischen Kragen im Vorhof des bischöflichen Palais, begleitet von seiner Sekretärin (ohne Ordenskleid) und seinem Sekretär in ziviler Kleidung (vielleicht ein Sicherheitsbeamter der päpstlichen Garde).

Bei einem Vorgespräch mit seiner Sekretärin im Campo Santo Teutonico im Vatikan – dazu war ich überraschenderweise eingeladen worden – hatten wir ein Erkennungszeichen vereinbart: seine Anzugsjacke zierte ein kleines Petruskreuz; das hatte ich nicht ohne Hintergedanken vorgeschlagen, obwohl bei seiner Medienpräsenz nicht notwendig; stattdessen Sonnenbrille und ein weitkrampiger Stohhut. Auch ich war in schwarz; nichts besonderes, sondern bei mir oft üblich. Auf dem Revers meiner Jacke klebte ein kleines Fischsymbol (mit den griechischen Großbuchstaben: ICHTYS).

Durch welche Indiskretion oder welches Missverständnis ich zu dieser ungewöhnlichen Stadtführung eingeladen wurde, weiß ich nicht. Manche werden das Verb „einladen“ durch „auserwählen“ ersetzen wollen und ihren Neid kaum verbergen können. Ich war zutiefst überrascht. Die Ordensschwester und Sekretärin, die ich auf meinen Wunsch hin im Campo Santo Teutonico im Vatikan traf, verriet nur soviel: man wisse, dass mein Studium in Freiburg im Breisgau durch die Stiftung der deutschen Bischöfe gefördert worden sei (meine Doktorarbeit wurde dann durch ein Stipendium des Landes NRW unterstützt) und ich vor kurzem ein Buch über das Verhältnis von Christen und Atheisten veröffentlicht hätte. Auch sei ich meinem Taufgelöbnis (das meine Großeltern für mich abgegeben haben) trotz aller Distanzierung treu geblieben und hätte bis zum Rentenalter katholischen Religionsunterricht erteilt. Und da ich mich mit der Täuferbewegung in Münster intensiv und öffentlich beschäftigt habe, würde ich nun gebeten, den Papst in einer geheimen Mission zu unterstützen. Der Papst zähle auf meine Verschwiegenheit.

Demgegenüber verwies ich auf meine langjährige Distanzierung zur Praxis der Kirche, die mit gutem Grund als Kriminalgeschichte zu deuten sei. Daher hätte ich auch den Deutschen Friedhof im Vatikan als Treffpunkt ausgewählt, denn vor längerer Zeit sei der Leiter, ein deutscher Prälat, der zuvor Leiter des Cusanuswerkes war, wegen dunkler Geschäfte „aus dem (öffentlichen) Verkehr“ gezogen worden. Sie entgegnete, immerhin hätte ich unter seiner Leitung drei Wochen lang hier in Rom eine Akademie besucht. Ich schwieg und wunderte mich nicht über die exakten biografischen Vorermittlungen, sondern gab meine Zustimmung.

Aber einen Wunsch meinerseits bat ich weiterzuleiten: auch weil es sich um einen geheimen Besuch handele, würde ich den Papst mit „Herr Bischof“ anreden. Denn so wie es mit Recht keine Fürstbischöfe mehr gebe, dürfe es auch keinen Papst-Titel mehr geben. Leider habe sich die Säkularisierung weltweit und vor allem im Vatikan noch nicht durchgesetzt.

Ich sah ihr Stirnrunzeln, aber sie versprach, meinen Wunsch weiterzuleiten. Zuvor hatte ich sie damit zu trösten versucht, dass ich ihr davon erzählte, dass ich 1963 in der Universität Münster die Vorlesung von Josef Ratzinger „Einführung ins Christentum“ mit Interesse besucht hätte. Eine Reaktion blieb aus.

Das Weltbild der Astronomischen Uhr im Dom zu Münster: Die zerbrechende Einheit von Astrologie und Astronomie – Zum Verhältnis von Chronos und Kairos

Leicht verunsichert, ob nicht doch die Presse uns umzingeln würde, gingen wir auf den Dom zu und erreichten durch das Paradies, die Vorhalle, den südlichen Chorumgang und blickten auf die dreiteilige Schauwand der Astronomischen Uhr.

