Plädoyer für einen aufgeklärten Realismus

Aufforderung zur Zusammenarbeit von aufgeklärten Atheisten und aufgeklärten Christen

Ich nehme die aktuelle Lektüre der Bemerkungen von Marc Tribelhorn in der Neuen Zürcher Zeitung (nzz.ch, Digital) vom 3. Dezember 2022 zum Anlass, für einen aufgeklärten Realismus zu plädieren und Atheisten wie Christen zur Zusammenarbeit aufzufordern: Kehren Sie zu einem aufklärenden Denken zurück und handeln Sie im Sinne des Programmes der Aufklärung!

Aufklärendes Denken, nicht abgebrochen oder verschüttet, sondern konsequent zu Ende gedacht und handlungsrelevant umgesetzt – im Sinne von Hannah Arendt – öffnet Wege, um ideologische Irr- und Holzwege zu erkennen und realistische Problemlösungen in und für Gesellschaft und Wissenschaft zu finden und zu fördern.

Marc Tribelhorn stellt in seinem Text „Apocalypse now? oder: Die neue Angst vor der Zukunft“ fest, dass das heute vorherrschende „Gefühl“ der Menschen darin besteht, „dass wir in in zunehmend finsteren Zeiten leben. Doch Pessimismus ist keine Lösung“.

Weder gefühlter Pessimismus noch naiver Optimismus lösen die anstehenden Probleme in Gesellschaft und Wissenschaft. Daher fordert Tribelhorn zu Recht (in Rückgriff auf den Soziologen Reckwitz), „eine institutionelle Widerstandsfähigkeit aufzubauen“. Dies ist „ein Realismus in unsicheren Zeiten“. Und er zieht die Konsequenz: „Es kann in der Politik nicht nur darum gehen, mögliches Unheil zu verhindern, Risiken zu minimieren und Krisen auszuhalten. Liberale Gesellschaften brauchen Innovation und Wagnis, um vorwärtszukommen“.

Ich ersetze den Begriff „liberal“ durch „demokratisch“, denn Freiheit und geregelte Mitbestimmung gehören zusammen. Vor allem aber bedarf es der präzisen Analyse des „Fortschritts“ in Gesellschaft, Alltag und Wissenschaft. Diese Analyse schließt die Wirkung von Ideologien ein, die den jeweiligen Pessimismus oder Optimismus belegen sollen. Ich verweise auf drei ideologische Konstruktionen:

(1) Die folgenschwere Verwechslung von historischem Fortschritt – im Sinne der Geschichte der Menschheit – mit der biologischen Evolution. Diese Verwechslung führt oft zur Ideologie des Naturalismus und zu einer atheistischen Weltanschauung.

(2) Die Behauptung des Konstruktivismus, das Vorläufige sei das Endgültige – und alle Lösungen seien grundsätzlich relativ.

(3) Das menschliche Bewusstsein werde – früher oder später – durch künstliche Intelligenz (KI/AI) abgelöst; ideologisch vereinfacht durch (menschenähnliche) Roboter/Kobolde dargestellt.

Diesen ideologischen Vorstellungen gegenüber erkenne ich, dass sich das Bewusstsein der Menschen und der Menschheit am Ende des Anthropozän für vielfältige Wahrnehmung und Erfahrung öffnet und diese „Denkleistungen“, diese Erkenntnisse in jeweiligen Sprachen „verarbeitet“ und „ausdrückt“: in Bildern und Berichten, in Prognosen und Gesetzen, in Normen, aber auch Utopien, wie in Erzählungen.

Das menschliche Bewusstsein ist also vielfach strukturiert, lässt sich aber nicht auf Hautfarbe, Volkszugehörigkeit, Religion oder Besitz (sog. Eigentum) fixieren bzw. reduzieren. Zur Würde des Menschen gehört, dass sie für alle Menschen gilt. Programm und Projekt der Aufklärung sind ihrem Grund und Anspruch nach universal.

Die Geschichte des homo sapiens ist keine Naturgeschichte, sondern eine Bewusstseinsgeschichte: die Geschichte der Kulturbildung und des Kulturuntergangs, der Normenbildung und der Normenkritik, der Versklavung und Befreiung, der Entfremdung und der Aufklärung.

Die Geschichte der Befreiung ist nicht – im biologischen Sinn – evolutiv, sondern eine Geschichte der Wechselwirkung von Gleichheit und Knechtschaft, von Krieg und Frieden, von Hass und Diskriminierung bei beanspruchter Empathie.

Was bedeuten in diesem Kontext Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit und Demokratie? Ziel der Menschengeschichte (des homo sapiens als homo praestans) ist nicht das Paradies, weder im Himmel, noch auf Erden (auch nicht die „klassenlose“ Gesellschaft), sondern die Durchsetzung von Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie. Grundlegende Imperative für diese durchzusetzende Praxis sind: Mündigkeit, Würde und Empathie.

Zur Zeit (Ende des Jahres 2022) leben ca. 8 Milliarden Menschen auf der Erde. Für das Jahr 2080 wird die Zahl der Menschen auf 10,4 Milliarden geschätzt. Von den 8 Milliarden Menschen leben zur Zeit nur 30% in demokratischen Staaten.

