Aufklärende Erinnerung an den messianischen Ursprung des Christentums: Erlösung denken

Diese Überschrift enthält eine sprachliche Verdoppelung: dem hebräischen messias entspricht das griechische Wort: christos. Das messianische Denken und die Erwartung des Messias entstammen der Prophetentradition der jüdischen Bibel, gemeinsame Quelle des heutigen Judentums und Christentums.

Schon über zweihundert Jahre vor der (sog.) Zeitenwende gab es – verstreut im Römischen Reich – jüdische Gemeinden, die auf den Tempel (mit der Bundeslade) in Jerusalem orientiert waren und die Bibel auf Griechisch – der damaligen Weltsprache – hören und lesen konnten (die sog. LXX). Schon damals – wie heute nach der Schoah – lebten mehr Juden in der Diaspora als in der römischen Provinz Palästina, bzw. im heutigen Staat Israel.

Zur Zeit der Zeitenwende, also vor über 2000 Jahren bildeten sich jüdische Täufergemeinden, die Jesus aus Nazaret als Messias bezeugten und im Sinne der Verheißung der Propheten damit den „klassischen“ Monotheismus des „Exodus“-Gottes des Volkes Israel aufhoben. Auch diese Überzeugung der „frühen Christen“ hatte eine Vorgeschichte: Nicht nur die erwartete „Gottesherrschaft“ (das „Königtum“ Gottes), sondern die weltweite Ausdehnung der menschlichen Verantwortung für die gesamte Schöpfung, symbolisiert durch den Regenbogen für den „ewigen Bund“ zwischen Gott und Noah – nach dem Ende der Sintflut.

Was bedeutet dieser Rückzug Gottes aus dem Weltgeschehen? Schon unter den Bedingungen des theozentrischen Weltbildes gilt die uneingeschränkte Autonomie des Menschen; seine globale Verantwortung und Verpflichtung, wie sie in den 7 Noachidischen Gesetzen der Talmud zum Ausdruck bringt.

Die jüdischen Gemeinden kennen keine Mission, denn der tribalistische Monotheismus ist aufgehoben; das messianische Denken ist (dank Noah) universal. Ich übersetze diese messianische Botschaft unter den Bedingungen der Aufklärung mit den Begriffen der Autonomie, der Befreiung, der Gleichheit – formuliert als Würde aller Menschen – und der Empathie zueinander.

Diese verpflichtende Aufgabe der Problemlösung steht unter der Dynamik des Vorläufigen und in der Utopie der Erlösung. Die Messias-Frage führt in den ersten Jahrhunderten zur Trennung und Spaltung der jüdischen Täufergemeinden im Römischen Reich. Die Spaltung verstärkt sich nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels (im Jahr 70 n. Chr.) und wird endgültig, nachdem Kaiser Konstantin die frühchristlichen Gemeinden, die Jesus aus Nazaret als Messias bezeugen, als Kirche staatlich anerkannt und angepaßt hat.

Die frühchristlichen Täufergemeinden im Römischen Reich – im 1. und 2. Jahrhundert verstehen und interpretieren die Messias/Christus-Botschaft noch vielfältig und unterschiedlich (und in Konkurrenz). Erst zu Ende des zweiten Jahrhunderts entwickeln sich drei Interpretationen zu einer gemeinsamen Lehre von „Jesus Christus“, bis hin zu den „dogmatischen“ Lehren bzw. Bekenntnis des Konzils von Nizäa (325). Bei dieser Entwicklung ist zu bedenken, dass die Kaiser die „Antreiber“ zu einer einheitlichen Lehre sind und viele Bischöfe bereits Staatsbeamte.

Zuvor hat es eine verbindliche Auswahl der Interpretationen/Zeugnisse gegeben, was es bedeutet, dass Jesus aus Nazaret der Messias/Christus ist: wie ist die „Menschwerdung Gottes“ – sprachlich ein Oxymoron – zu verstehen und zu bezeugen?