Die nach der Zerstörung durch die Täuferbewegung 1540 wiederhergestellte Uhr unterstellt einerseits das theozentrische Weltbild mit christologischer Perspektive, erlaubt andererseits eine chronologisch exakte Zeitbestimmung auf der Erde wie den Lauf der Planeten. Diese Konstellationen konnten also den Stand der Planeten am Himmel während eines bestimmten Zeitpunktes fixieren und – im Sinne der Astrologie – bewerten. Astronomie und Astrologie bildeten eine auch von der Kirche akzeptierte , wenn auch zunehmend zerbrechende Einheit. Der Stand der Gestirne am Himmel erlaubte eine auch prognostische Bewertung der irdischen Abläufe. Wobei der Ablauf der Geschichte auf der Erde durch den Kreislauf der Jahreszeiten geprägt war – und nur einmal im Jahr – in der Silvesternacht – musste der Jahreszeiger von Menschenhand bewegt werden. Die Messbarkeit und Wiederkehr der Himmelsmechanik schien die Stabilität der chronologisch ablaufenden Geschichte auf der Erde zu sichern. Noch korrelierten Kosmologie und menschliche Herrschaft miteinander und die christliche Kirche war der Garant dieser Stabilität Reform und Revolution waren in diesem Weltbild nicht (oder nur insgeheim) denk- und realisierbar; Reformation, Umsturz und Aufklärung blieben „außen vor“.

Meine Gäste stehen staunend vor diesem Kunstwerk und seiner bis heute ablaufenden Mechanik; aber ich gebe zu bedenken, schon wenige Jahre vor dieser Neukonstruktion stellten die Täufer diesen Ablauf radikal in Frage; wenn auch in Form einer chronologisch vorgestellten endzeitlichen Apokalyptik. Und die Reformatoren hinterfragten die Stabilität dieser Konstruktion und die Berechtigung der christlichen Kirchen, diese Konstruktion zu legitimieren.

Wer den Dombezirk verlässt und sich dem bürgerlichen Stadtbezirk mit seinem Prinzipalmarkt nähert, kann die spätgotische Lambertikirche mit ihrem heutigen Turm (vom Ende des 19.Jahrhunderts) nicht übersehen.

Stigmata am heutigen Lambertikirchturm: Schiller, Goethe und die Käfige der hingerichteten Täufer. Der spezifische Umgang mit der missachteten Aufklärung: zwischen Possenspiel (Stadtmuseum am Ende der Salzstraße, Säulenkapitelle an der Rathausfassade) und Friedenskompromiss (Friedenssaal des Rathauses)

Ich erläutere, dass Ende des 19. Jahrhunderts der baufällig gewordene Kirchturm abgerissen wurde, und ein neuer Turm entstand, gegen den Wunsch der preußischen Obrigkeit ein Imitat des Freiburger Münsters. Vor allem die drei abgelassenen Eisenkäfige, in denen die Körperteile der hingerichteten Anführer des Täuferreiches den Vögeln zum Fraß ausgesetzt und den Bürgerinnen und Bürgern zur Abschreckung und Warnung ausgestellt worden waren, wurden wieder – allen sichtbar – hochgezogen. Daran änderte auch das Possenspiel nicht, das Professor Landois, exkommunizierter Priester und Darwinist, Gründer des Münsteraner Zoos und später zu einem Münsteraner Original stilisierter Zoologe, veranstaltet hatte. Er ließ drei weitere Eisenkäfige nachbauen und behauptete, diese seien die echten. Heute sind diese Resultate der Possenspielerei im Stadtmuseum am Ende der Salzstraße zu bestaunen. Dieser verharmlosende, touristenattraktive Umgang mit der Geschichte hat in Münster, der katholischen Metropole des Münsterlandes Tradition; daran ändern auch die in den Käfigen angebrachten, der Kunst verpflichteten „Irrlichter“ nicht. Und das regelmäßige Trompetensignal der (städtisch angestellten) Trompeterin mochte vor Feuersbrunst in früheren Zeiten schützen, aber den Schlaf der Münsteraner Bürgerinnen und Bürger stört es bis heute nicht.