Für uns heutige Menschen bleibt – meiner Überzeugung nach – als Denk- und Arbeitsgrundlage nur das Programm des aufgeklärten Realismus unter dem dreifachen kategorialen Imperativ: Mündigkeit, Würde, Empathie.

Angesichts dieser Situation erkenne ich für alle Menschen in allen Lebensräumen – vom Geburtsort (1), Wohnort (2), von Region (3) und Staat (4), bis zur bewohnbaren Erde (5) – und dem unbewohnbaren Weltall – 24 Lebens- und Entwicklungschancen, die durchgesetzt werden müssen:

(1) 1. Menschenwürde
2. Überleben
3. Sympahtie, Empathie, Respekt
(2) 4.Ernährung
5. Gesundheit
6. Schutz vor Gefahren der Natur/der Gesellshcaften
7. Lernen, aktiv/passiv
8. Kommunikation, u.a. schreiben/lesen
9. Sozialbewusstsein
(3) 10. Selbständigkeit
11. Arbeitsfähigkeit/Qualifikation
(4) 12. Mündigkeit: Familienbildung/Autonomie
13. Beruf
14. Produktion: Wertschätzung und Mitbestimmung
15. Zivilisation/Sozialverhalten
16.Kultur/Bildung
17. Freizeitgestaltung
18. Verantwortung/Politisches Handeln/Engagement
19. Machtkontrolle/Demokratisierung/Wahlen
20. Kompromissfähigkeit
(5) 21. Gerechte Verteilung der produzierten Güter/Waren/Werte/Steuergerechtigkeit
22. Rechtsordnung
23. Reisefreiheit
24. Doppelter Naturschutz: Schutz vor Naturgefahren/Schutz der Natur (kurzfristig/langfristig)

Zur Spezifik der Geschichte des menschlichen Bewusstseins und zum Ziel des erdweiten Projektes der Aufklärung

Die aktuelle Frage (in Philosophenkreisen), ob es einen „seinsgeschichtlichen Antisemitismus“ gibt – so problematisiert Peter Tawny in seinem Buch „Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung“ (Frankfurt/Main 2015, 3.A.) –, ist (für mich) schon deswegen sinn-los, weil die Frage nach der Geschichte des Seins sinnlos ist. Das Sein (auch wenn es Seyn geschrieben wird) hat keine Geschichte – im Sinne der Geschichte der Menschen auf dem Planeten Erde. Allein das Dasein des homo sapiens wie der Menschheit lässt sich – biografisch wie gesellschaftlich – als Geschichte rekonstruieren, verstehen und erzählen.

Die Konstruktion der Seinsgeschichte (bei Heidegger) unterstellt eine „Seinsvergessenheit“, deren Erinnerung dem (auserwählten) Philosophen erlaubt, mit Hilfe der Ideologieproduktion des menschlichen Bewusstseins im Labyrinth dieses Bewusstseins zu „stöbern“ und ziellos (sinnlos) zu phantasieren. Unter dieser Perspektive wird „Heimatlosigkeit zum Weltschicksal“ (siehe Heideggers „Humanismusbrief“, Erstfassung 1946) und der Antisemitismus entpuppt sich als wirksame Ideologie mit langer Geschichte realer Machtverhältnisse.

Seinsgeschichte ist ein sinnloser Begriff, denn das Sein dessen, was ist – und auch nicht ist –, hat keine Geschichte; denn menschliche Geschichte (in meinem Verständnis) ist bewusste (auch missverstandene wie verlogene)  Konstruktion gesammelter Erkenntnis; auf der Basis überprüfbarer Erinnerung.

Meine Kritik an der Ideologie der Seinsgeschichte etabliert aber kein naives Geschichtsverständnis. Denn zwei weitere Geschichts-Ideologien sind in der heutigen Diskussion wirksam: der Konstruktivismus und der Naturalismus. Die erste Ideologie reduziert die Geschichte der Menschheit (der menschlichen Gesellschaften und des Erkenntnisfortschritts) auf (spätere) subjektive Interessen, die die Wahrheitsfrage ausklammern oder relativieren. Die zweite Ideologie verwechselt den Ablauf (und die Widersprüche) menschlicher Geschichte mit (biologischer) Evolution des Lebens auf der Erde und des Kosmos insgesamt.

Zwar entsteht und entstand menschliches Bewusstsein – individuell wie sozial – aus der gemeinsamen Schnittmenge von Natur (im Sinne der evolutiven Entwicklung des Lebens auf der Erde) und der sozialen Strukturen des Zusammenlebens der Menschen (Bildung von Normen und wiederholbare, erfolgreiche Lösung von Problemen), aber daraus bildete und bildet sich eine eigenständige, spezifisch begreifbare und beschreibbare Struktur des Erkenntnisfortschritts (mit allen Rückschlägen): die Geschichte der Menschheit.