Die ausgewählten Spruchsammlungen, Berichte, Sendschreiben und Briefe werden verbindlich (Kanonsammlung) zusammengefügt und bilden das „Neue Testament“ und es entsteht – zusammen mit der hebräischen Bibel, dem Alten Testament, die christliche Bibel. Entscheidend ist, dass die Aussagen des NT auf die hebräische Bibel zurückgreifen und deren Aussagen interpretieren.

Leben und Tod des Jesus aus Nazareth als Messias werden – zusammengefasst – dreifach interpretiert:

° als Anbruch der Gottesherrschaft auf der Erde (das „Königtum Gottes“) in spezieller, unerwarteter Weise; zunächst chronologisch missverstanden (die sog. Naherwartung); zusammengefasst: die Theologie der Synoptiker.

° die Theologie des Johannes: dass Gott die (absolute) Liebe (agape) ist, die die menschliche Furcht austreibt; und von Beginn der Welt an Gott als Dialog, als Gespräch (logos) verstanden werden kann – und am Ende die Erlösung.

°Die Theologie des Paulus aus Tarsus, griechisch sprechender Schriftgelehrter, kein Augenzeuge des historischen Jesus, rückgreifend auf einen kenosis-Hymnus, der die „Entblößung“ und „Erhöhung“ des Messias Jesus bezeugt.

Erst zu Anfang des vierten Jahrhunderts – nach langen Streitereien – werden diese „Theologien“ oder Überzeugungen im „Nizänischen Credo“ zusammengefasst.

Dabei ist zu beachten, was in den 300 Jahren zuvor geschah:

° der Tempel in Jerusalem wurde im Jahr 70 n.Chr. durch Römische Truppen zerstört;

° Weitere Entwicklung jüdischer Gemeinden im Römischen Reich, die den messianischen Anspruch des Jesus aus Nazaret bestreiten und sich von den christlichen Täufergemeinden idelogisch abgrenzen (synagoge-ecclesia);

° nach Duldung und Verfolgung der christlichen Kirche Anerkennung des Christentums als „Staatskirche“ durch Kaiser Konstantin; Bischöfe werden Staatsbeamte;

° konsequente Bekämpfung von häretischen Lehren und verbindliche Formulierung über die „Natur“ Jesu Christi und die „Trinität“ Gottes (Konzil Nizäa 325).

Es bleibt die Frage, ob und wie die Messias-Botschaft der „Menschwerdung Gottes“ mit dem heutigen Weltbild eines einheitlichen Universums und dem Programm der Aufklärung zusammen gedacht werden kann; oder anders gefragt: Kann, und wenn ja, wie die Bedeutung

der Messias-Botschaft in die (existenzielle) Erfahrung aufgeklärter Menschen übersetzt werden?

Die Übersetzung ist möglich und notwendig, da auch nach kirchlich-theologischer Meinung die christliche Bibel keine Wortoffenbarung ist, sondern der Auslegung bedarf. Schon die Predigt des historischen Jesus besteht zum größten Teil aus Interpretationen der hebräischen Bibel (vgl. das Gebot der Nächstenliebe).

Ich beziehe mich bei meinem Versuch der Zusammenschau von Aufklärung und Messianismus auf das Spätwerk des jüdischen Philosophen Hermann Cohen, gestorben 1918, Hochschullehrer in Marburg, sog. „Neukantianer“, der in seiner Religionsphilosophie das messianische Denken der Propheten der Bibel bearbeitet. In seinem Sinne ist auch mein Denkversuch der Übersetzung des trinitarischen Monotheismus:

° die Probleme dieser Welt können und müssen ohne die sog. „Gotteshypothese“ gelöst werden. Diese Einsicht ergibt sich schon aus der Noah-Erzählung und dem ewigen Bundesschluss. Dietrich Bonhoeffer formuliert sie in seinen Gefängnisbriefen. Ich nenne diese Einsicht den „methodischen Atheismus“ – im Gegensatz zu einer atheistischen Weltanschauung.