Mehr oder weniger versteckte Elemente der Possenspielereien konnte ich meinen Gästen zeigen: zwei der in Stein gemeißelten Heiligenfiguren im Westportal erinnern in ihren Gesichtern an Schiller und Goethe, ein Säulenkapitell am nach dem Krieg wiederhergestellten Renaissance-Rathaus zieren Köpfe der auf dem Prinzipalmarkt hingerichteten Täuferführer, und im Stadtmuseum ist neuestens, in kleine Flaschen verpackt, Taufwasser der Täufer zu kaufen: hochprozentiger klarer Schnaps.

Die Verwunderung meines Inkognito-Gastes nahm zu und er murmelte etwas von italienischen Verhältnissen, die er im Münsterland nicht vermutet habe. Aber meine voreilige Interpretation des spezifischen Umgangs mit der gefürchteten Obrigkeit und der missachteten Aufklärung beeindrucke nicht weiter. Während wir nach einem Umweg in den Friedenssaal zu Ende des Dreißigjährigen Krieges Richtung ehemaliger Dominikanerkirche gingen, erzählte ich von den vergeblichen Einsprüchen der päpstlichen Delegation, dessen Leiter später Bischof von Rom (und damit Papst) wurde: Die Niederlande erhielten ihre garantierte Unabhängigkeit und das Recht der freien Religionsausübung. Und eine einmalige „Absonderlichkeit“ des Friedensvertrages, die Nachbardiözese Osnabrück betreffend, musste ich erwähnen: die dortigen Fürstbischöfe waren – bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, also bis 1803, abwechselnd katholisch oder evangelisch.

Wie der römische Papst in der Dominikanerkirche die Erdrotation erfuhr, die leibliche Himmelfahrt als symbolische Täuschung erkannte und als aufgeklärter Bischof in seine römische Diözese zurückkehrte.

Höhepunkt und Abschluss meiner außergewöhnlichen Stadtführung war der Aufenthalt in der Dominikanerkirche mit der durch Gerhard Richter künstlerisch gestalteten Installation des Foucaultschen Pendels. Ich war überrascht, dass er, der vor Jahren auch in Deutschland studiert hatte, die Wirkung dieses Pendels (aus dem Deutschen Museum in München) kannte, und mir, nachdem ich die unterschiedlichen Weltbildvorstellungen zwischen dem barocken Hochaltarbild der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel aus dem Jahre 1708 (das hinter einer eisernen Gittertür zu sehen ist), und der nur indirekt erfahrbaren Erdrotation, die uns alle trifft und betrifft, offen zugab, das Weltverständnis, das dem Mariendogma von 1950 zugrunde läge, sei für einen aufgeklärten Menschen nicht mehr versteh- und vermittelbar. Und das habe auch Konsequenzen für ein aufgeklärtes Menschenbild. Seine Sekretärin – die unerkannte Ordensschwester – wollte immer noch nicht glauben, dass sie, auf dem Erdboden stehend, um das gleichschwingende Pendel rotierte. Der Bischof von Rom scherzte noch, dass er nicht 30 Stunden Zeit habe, das Pendel zu umkreisen,

bedankte und verabschiedete sich, und verschwand mit seiner Begleitung im Dienstwagen Richtung Flughafen.

p.s.

Wenn ich mich nicht getäuscht habe, ist in naher Zukunft eine Enzyklika zum Thema Säkularisierung, Aufklärung und Menschenwürde durch den Bischof von Rom zu erwarten.

Übrigens wäre das Petruskreuz am Revers seines Anzugs umdrehbar. Den legendären Petrusakten nach wurde Petrus nach seiner Verhaftung kopfüber gekreuzigt. Er habe seinen Wunsch damit begründet, dass er nicht würdig sei, auf die gleiche Weise wie Christus zu sterben.