Diese Geschichte der Menschheit – wie auch die biografische Entwicklung des homo sapiens zur Mündigkeit, zur Menschenwürde und zur Empathie – lassen sich in Weltbildern zusammenfassen und in einem weltweiten Projekt der Aufklärung begreifen und beschreiben. Unter der Bedingung des anthropologischen Weltbildes (an Ende des Anthropozän) versuche ich diese Zusammenfassung:

(1) in einer Metatheorie des Aufgeklärten Realismus, die den Atheismus – als Methode, nicht als Weltanschauung – einschließt:

(2) in einer Anthropologie der Aufklärung (aus der Peripherie heraus), die einen dreifachen (kategorischen) Imperativ erdweit einfordert und als Lernprozess organisiert: Mündigkeit, Würde, Empathie.

 

p.s.

Die „Heimat“ des homo sapiens (als homo praestans) ist einerseits die „Entsterblichung“ seiner Natur (oder die „Entmachtung“ seiner Sterblichkeit), andererseits die „Vermenschlichung“ des Unsterblichen (Gottes).

Der „Holzweg“ ist nicht die Lösung des Problems (der Erlösung), sondern ein Irrweg, der (bestenfalls) als Umweg erkannt werden kann.

Erlösung als Erfahrung – in Form der messianischen Utopie – beginnt mit dem Schweigen, aber endet nicht in der „Heimatlosigkeit“, sondern hat Grund und Ziel: Menschliche Schöpferkraft und Sterblichkeit des Menschen (als eines natürlichen Lebewesens) lösen sich.

Grund ist die menschliche Schöpferkraft. Ziel ist die Entmachtung des Todes.

Anthropologie der Aufklärung: Exposé meiner Argumentation (Münster 2023)

Grundlage und Ziel meines Projektes: Aufklärung zu Ende denken

Seit langem versuchen Religionsphilosophie – und auch die Soziologie der Religion das Verhältnis von Profanem und Heiligem und den vermeintlichen Ursprung von beiden zu klären. Demgegenüber hinterfragt mein Projekt der Aufklärung diese Dualität und entwickelt die Möglichkeiten – ich spreche auch von Potenzen – eines einheitlichen menschlichen Bewusstseins – individuell wie sozial/geschichtlich – von Wahrnehmung, (aenigmatischer) Erkenntnis, Projektion und Utopie. Ich beschreibe in einer Theorie des Aufgeklärten Realismus diese Potenzen (oder Leistungen) dieses Bewusstseins am Ende des Anthropozän. „Anthropologie der Aufklärung: Exposé meiner Argumentation (Münster 2023)“ weiterlesen

Der Holzweg ist keine Lösung

Holzwege sind nicht die Lösung des Problems der Erlösung. Holzwege sind spezielle Irrwege im Labyrinth des menschlichen Lebens. Irrwege sind Umwege, die nicht aufgeben, das erhoffte Ziel zu erreichen. Auf dem Umweg wird das Ziel nicht geleugnet, nicht vergessen oder sogar aufgegeben, sondern – bei aller Anstrengung – die Zielorientierung bleibt erhalten. Sie gibt dem Mäandern im Feld des Lebens Sinn. Demgegenüber ist die Aussage, der Weg sei schon das Ziel, sinnlos.

Ich verstehe diese Zielorientierung als die Dynamik des Vorläufigen in allem alltäglichen, gesellschaftlichen und forschendem Problemlösen. Die Struktur des Lösens von Problemen – das zeigt sich sowohl bei den Lösungswegen, als auch bei den Lösungen – ist provisorisch und antizipativ zugleich.

Daher ist auch der Holzweg eine spezielle Form des Umweges, den zu gehen, Mut, Anstrengung und Ausdauer verlangt. Insbesondere verlangt dieses Gehen, mit dem Zweifel umzugehen, ohne zu verzweifeln, und bereit zu sein, umzukehren. Denn der Holzweg ist eine Sackgasse. Er verlangt Umkehr – um im Bild zu bleiben: damit das geschlagene Holz aus dem Wald entfernt und entsorgt werden kann.

Das messianische Denken versteht das menschliche Leben als Bewegung in einem labyrinthartigen Feld. Der Ausgang – die Lösung bzw. Erlösung – ist existenziell erfahrbar, aber nicht erzwingbar oder begreifbar. Diese Erfahrung beginnt mit dem Schweigen, kann als konkrete Utopie beschrieben und in Oxymora erzählt werden.

Zum Reformationstag 2022: Im Anfang war das Gepräch – sermo oder verbum?

Evangelium secundum Johannem. Prologus 1,1-18:

Hieronymus/Vulgata (nach 383):

In principio erat Verbum et Verbum erat apud Deum, et Deus erat Verbum.

… Et Verbum caro factum est et habitavit in nobis.

Zürcher Bibel (2007):

Im Anfang war das Wort, der Logos und der Logos war bei Gott. … Und das Wort, der Logos, wurde Fleisch und wohnte unter uns.

Martin Luther (1545):

Im Anfang war das Wort und das Wort war bey Gott. … Und das Wort ward Fleisch und wonet unter uns.