° Unser heutiges Weltbild kennt nur ein Universum, aber das menschliche Bewusstsein unterscheidet zwischen Erkenntnissen, die chronologisch (in Raum und Zeit) begriffen werden, und existenziellen Erfahrungen, die sich sprachlich in Oxymora ausdrücken lassen. Kierkegaard hat den Unterschied von Erfahrung und Erkenntnis herausgearbeitet. Sprachliche Ausdrücke wie „das beredte Schweigen“, aber auch messianische Sprachspiele wie die „Menschwerdung Gottes“ oder das „Ewige Leben“ oder das „Jüngste Gericht“.

° Die Struktur menschlichen Denken und Handelns ist der lebenslange Lernprozess mit dem Ziel (formal), Erkenntnis und Erfahrung zu gewinnen, um urteilen zu können, und (inhaltlich), Probleme zu lösen.

° Problemlösungen, individuell oder gesellschaftlich, sind vorläufig, d.b. sie müssen überprüfbar und kontrollierbar sein, um verantwortlich bzw. erfolgreich sein zu können; ich spreche daher von der „Dynamik des Vorläufigen“.

° Der innere Antrieb für dieses Ziel ist die Hoffnung auf Erlösung. Sie ist nur als Utopie erfahrbar und beschreibbar; ich spreche von der „Utopie der Erlösung“. Sie ist (einzig) erfahrbar als Aufhebung des Vorläufigen, des Endlichen, der Sterblichkeit der Natur. Als Erfahrung jenseits von Raum und Zeit ist Erlösung als Utopie denkbar.

° Diese Struktur, wie sie sich konkret in der messianischen Zusage der Propheten der hebräischen Bibel zeigt (die Erlösung der Welt), ist als Utopie beschreibbar und mitteilbar (Zeugnis).

° Diese Struktur bedeutet auch, Erlösung kann nicht durch menschliche Arbeit oder Leistung hergestellt oder erzwungen werden; sie ist nur als „Gabe“ (Geschenk) denkbar.

° „Selbsterlösung“ ist zwar als Wort formulierbar, aber im strengen Sinn nicht denkbar, da sinn-los.

Damit ist für mich (im Bereich der Religionsphilosophie) die Grenze meines Denkversuches erreicht. Ob die Theologie des Christentums verständliche und verstehbare Aussagen zur konkreten Utopie der Erlösung vornehmen kann, lasse ich unbeantwortet. Abwehren muss ich alle theologischen Versuche, die Möglichkeiten des menschlichen Bewusstseins – über das utopische Denken hinaus – zu erweitern. Das ist nicht nur sinn-los, sondern für die menschliche Urteilskraft gefährlich.

Es besteht daher – theologisch gesehen – die Gefahr, die durch das Denken der Aufklärung und ihre Religionskritik seit langem analysiert wurde, dass

messianisches Denken in Aberglaube, Zauberei und Massenbetrug umschlagen (Beispiele: Eucharistie(Danksagung) in Kannibalismus, Umkehr(metanoia) in Zauberei).

Mit diesem Denkversuch versuche ich zu zeigen, dass Erlösung gedacht werden kann, als menschliche Erfahrung in der Form der Utopie.

Dr. Jürgen Schmitter M.A.(Philosophie)

Literaturhinweis:

Jürgen Schmitter: Aufklärung unter dem Regenbogen, Münster in Westf. , 2026 (agenda Verlag, 19,90 EUR); erscheint im Frühjahr 2026

Was bedeutet es, das Programm und den Prozess der Aufklärung zuende zu denken?

Die Resultate des historischen Prozesses der Europäischen Aufklärung sind für den heutigen homo sapiens – im Zeitalter des Anthropozän – einsehbar und bilden die verbindlichen und unumgehbaren Voraussetzungen für einen aufgeklärten, mündigen Menschen, dessen Weltanschauung anthropozentrisch und universal geprägt ist und dessen Denk- und Arbeitsmethoden durch den Aufgeklärten Realismus gekennzeichnet sind.

Anthropozentrisch“ heißt: die Menschen sind für ihr Denken und Handeln allein verantwortlich (homo praestans).

Universal“ heißt: die Verantwortung umfasst alle Menschen in ihren Gesellschaften und im gemeinsamen Wohnort: Erde.

Zusammengefasst sind diese Resultate der Aufklärung:

  • die Kritik jeder Religion und religiösen Sprachspiele: Religion als Projektion. Das meint nicht die generelle Bedeutungslosigkeit; daher bedürfen religiöse Sprachspiele der Übersetzung, sonst bleibt bestenfalls die narkotisierende Wirkung (Opium-These).

  • Die konsequente Kritik jeder Metaphysik, sowohl als philosophische Problemstellung, wie auch als praktische Weltanschauung; die Konsequenzen sind nicht jede Spielart von Materialismus, sondern ein Aufgeklärter Realismus – als Metatheorie (des Bewusstseins und der Wissenschaften) und die Utopie des messianischen Denkens der Erlösung.
  • Die Entmythologisierung der Vorstellung vom Paradies im Himmel und auf der Erde und aller Phantasien von Himmel und Hölle; Schauplatz des Denken und Handelns ist der Planet Erde.

  • Die Entwicklung des menschlichen Selbstbewusstseins und der Autonomie; der Grundrechte für alle Menschen (Proklamation der Menschenrechte).

Auch die heutigen Weltvorstellungen und Welterklärungen sind nicht ideologiefrei; bestehende Interpretationen wirken weiter und neue (scheinbar angepasste) Ideologien haben sich gebildet, die interessengebunden das Bewusstsein und die Geschichte der Menschheit klären sollen, auch wenn sie manipulativ wirken oder Privatinteressen durchsetzen wollen.

Ich fasse diese Ideologiebildungen zusammen:

  • Alle Spielarten des Materialismus als Weltanschauung,

  • Alle Spielarten des Naturalismus, abgeleitet aus der Evolutionstheorie (Darwin),

  • Alle Spielarten des Konstruktivismus; der unbedingten Vorläufigkeit aller Entwicklung und Geschichte (alles sei relativ),

  • Weiterhin alle religionsabhängigen Weltanschauungen (vom theozentrischen Weltbild bis zum Pantheismus).

  • Mystifizierende Weltanschauungen bis hin zum Aberglauben.

  • Spezielle interessengebundene Weltanschauungen, die sich aus den jeweiligen Macht- und Herrschaftsstrukturen ergeben;

  • insbesondere aus der Wirtschaftsstruktur: die Entwicklung zur weltweiten Waren-Gesellschaft produziert eine eigene, überlagernde Ideologie der Kapitalverwertung.

Daher sind Ideologiekritik, insbesondere die Kritik der Politischen Ökonomie und die Kritik der Gesellschaftsstruktur wie des Wissenschaftsbetriebs notwendig, um über die realen Lebensverhältnisse in Familie, Gesellschaft und Wissenschaft aufzuklären.

Diese aufklärende Kritik wird durch die Leistungen des menschlichen Bewusstseins ermöglicht, individuell wie vergesellschaftet, optimiert durch „Auslagerungen“ einzelner Bewusstseinsleistungen (KI im weiten Sinn); siehe die Aussage von Hannah Arendt (1959): der Mensch ist ein sterblicher Schöpfer.

Für Programm und Prozess der Aufklärung am Ende des Anthropozän bedeutet dies:

  • Methodischer Atheismus (Verzicht auf die Gotteshypothese) ist sinnvoll,

  • Die Evolution der Natur – inklusive der Entstehung des homo sapiens – erklärt nicht die Geschichte der Menschheit. Die Geschichte des homo sapiens ist eine Bewusstseinsgeschichte, trotz des Einflusses des „Unbewussten“.

  • Ziel dieser Bewusstseinsgeschichte (im Sinne der Aufklärung) ist – zusammenfassend – die Aufgabe, Probleme zu lösen.

  • Problemlösen ist einerseits auf Erfolg aus, andererseits immer auch vorläufig. Diese Doppeldeutigkeit von antizipativ und provisorisch macht seine Dynamik aus und kennzeichnet die Menschheitsgeschichte im Anthropozän.