Der primäre Sinn der Sprache liegt im Mit-teilen, nicht im Benennen. Das Benennen dessen, was ist oder nicht ist, ergibt sich aus dem Ziel des Mitteilens, Wirksamkeit, Klarheit oder Eindeutigkeit herzustellen. Im Anfang war das Gespräch (nicht zwingend chronologisch gemeint), nicht das Wort. Auch deswegen übersetzt Erasmus von Rotterdam (vor 1496 – 1536) vorsichtig – und nur in einigen Varianten des Neuen Testamentes den griechischen Begriff logos (aus dem Prolog des Evangeliums nach Johannes) mit sermo und nicht mit verbum.

Ich versuche, die oben zitierten zwei Verse unter den Bedingungen heutiger Sprache und unter den Bedingungen des anthropologischen Weltverständnisses zu übersetzen:

Grundlage dessen, was ist und was nicht ist, ist dialogischer Struktur und daher (nur) im Gespräch sinn-voll mitteilbar. Dieser grundlegende Sinn wurde durch einen Menschen in Praxis und Gespräch konkret mitteilbar; als konkrete Utopie der Erlösung durch Verhalten und Dialog des Messias Jesus aus Nazaret erfahr- und erzählbar.

Die Mitteilbarkeit der Erlösung (als unerzwingbare und unbegreifbare Grundlage alles Problemlösens), also Erlösung als konkrete Utopie (im religiösen Sprachspiel: Offenbarung) hat die sprachliche Struktur eines Dialoges, nicht eines Dogmas. Dogmen grenzen bestenfalls gegen Fehldeutungen oder Missverständnisse ab; der Dialog will und kann überzeugen.

In der jüdischen JHW-Erfahrung ist GOTT primär kein transzendenter Schöpfergott (der Schöpfungsmythos ist sekundär), sondern JHW steht im dauernden Dialog, in der dauernden Auseinandersetzung mit seinem Volk; es geht um Orientierung und Umkehr im Exodus.

Die lateinische Übersetzung „verbum“ für logos steht in der Gefahr, die dialogische Struktur der Logos-Aussage zu übersehen und in die – situativ notwendige, aber nicht ausreichende – Engführung dogmatischer Aussagen zu führen.

Dies hat der spracherfahrene Humanist Erasmus sicher erkannt und auch deshalb übersetzt er griech. logos mit lat. sermo. Aber Erasmus ist auch vorsichtig, denn er weiß, dass es sich bei der Übersetzung in „verbum“ nicht nur um die Reflexion eines „Kirchenvaters“ im vierten Jahrhundert handelt, sondern auch um den sakrosankten Vulgata-Text, der auf dem späteren Trienter Konzil nochmals als Offenbarungstext fixiert wurde.

Ich vermute, Martin Luther kannte die Übersetzungsvariante bei seiner Arbeit auf der Wartburg, aber sie entsprach weder seiner offenbarungstheologischen Auffassung, noch seiner Frömmigkeitspraxis; er konnte logos nicht mit sermo/Gespräch übersetzen.

Luther war kein Humanist und Erasmus wurde post mortem kirchlicherseits verdammt: seine Schriften wurden auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt. Aber im Zeitalter der Aufklärung unter den Bedingungen des anthropologischen Weltbildes muss und kann über die Übersetzung des Erasmus von Rotterdam nachgedacht und ihr Sinn erkannt werden: „im Anfang war das Gespräch, der Dialog, der Logos.“

Ein fatales Missverständnis: Die Differenz zwischen messianischem Bekenntnis und kirchlicher Institution

In einem Gastkommentar der NZZ (13. August 2022) behauptet der ehemalige Generalvikar des Bistums Chur, Martin Grichting, dass der „Synodale Weg“ der römisch-katholischen Kirche in Deutschland ein „Irrweg“ sei, der zu einer (weiteren) Kirchenspaltung führe, so dass sich schon jetzt zwei Bekenntnisse gegenüberstehen. Dabei greift er auf die Erfahrungen der Schweizer Landeskirchen zurück.

Dabei ist für mich klar: Die Praxis wie Legitimation der römisch-katholischen Kirche – als aktuelle Situation einer lang andauernden Ideologie- und Kriminalgeschichte – verlangen unwiderruflich eine rechtliche wie institutionelle Erneuerung. Diese notwendige Reform – übrigens ein Postulat der „ecclesia semper reformanda“ – führt nicht (weder praktisch noch zwingend) zu einem „abgeschwächten“ oder „liberalisierten Bekenntnis“. Sondern im umgekehrten Sinn gilt: das sachgemäße messianische Bekenntnis und seine konsequente und uneingeschränkte Übersetzung (in Theorie und Praxis) erzwingen die Reform der Institution Kirche.