  • Diese Dynamik zeigt, realisiert und bewährt sich in den Lernstrategien sowohl des Individuums wie der Gesellschaft: von der Problemfindung und -stellung bis zur Erfolgskontrolle und möglicher/notwendiger Korrektur.

  • Der Prozess der Problemlösung (als allgemeine Beschreibung menschlichen Denkens und Handelns) ist nicht ziellos, sondern orientiert sich an der (konkreten) Utopie der Erlösung.

  • Der Messianismus der Propheten der hebräischen Bibel ist eine konkrete Form dieser Utopie.

Literaturhinweis:

Jürgen Schmitter: Aufgeklärter Realismus, Münster/Westf. 2020

Planung:

Jürgen Schmitter; Aufklärung unter dem Regenbogen. Eigensinniges Wörterbuch der philosophischen Aufklärung. Vom Problemlösen zur Erlösung, Münster/Westf. 2025/26

Die insgeheime Bedeutung der Eustachi-Röhre

Im lexikalischen Nachlesen des Begriffs „Eustachische Röhre“, also im Rückgriff auf das heutige ausgelagerte anatomische Wissen durch gewohnheitsmäßiges Googeln erfahre ich, dass die Beschreibung der Ohrtrompete auf Bartolomeo Eustachi (1562) zurückgeht und beide Röhren in unserem Kopf dem Druckausgleich zwischen dem Nasen-Rachenraum, der auch die menschliche Stimmbildung bewirkt, und dem inneren Ohr dienen.

Aber ich unterstelle eine eigensinnige Wirkung dieser beiden Luftkanäle: sie transportieren meine je eigene innere Stimme, so dass ich sie – vor jeder Äußerung für andere – auf spezifische Weise verstehe. Diese Röhren – wenn sie gereinigt sind – schaffen meinem Bewusstsein eine eigenständige Wahrnehmung meiner – oft lauten und unverständlichen – Stimme.

Was bedeutet das für die zwischenmenschliche Kommunikation? Korrigieren muss ich die Aussage, dass mein Verstehen meiner Stimme zeitlich vor meiner Äußerung läge. Ich unterstelle in meiner fiktiven Konstruktion eine Parallelität innerer und äußerer Kommunikation

Es ist also zwischen innerer Stimme und sprachlicher Äußerung im selben kommunikativen Ereignis zu differenzieren; auch die innere Stimme entsteht durch Kommunikation mit mir selbst.

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser, Sie werden diese Überlegung für abstrus halten und einem aufgeklärten Gespräch für unangemessen; auch wenn ich zu bedenken gebe, dass mein Zeuge (im Nachdenken) Erasmus von Rotterdam den Anfang des Johannes-Evangeliums, den Prolog in einigen Varianten – vom griechischen Original ins Lateinische – wie folgt übersetzt hat: im Anfang war nicht das Wort (verbum), sondern das Gespräch (sermo). Diese logos-Übersetzung mag Gräzisten irritieren, Hieronnymus mit seinem Vulgata-Text ärgern, und dogmatische Theologen werden widersprechen.

Aber ich bleibe dabei, als jemand der im Projekt der philosophischen Aufklärung über den homo sapiens im Anthropozän nachdenkt: Im Anfang war die Kommunikation. Das gilt für den ungeborenen Menschen zu Beginn seines Lernprozesses; das gilt für die menschliche Gesellschaft seit dem Erfahrungsaustauch am Lagerfeuer; das gilt auch für das Nachdenken über die Erlösung als einer konkreten Utopie.

p.s.

Auch Primaten wie alle Säugetiere verfügen über Eustachische Röhten. Daraus auf Selbstbewusstsein aller Säugetiere zu schließen, wäre ein Missverständnis. Weiterhin führen die Mediziner das Phänomen, dass wir Menschen unsere eigene, „verlautbarende“ Stimme verfremdet wahrnehmen, wenn wir sie über einen Tonträger wahrnehmen, auf die Resonanz der Schädelknochen zurück. Das ist kein Beleg für eine innere Stimme im Sinne eines Selbstbewusstseins.