Vordemokratische Macht- und Entscheidungsstrukturen sowie überholte Formen des „Staatskirchentums“ sowie überholte Formen bürokratischer Prachtgestaltung (mit dogmatischen Engführungen des 19. Jahrhunderts) sind ersatzlos abzuschaffen. Dabei sind bezüglich der römisch-katholischen Kirche als weltweiter Organisation die (ebenfalls) weltweit unterschiedlichen Gesellschaftsstrukturen und staatlichen Machtverhältnisse zu beachten, um die Unabhängigkeit wie Wirksamkeit der Kirche – im Interesse der Menschen – herzustellen bzw. zu sichern. So bedürfen der erst historisch spät durchgesetzte Pflichtzölibat und die überholten (der Gegenreformation geschuldeten) Beichtpraktiken, um nur zwei Beispiele zu nennen, dringend der Reform, weil sie die frühchristlichen Bekenntnisse des Christentums verunklaren und das messianische Bekenntnis aller Christen in den Hintergrund drängen, ja verdecken.

Eine entscheidende Aufgabe aller christlichen Kirchen, die sich nicht in Sekten verwandelt haben, bleibt es, das frühchristliche Bekenntnis bis hin zu den verbindlichen „Glaubensbekenntnissen“ („Credo“) in Theorie und Praxis so zu übersetzen, dass das Christentum in der heutigen Welt glaubwürdig bleibt.

Wird der Mangel an Glaubwürdigkeit erkannt, ist die Reform der Institution „Kirche“ überfällig. Dies gilt insbesondere – in der katholischen Kirche in Deutschland – für unaufgearbeitete Missbräuche gegenüber den getauften Mitgliedern, angesichts verordneter Unmündigkeit und politischer Abhängigkeit durch weitergeltende Praktiken des überholten „Staatskirchentums“.

Das messianische Credo der ersten Christen und ihrer Gemeinschaften kann nur unverfälscht erhalten bleiben – ich wiederhole, wenn es in Theorie und Praxis glaubwürdig übersetzt wird, ohne verfälscht oder relativiert zu werden. Das bedeutet auch, es von dogmatischen Engführungen der letzten Jahrhunderte zu befreien, um den Ursprung der Messias-Botschaft zu erhalten und um zu „verstehen“, was „Erlösung“ im 21. Jahrhundert bedeuten kann und muss.

Wer die derzeitige Herrschaftsstruktur der römisch-katholischen Kirche in Frage stellt und im Interesse der Glaubwürdigkeit dieser Institution verändern will und muss, der relativiert nicht die Überzeugung, dass Jesus aus Nazaret der Messias ist, der die Welt erlöst, sondern befreit dieses 2000 Jahre alte Bekenntnis von falschen, missverstandenen Vorstellungen.

Die Übersetzungstreue gegenüber dem jüdischen Messianismus und der kenosis-Überzeugung kann – meiner Überlegung nach – so weit gehen, dass der (methodische) Atheismus als eine Grundlage für das Lösen von Problemen in der heutigen Zeit akzeptiert werden kann. Daher kann der heute lebende homo sapiens Christ sein; im Sinne der konkreten Utopie der Erlösung der Welt.

Die von mir geforderte Übersetzungstreue der messianischen Botschaft, wie sie z.B. in den synoptischen Evangelien durch die spezielle „basileia tou theou“-Verkündung erklärt wird oder von Paulus aus Kleinasien in seiner kenosis-Theologie entwickelt wird oder in den Bekenntnissen der frühen Konzilien („Credo“) formuliert wird, muss einerseits das Abgleiten in Formen des Aberglaubens verhindern, andererseits das Weltverständnis der Aufklärung (von Kant bis Freud) beachten.

Ein gutes Beispiel für die Abwehr von Missverständnissen bezüglich der Kreuzes- und Opfer-Theologie ist meine Argumentation zum Verständnis des Kreuzes in meinem Buch: „Nachdenken aus der Peripherie des Anthropozän. Anhang“, Münster 2023. Die messianische Botschaft kann auch im anthropozentrischen Weltbild sachgemäß gedeutet und erzählt werden.

Gegen das Schwarzsehen und gegen die Verfasser von Untergangsszenarien

Wenn ich Zeitungsartikel in der NZZ und anderswo lese, Essays über die Ablösung der Utopie durch „Strategien der Schadensbegrenzung“, ist die Hoffnung auf ein besseres Leben in Ängstlichkeit umgeschlagen. Es entsteht ein gesellschaftlicher Zustand, der nur noch Schadensbegrenzung zulässt, von der die Feuilletonschreiber nicht wissen, ob diese Strategie das Überleben der Menschheit sichert.

Ich plädiere demgegenüber für eine realistische Erkenntnis der gesellschaftlichen Möglichkeiten der Zukunft. Ich unterscheide in meiner Analyse der Gesellschaft zwischen Naturgeschichte und Menschengeschichte. Diese Unterscheidung verlangt, wenn verantwortlich gedacht und gehandelt wird, eine doppelte Form des Naturschutzes; nämlich die Menschen vor den Gefahren der Natur zu schützen und die Natur vor der Zerstörung und Vernichtungswut verantwortungsloser Menschen zu bewahren.

Diese zweifache Verantwortung des homo praestans ist realistisch, notwendig und ergänzt einander. Der verstärkte Deichbau in den Niederlanden der letzten Jahrzehnte, um das Risiko der Landnahme – 80% unter dem Meeresspiegel – zu rechtfertigen und zu minimieren, ist ein sinnvolles Beispiel für Naturschutz und eine verantwortliche Risikominimierung. Nur so wird der Mensch als „sterblicher Schöpfer“ (H. Arendt) seiner Verantwortung gerecht.

Das Projekt der Aufklärung muss zu Ende gedacht und ihre Abbrüche und Verwerfungen müssen überwunden werden, damit der Prozess der Aufklärung weltweit, nachhaltig, risikominimiert und menschenwürdig weitergeführt werden kann.

Unter der Perspektive einer konsequent durchdachten Aufklärung kann der Mensch am Ende des Anthropozän nicht nur „in Würde“ leben, sondern auch Erlösung als existenzielle Zusage erfahren und als Utopie denken.

Diese Perspektive menschenwürdigen und menschenfreundlichen Zusammenlebens gilt sowohl für mündige Christen wie aufgeklärte Atheisten. Ihre Umsetzung als (neuer) kategorische Imperativ ist die Basis für das Konzept einer Anthropologie der Aufklärung.

Geplante Buchveröffentlichung:

Jürgen Schmitter: Nachdenken aus der Peripherie im Anthropozän. Überlegungen zur Anthropologie der Aufklärung, Münster 2022

Missverständnisse bezüglich des utopischen Denkens

Das utopische Denken ist keine Strategie zur Durchsetzung der Demokratisierung der Gesellschaft oder der allgemeinen Anerkennung und Durchsetzung der Menschenwürde. Nur auf der Basis eines aufgeklärten Realismus können Friedensordnungen durchgesetzt werden und Gesellschaften bestehen, die die Menschenrechte achten und die Risiken der Zerstörung und Vernichtung minimieren: vom Gesundheitsschutz über den Naturschutz bis zum Menschenschutz. Risikominimierung in diesem Sinn ist eine ständige Verpflichtung unter dem (kategorischen) Imperativ, die Menschenwürde zu achten.

Paradiesvorstellungen sind demgegenüber eine gefährliche Illusion. Ich nenne zwei Beispiele: ein verrücktes und ein zeitgemäßes. Meine Zielvorstellung für ein menschenwürdiges Leben sind weder die (scheinbare) Selbstverständlichkeit goldener Wasserhähne – wie in der Utopia-Vorstellung des Thomas Morus, die dort eine zivilisationskritische Funktion hat –, noch eine phantasierte Erde ohne Eingriff der Naturgewalt.

Dies klingt verrückt und meine Aussage bedarf der Klärung, um nicht missverstanden zu werden: Ich wünsche mir kein Paradies auf Erden und kein Ende der „natürlichen“ Evolution. Das erstere wollen Menschen nicht, wenn sie „aufgeklärt“ sind (im Sinne des homo praestans); das weitere können sie nicht, wenn sie aufgeklärte Realisten sind. Die mögliche Selbstzerstörung der Erde ist der Grenzfall, der die Evolutionsgesetze des Kosmos unberührt lässt.

Zunächst kläre ich, warum ich irrige Zielvorstellungen ablehne:

(1) Die Geschichte der goldenen Wasserhähne ist in der Utopia des Thomas Morus nachzulesen, geschrieben in England im Jahr 1517.

In diesem erfundenen Inselstaat bestehen die Instrumente der Wasserversorgung aus Gold, weil dieses Metall für die Inselbewohner seinen spezifischen Wert verlieren soll.

Der Hintergrund dieser Episode wird deutlich: die Faszination des Goldes/des Geldes wird hinterfragt; in diesem fiktiven Paradies ist es wertlos. Die utopische Vorstellung ist eine Kritik an den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen.

Ich hoffe, es ist einsichtig, dass ich in einem solchen paradiesischen Utopie-Staat nicht leben will. Denn zu einem menschenwürdigen Leben gehört es, ausreichend sauberes Wasser für alle Menschen zu haben. Der Gebrauchswert des Wassers und seine Zufuhr sind entscheidend und nicht der Tauschwert der Ware „Wasser aus goldenen Hähnen“.

(2) In der notwendigen Diskussion um ausreichenden und wirksamen Naturschutz wird oft suggeriert, der Mensch könne die Gewalt und Entwicklung der Naturkräfte in seinem „Wohnraum“, der Erde, abschaffen. Das ist „natürlich“ eine Illusion.

Der Mensch kann sich wirksam vor den Naturkräften auf der Erde schützen und die Natur vor der Zerstörung bzw. vor dem Missbrauch bewahren – mit der möglichen Konsequenz der Selbstzerstörung (z.B. durch selbstverschuldete Erderwärmung).

Das menschliche Bewusstsein kann sehr wohl zwischen durch Menschen erzeugte Katastrophen und kosmischen Veränderungen, die der natürlichen Evolution und ihren Gesetzen entsprechen, unterscheiden und sachgemäß reagieren.