Wenn die innere Stimme nicht nur Resultat der erinnernden Wahrnehmung sein soll, dann ist sie Ausdruck des homo praestans, begründet in seiner Eigenverantwortung und Vernunft. Bei allem Zweifel: die innere Stimme äußert sich im Selbstbewusstsein, das durch Kommunikation in einem Lernprozess entsteht. Menschliche Kommunikation hat nicht nur ein Ziel: Problemlösung durch Verständigung, sondern auch einen Weg wie Umweg – durch die Röhren.

Ich bleibe bis auf Widerruf bei meiner Fiktion: die Eustachischen Röhren verweisen auf den Weg von Mündigkeit und Vernunft. Druckausgleich und Knochenresonanz schaffen noch kein Selbstbewusstsein, aber erinnern an die Verantwortung des aufgeklärten Menschen für die Welt und die menschliche Gesellschaft.

Vom Bewusstsein und der Überzeugung aufgeklärter Menschen am Ende des Anthropozän

Auf einem Kalenderblatt des Monats September fand ich den Spruch: „Gläubige brauchen keine Erklärung, Ungläubigen hilft keine Erklärung“. Diese Aussage, vom Kalender als „Sprichwort“ gekennzeichnet, ist doppelt unsinnig.

Ohne die Möglichkeit und Notwendigkeit zu erklären, werden aus Gläubigen Abergläubige, Wundergläubige oder Spinner; und aus Ungläubigen werden Ideologen, Weltanschauungsatheisten oder Kritiker aus Prinzip.

Wer überzeugt ist, zweifelt aus Einsicht, ohne zu verzweifeln. Überzeugend ist nur der, der seine Überzeugung erklären kann, auch wenn im Einzelfall seine Argumentation sprachlicher Oxymora bedarf.

Der alltägliche Gebrauch des deutschen Wortes „glauben“ ist mehrdeutig und mehr als missverständlich. Die Differenz von credere und putare im Lateinischen geht verloren oder der Gebrauch wird missbraucht.

Daher sind mir alltägliche wie verfremdete religiöse Sprachspiele höchst verdächtig, sofern sie nichts (er-)klären, sondern nur behaupten. Sie sind sinn-los. Nur wer argumentiert, kann überzeugen.

Daher weisen aufgeklärte Menschen, Christen, Muslime wie Atheisten, die Anfrage: Was glaubst Du? zurück und entgegnen mit der Rückfrage, was mit dem Wort „glauben“ gemeint sei: unerklärtes, ungeklärtes, unerklärbares „meinen“ oder eine argumentativ begründete Überzeugung, die den Zweifel einschließt.

Überzeugungen werden im Gespräch verstehbar: sie entsprechen dem „beredten Schweigen“ (Oxymoron), sie klären auf, indem sie zwischen chronologischen Vorstellungen und kairologischen Erfahrungen unterscheiden.

Wer die Kunst der Unterscheidung leugnet, bleibt im Labyrinth des Aberglaubens und der Magie gefangen. Wer zu unterscheiden weiss, wer zu argumentieren vermag, der weiss um die Dynamik des Vorläufigen – beim Wahrnehmen wie Erkennen.

Die Potenz des menschlichen Bewusstseins, (alltägliche wie wissenschaftliche) Probleme zu lösen, ist vorläufig (provisorisch) wie vorausschauend (antizipativ) zugleich.

Ich differenziere zwischen drei Möglichkeiten (Potenzen) des Bewusstseins zu denken: das begreifende Denken, das poetische Denken (auch erzählendes Denken) und das utopische Denken.

Dem entsprechen drei verschiedene Sprachspiele: das logische Sprachspiel (auch mathematisches Sprachspiel), die erzählende Sprache (Poesie) und das utopische Sprachspiel (kairologische Erfahrungen jenseits von Raum, Zeit und Vergänglichkeit – im Gegensatz zu chronologischer Wahrnehmung bzw. Erkenntnis).

Wahrnehmen und Erkennen des homo sapiens am Ende des Anthropozän

sind aenigmatisch strukturiert („videmus nunc per speculum in aenigmate“, Ad Cor.I, 13, Paulus aus Tarsus, jüdischer Schriftgelehrte und griechisch sprechender antiker christlicher Philosoph).

 

Dr. Jürgen Schmitter M.A. Metelen, am 21. November 2023

Was ist der menschliche Geist (mind)? – Was ist Aufklärung (enlightenment)?

Was ist der menschliche Geist (mind)?

Was ist Aufklärung (enlightenment)?

Auf diese Fragen antworte ich zum argumentativen Gebrauch als Philosoph: Gemeint ist die Fähigkeit des homo sapiens, durch sein Bewusstsein zu denken und sich zu denken (Entwicklung des Selbstbewusstseins).

Am Anfang der Bewusstseinsbildung des homo sapiens steht die Gesprächsfähigkeit, die Kommunikation. Die Möglichkeit des Gespräches schafft Verständigung. Die Verständigung in der Menschengruppe und die Entwicklung des individuellen Bewusstseins sind seit Beginn des Lernens des einzelnen Lebewesens, also seit seiner Entstehung, in einer dauernden Wechselwirkung.

Die Möglichkeiten und Leistungen des Bewusstseins bezüglich seiner Inhalte lassen sich als gemeinsame Schnittmenge von Natur und Norm (der Kulturbildung) beschreiben. Die Fähigkeit zu denken ist von Anfang an ein Prozess des Verstehens und der Verständigung. Daher entwickelt sich die Bildung des Bewusstseins in der Form des Gespräches; sei es zwischen Mutter und Kind (schon vor der Geburt) oder in der Wahrnehmung der Umwelt.

Das Bewusstsein des Menschen hat drei zu unterscheidende Denkmöglichkeiten; diese drei Möglichkeiten (Potenzen) sind (zunächst) an der Entwicklung der menschlichen Sprache abzulesen:

  1. Sprachspiele, die logisch aufgebaut und rekonstruierbar sind; Grundlage ist das begreifende Denken.
  2. Sprachspiele, die erzählend/poetisch aufgebaut sind und zwischenmenschliche Erfahrungen zum Ausdruck bringen; ich spreche vom poetischen Denken.
  3. Sprachspiele religiöser Art, die ein theozentrisches Weltbild zur Voraussetzung haben und – gemäß des Projektes der Aufklärung – der Übersetzung auf der Grundlage heutiger anthropozentrischer Weltdeutung bedürfen, um ihre (existenzielle) Bedeutung in aenigmatischer Form zu erkennen.

Entweder sind religiöse Aussagen (auf theozentrischer Basis) Projektionen und/oder steckt in ihnen eine (verborgene) Botschaft in Form einer Utopie. Ich spreche in diesem Fall vom utopischen Denken.

Religiöse Sprachspiele bedürfen der Übersetzung, da sie mehrdeutig oder sinn-los sind. Sinnlos ist ein Sprachspiel, wenn es nicht kommunikativ ist.

Das Bewusstsein projiziert seine Raumerfahrung in eine Mehrzahl von Räumen (z.B. Erde, Himmel, Unterwelt). Es projiziert seine Zeiterfahrung (im chronologischen Sinn) in ein verursachtes oder erwartetes Ende (im Sinne der Apokalypse).

Demgegenüber verweist das utopische Denken – und die entsprechenden Sprachspiele – auf menschliche Erfahrung ausserhalb von Zeit und Raum, aber innerhalb der Denkmöglichkeiten des menschlichen Bewusstseins. Ich spreche daher von kairologischer statt chronologischer Erfahrung. Wenn von „Augenblick“ oder „Ewigkeit“ gesprochen wird, wenn Oxymora benutzt werden (wie z.B „Menschwerdung Gottes“), kann die Utopie der Erlösung gemeint sein. Da die Menschen sterblich sind, kann  „Erlösung“ nur in utopischer Weise gedacht und gesprochen werden (jenseits von Raum und Zeit).

Wie können die Potenzen des sterblichen Bewusstseins einheitlich – ohne Hilfe metaphysischer Konstruktionen – zusammengefasst werden?