Naturschutz ist aus menschlicher Sicht immer auch Überlebensschutz. Hannah Arendts Aussage, dass der Mensch ein „sterblicher Schöpfer“ sei, bezieht sich meiner Überzeugung nach nicht nur auf die Sterblichkeit der Individuen, sondern auch auf seine Stellung im Universum.

Was bedeutet diese Erkenntnis für das utopische Denken?

Das utopische Denken – als Bewusstseinserweiterung – beendet nicht – im chronologischen Sinne – die Entwicklung des Universums, deren Gesetzmäßigkeiten im Detail noch erforscht werden (z.B. durch die Theorie der „schwarzen Löcher“), und beendet auch nicht die Entwicklung des Lebens auf den Planeten (auch wenn der „homo sapiens“ eine Endform des Lebens auf der Erde darstellen sollte).

Das utopische Denken – so meine begründete Überzeugung – ermöglicht dem menschlichen Bewusstsein – im kairologischen Sinn – Erlösung zu denken und Befreiung – im Sinne der Menschenwürde für alle Menschen durchzusetzen.

Im religiösen Sprachspiel des messianischen Denkens bedeutet diese Möglichkeit – unter den Bedingungen des aufgeklärten Realismus – für menschliches Bewusstsein am Ende des Anthropozän, Erlösung in Form einer konkreten Utopie zu denken und diese existenzielle Erfahrung – kairologisch, nicht chronologisch in Befreiung und Empathie umzusetzen – und davon – im Sprachspiel der Oxymora – zu erzählen.

Von der Notwendigkeit doppelten Naturschutzes und der Kritik an missverständlichen Katastrophenszenarien

Konsequenzen aus dem Gastkommentar in der nzz.ch vom 1. Januar 2022: Apocalypse now? Die Menschheit ist gross, doch das Klima grösser.

These: Der Naturschutz hat eine doppelte Aufgabe: Die Natur, unsere Umwelt, vor ihrer Ausbeutung und Zerstörung zu schützen; aber auch: die Menschheit vor den Naturgewalten zu schützen.

Diese doppelte Aufgabe verlangt eine differenzierte Balance im menschlichen Verhalten; das Bewusstsein der Menschen im Anthropozän ist notwendigerweise das eines, „sterblichen Schöpfertums“; denn „um die Welt gegen die Sterblichkeit ihrer Schöpfer und Bewohner im Sein zu halten, muss sie dauernd neu eingerenkt werden“. (Hannah Arendt, 1958)

Die heutigen Katastrophenszenarien lassen eine klare Unterscheidung zwischen „Naturgeschichte“ und „Menschengeschichte“ vermissen, bzw. lamentieren mit unsachgemäßen Katastrophenszenarien. Diese Verwirrung beruht auch auf der Verwechslung von kosmischer Naturentwicklung, Evolution auf dem Planeten Erde und den Möglichkeiten bzw. Verfehlungen menschlicher Geschichte. Ich spreche in diesem Zusammenhang von den widersprüchlichen Potenzen der Problemlösung des menschlichen Bewusstseins.

Wir Menschen am Ende des Anthropozäns beherrschen nicht die sog. „Naturgeschichte“, auch wenn uns unser Bewusstsein ermöglicht, sowohl die kosmischen Abläufe der Eiszeiten auf der Erde sowie die Evolution des Lebens auf der Erde zunehmend zu erkennen. Als Naturwesen sind die Menschen in diese Naturprozesse einbezogen, ohne sie entscheidend beeinflussen zu können. Auch wird mit Recht gesagt, dass die „heutige Krisenrhetorik verkennt, dass das Menschsein seit je krisenhaft ist“.

Wir Menschen als Naturwesen sind daher in doppelter Weise sterblich: sowohl unsere individuelle Lebenszeit ist begrenzt; wie alles Leben auf der Erde, wenn auch in unterschiedlichen Zeitdimensionen (man vergl. die mögliche Lebensdauer eines Bakteriums mit der eines Säugetieres). Aber auch die Lebensbedingungen des homo sapiens – als Gattung – sind zeitlich begrenzt, da an die „Naturzustände“ des Planeten Erde in unserem Sonnensystem unwiderruflich gebunden. Eine Flucht des Menschen vom Planeten Erde als Überlebensstrategie der Gattung Mensch ist zwar phantasierbar (und ansatzweise individuell konstruierbar), aber unter den bestehenden Problemlösungsmöglichkeiten nicht realistisch.

Realistisch – im Sinne des Aufgeklärten Realismus – ist sowohl die menschlich verursachte Selbstzerstörung der bewohnbaren Erde (durch bewusste Freisetzung von welterschütternden Kräften wie der Atomenergie), aber auch die „schleichende“ bewusst zu machende Verschlechterung der Lebensbedingungen (wie z.B. durch Luftverschmutzung, Erderwärmung, unkontrolliertes Bevölkerungswachstum – ohne ausreichende Verbesserung der Lebensbedingungen; aber auch durch – durch nichts zu rechtfertigende – Kriege und Hungersituationen; also durch Ausbeutung und Verelendung.