Die einheitliche Aktivität des Bewusstseins – bei unterschiedlichen Denkmöglichkeiten – besteht darin, Probleme zu lösen (erfolgreich und wiederholbar). Diese Lösungen sind vorläufig (im doppelten Sinn: provisorisch und antizipativ), da die Schöpferkraft des homo sapiens begrenzt, sterblich ist.

Daher spricht Hannah Arendt davon, dass die Menschen sterbliche Schöpfer sind (1958/2000) (– und keine Geschöpfe).

Erlösung ist die Hoffnung allen Problemlösens; diese Konsequenz kann als (konkrete) Utopie gedacht und bekannt werden (im Sinne von bekennen).

 

p.s.

Problemlösungen (im weiten Sinn) können erinnert, gesammelt und „ausgelagert“ werden (Schrift,Papyrus, Buch, Bibliothek, Internet – AI); das ändert nichts an ihrer Vorläufigkeit und der Verantwortung (der homo sapiens als homo praestans).

Die jüdisch/christliche Bibel  kennt zwei grundlegende Erzählungen: die messianische Perspektive der Erwartung der Erlösung (in der konkreten Utopie des Erlösers/Messias) und die rückblickende Schöpfungsperspektive (Schöpfungsmythen/Paradiesvorstellungen). Für die jüdische Täuferbewegung in der Konsequenz der Prophetenreden ist das messianische Denken (die Erwartung des Messias) primär; der Rückblick auf die Schöpfung der Welt und die Erschaffung des Menschen sind sekundär.

Der Rückblick auf den Anfang setzt ein theozentrisches Weltverständnis voraus; Gott als Schöpfer, der Mensch als Geschöpf. Dieses Verständnis drückt sich in religiösen Sprachspielen aus (religo = Rückbezug).

Die Messias-Erzählungen sind zukunftsorientiert (Utopie der Erlösung; konkret: Messias-Utopie). Das messianische Denken kann daher auch in das anthropozentrische Weltbild integriert und übersetzt werden. In diesem Weltverständnis wird „Gott“ zu einer aufzuhebenden „Arbeitshypothese“ (so Dietrich Bonhoeffer); dennoch kann Erlösung (als Utopie) gedacht werden.

Diese Überlegung erlaubt mir einerseits beim Lösen von Problemen einen „methodischen Atheismus“ zu unterstellen, andererseits „Erlösung“ als konkrete Utopie zu denken und zu bekennen. Daher folgere ich: ein aufgeklärter Mensch (am Ende des Anthropozän) kann ein methodischer Atheist und zugleich ein aufgeklärter Christ sein.

Dieses Resultat ergibt sich auch, wenn ich das Programm der Aufklärung konsequent zu Ende denke und nicht mit Immanuel Kant (Was ist Aufklärung? 1783) beginne, sondern mit Erasmus von Rotterdam und seiner Korrektur des Prologs des Johannes-Evangeliums in der Vulgata-Übersetzung des Hieronymus: logos = sermo, nicht verbum; im Anfang war das Gespräch, nicht das Wort (vor 1518). Übrigens: Martin Luther kannte diesen Übersetzungsvorschlag von Erasmus in einigen seiner lateinischen Varianten, hat ihn aber bei seiner Übersetzung ins Deutsche nicht berücksichtigt.

Ich nenne meine vier Grundaussagen des universalen Programms der Aufklärung:

  1. Im Anfang war das Gespräch, die Kommunikation, nicht das isolierte, dogmatische Wort. (Erasmus von Rotterdam)
  2. Habe den Mut, dich deines Verstandes zu bedienen! (Mündigkeit/Autonomie/Verantwortlichkeit; der homo sapiens als homo praestans) (Immanuel Kant)
  3. Die Menschen sind sterbliche Schöpfer (nicht Geschöpfe); deswegen sind sie für den Erhalt der Welt und die Lebensbedingungen der Menschen verantwortlich. (Hannah Arendt)
  4. Die Menschen können und müssen nicht nur Probleme lösen, sie können Erlösung denken (als Umkehr und Befreiung von Zwang, Kult und Tod – in Form der konkreten Utopie). (Paulus aus Tarsus)