Diese (sicher unzureichende) Zustandsbeschreibung der menschlichen Geschichte – ihrem Mangel und ihren Möglichkeiten an menschengerechten Problemlösungen – verlangt darüber hinaus für eine humane Überlebensstrategie die Organisation und Sicherung einer menschenwürdigen Gesellschaftsstruktur – und einen doppelten Naturschutz: einen nachhaltigen Schutz vor erkennbaren Naturgewalten (wie z.B. den Dammbau in den Niederlanden) und den Schutz der Natur vor menschlicher Zerstörung (z.B. der Ökosysteme) durch Waldvernichtung oder durch kurzfristige „Verbesserung“ der menschlichen Lebensgrundlagen, deren Nachteile langfristig überwiegen.

Menschen sind als bewusste Lebewesen in der Lage, die Probleme im Sinne des doppelten Naturschutzes und auf der Basis, die Menschenwürde universal durchzusetzen, zu lösen, auch wenn alle Problemlösung vorläufig bleibt und immer neuer Anstrengung bedarf. In dieser Perspektive sind die Menschen für ihre Zukunft am Ende des Anthropozäns verantwortlich. Daher spreche ich (in Form eines kategorischen Imperativs) davon, dass der homo sapiens nur überleben kann, wenn er ein homo praestans wird, ein Mensch, der für andere und sich einsteht.

Ein General soll’s richten – das gefährdet die demokratische Entwicklung unserer Zivilgesellschaft

Aus den Medien erfuhr ich, dass auch die Parteien der zukünftigen Ampelkoalition beabsichtigen, einen General der Bundeswehr zu beauftragen, die logistischen Probleme während der Pandemie zu lösen.

Wie unfähig und vordemokratisch müssen die Institutionen unserer Zivilverwaltung sein, dass die Parteien der bisherigen wie zukünftigen Regierungskoalition auf einen militärischen Befehlshaber der Bundeswehr zurückgreifen müssen, um die logistischen Probleme während der Pandemie in den Griff zu bekommen?

Ich befürchte die Militarisierung der Demokratie: ein General, in militärischer Strategie und Taktik ausgebildet, soll es richten und die Defizite von Legislative und Verwaltung in der Bekämpfung von Notsituationen kompensieren. Wo sind die Menschen in unserer Zivilgesellschaft, die etwas von der Steuerung unserer Gesellschaft im Interesse der Gesundheit und Lebenserhaltung verstehen?

Die unübersehbaren Defizite in Regierung und Verwaltung, Probleme unverzüglich zu erkennen und effizient zu lösen; diesen lebensgefährlichen Mangel löst nicht das Militär, sondern ein wirksam arbeitendes und demokratisch kontrolliertes government.

Ich bestreite nicht, dass es in dieser Weise ausgebildete Generäle gibt, die über logistische Erfahrungen verfügen, aber mich irritiert der (hintergründige) Systemgedanke, dass (nur) eine militärische Kommandostruktur Notstände in unserer Gesellschaft aufheben kann und muss. Dieser Hintergrund ist nicht nur makaber, sondern für die Entwicklung der Demokratie (als eines konsequenten Aufklärungsprojektes) tödlich.

Durch die Wahl eines Bundeswehrgenerals – unabhängig von seinen individuellen Problemlösungsfähigkeiten – wird m.E. die Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger missachtet (es geht nicht um Befehl und Gehorsam) und die demokratische Struktur ihrer Selbstverwaltung (auch in Notsituationen) in Frage gestellt.

Nicht nur das Gesundheitswesen und der Lebensschutz (z.B. im Straßenverkehr), sondern auch die Mängelverwaltung der öffentlichen Schulen ist ein gutes Beispiel für die Defizite an demokratischer Digitalisierung (Vernetzung) und pädagogischer Steuerung im Interesse der Ausbildung und Mündigkeit von Kindern und Jugendlichen (Chancengleichheit). Auch die weltweite Entdemokratisierung der menschlichen Gesellschaften erhält durch die „militärische Lösung“ eine fragwürdige Legitimation. Es kann sich zeigen, dass die notwendige „Digitalisierung“ – im Sinne einer effektiven Steuerung und Beschleunigung gesellschaftlicher Prozesse – in eine vordemokratische Herrschaftsstruktur umgemünzt wird.

Dass die militärisch organisierte Bundeswehr (organisiert für den Verteidigungsfall und instrumentalisiert für weltweite Kriegseinsätze) im innerstaatlichen wie internationalen Notfall hilft, ist m.E. notwendig und sinnvoll (von ihren personellen und technischen Möglichkeiten her). Aber dass der „militärisch-industrielle Komplex“ als Problemlösungsstrategie erscheint und benutzt wird, ist für die Entwicklung einer demokratischen Zivilgesellschaft gefährlich.

Zivilgesellschaften erscheinen als hilflos und überholt. Daher kommt es darauf an, die demokratischen und im Interesse der Menschen wirksamen Strukturen zu verbessern und der Demokratisierung (im Sinne von Mitbestimmung und Gemeinwohl) eine Zukunftschance zu geben.