Diese Überschrift enthält eine sprachliche Verdoppelung: dem hebräischen messias entspricht das griechische Wort: christos. Das messianische Denken und die Erwartung des Messias entstammen der Prophetentradition der jüdischen Bibel, gemeinsame Quelle des heutigen Judentums und Christentums.
Schon über zweihundert Jahre vor der (sog.) Zeitenwende gab es – verstreut im Römischen Reich – jüdische Gemeinden, die auf den Tempel (mit der Bundeslade) in Jerusalem orientiert waren und die Bibel auf Griechisch – der damaligen Weltsprache – hören und lesen konnten (die sog. LXX). Schon damals – wie heute nach der Schoah – lebten mehr Juden in der Diaspora als in der römischen Provinz Palästina, bzw. im heutigen Staat Israel.
Zur Zeit der Zeitenwende, also vor über 2000 Jahren bildeten sich jüdische Täufergemeinden, die Jesus aus Nazaret als Messias bezeugten und im Sinne der Verheißung der Propheten damit den „klassischen“ Monotheismus des „Exodus“-Gottes des Volkes Israel aufhoben. Auch diese Überzeugung der „frühen Christen“ hatte eine Vorgeschichte: Nicht nur die erwartete „Gottesherrschaft“ (das „Königtum“ Gottes), sondern die weltweite Ausdehnung der menschlichen Verantwortung für die gesamte Schöpfung, symbolisiert durch den Regenbogen für den „ewigen Bund“ zwischen Gott und Noah – nach dem Ende der Sintflut.
Was bedeutet dieser Rückzug Gottes aus dem Weltgeschehen? Schon unter den Bedingungen des theozentrischen Weltbildes gilt die uneingeschränkte Autonomie des Menschen; seine globale Verantwortung und Verpflichtung, wie sie in den 7 Noachidischen Gesetzen der Talmud zum Ausdruck bringt.
Die jüdischen Gemeinden kennen keine Mission, denn der tribalistische Monotheismus ist aufgehoben; das messianische Denken ist (dank Noah) universal. Ich übersetze diese messianische Botschaft unter den Bedingungen der Aufklärung mit den Begriffen der Autonomie, der Befreiung, der Gleichheit – formuliert als Würde aller Menschen – und der Empathie zueinander.
Diese verpflichtende Aufgabe der Problemlösung steht unter der Dynamik des Vorläufigen und in der Utopie der Erlösung. Die Messias-Frage führt in den ersten Jahrhunderten zur Trennung und Spaltung der jüdischen Täufergemeinden im Römischen Reich. Die Spaltung verstärkt sich nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels (im Jahr 70 n. Chr.) und wird endgültig, nachdem Kaiser Konstantin die frühchristlichen Gemeinden, die Jesus aus Nazaret als Messias bezeugen, als Kirche staatlich anerkannt und angepaßt hat.
Die frühchristlichen Täufergemeinden im Römischen Reich – im 1. und 2. Jahrhundert verstehen und interpretieren die Messias/Christus-Botschaft noch vielfältig und unterschiedlich (und in Konkurrenz). Erst zu Ende des zweiten Jahrhunderts entwickeln sich drei Interpretationen zu einer gemeinsamen Lehre von „Jesus Christus“, bis hin zu den „dogmatischen“ Lehren bzw. Bekenntnis des Konzils von Nizäa (325). Bei dieser Entwicklung ist zu bedenken, dass die Kaiser die „Antreiber“ zu einer einheitlichen Lehre sind und viele Bischöfe bereits Staatsbeamte.
Zuvor hat es eine verbindliche Auswahl der Interpretationen/Zeugnisse gegeben, was es bedeutet, dass Jesus aus Nazaret der Messias/Christus ist: wie ist die „Menschwerdung Gottes“ – sprachlich ein Oxymoron – zu verstehen und zu bezeugen?
Die ausgewählten Spruchsammlungen, Berichte, Sendschreiben und Briefe werden verbindlich (Kanonsammlung) zusammengefügt und bilden das „Neue Testament“ und es entsteht – zusammen mit der hebräischen Bibel, dem Alten Testament, die christliche Bibel. Entscheidend ist, dass die Aussagen des NT auf die hebräische Bibel zurückgreifen und deren Aussagen interpretieren.
Leben und Tod des Jesus aus Nazareth als Messias werden – zusammengefasst – dreifach interpretiert:
° als Anbruch der Gottesherrschaft auf der Erde (das „Königtum Gottes“) in spezieller, unerwarteter Weise; zunächst chronologisch missverstanden (die sog. Naherwartung); zusammengefasst: die Theologie der Synoptiker.
° die Theologie des Johannes: dass Gott die (absolute) Liebe (agape) ist, die die menschliche Furcht austreibt; und von Beginn der Welt an Gott als Dialog, als Gespräch (logos) verstanden werden kann – und am Ende die Erlösung.
°Die Theologie des Paulus aus Tarsus, griechisch sprechender Schriftgelehrter, kein Augenzeuge des historischen Jesus, rückgreifend auf einen kenosis-Hymnus, der die „Entblößung“ und „Erhöhung“ des Messias Jesus bezeugt.
Erst zu Anfang des vierten Jahrhunderts – nach langen Streitereien – werden diese „Theologien“ oder Überzeugungen im „Nizänischen Credo“ zusammengefasst.
Dabei ist zu beachten, was in den 300 Jahren zuvor geschah:
° der Tempel in Jerusalem wurde im Jahr 70 n.Chr. durch Römische Truppen zerstört;
° Weitere Entwicklung jüdischer Gemeinden im Römischen Reich, die den messianischen Anspruch des Jesus aus Nazaret bestreiten und sich von den christlichen Täufergemeinden idelogisch abgrenzen (synagoge-ecclesia);
° nach Duldung und Verfolgung der christlichen Kirche Anerkennung des Christentums als „Staatskirche“ durch Kaiser Konstantin; Bischöfe werden Staatsbeamte;
° konsequente Bekämpfung von häretischen Lehren und verbindliche Formulierung über die „Natur“ Jesu Christi und die „Trinität“ Gottes (Konzil Nizäa 325).
Es bleibt die Frage, ob und wie die Messias-Botschaft der „Menschwerdung Gottes“ mit dem heutigen Weltbild eines einheitlichen Universums und dem Programm der Aufklärung zusammen gedacht werden kann; oder anders gefragt: Kann, und wenn ja, wie die Bedeutung
der Messias-Botschaft in die (existenzielle) Erfahrung aufgeklärter Menschen übersetzt werden?
Die Übersetzung ist möglich und notwendig, da auch nach kirchlich-theologischer Meinung die christliche Bibel keine Wortoffenbarung ist, sondern der Auslegung bedarf. Schon die Predigt des historischen Jesus besteht zum größten Teil aus Interpretationen der hebräischen Bibel (vgl. das Gebot der Nächstenliebe).
Ich beziehe mich bei meinem Versuch der Zusammenschau von Aufklärung und Messianismus auf das Spätwerk des jüdischen Philosophen Hermann Cohen, gestorben 1918, Hochschullehrer in Marburg, sog. „Neukantianer“, der in seiner Religionsphilosophie das messianische Denken der Propheten der Bibel bearbeitet. In seinem Sinne ist auch mein Denkversuch der Übersetzung des trinitarischen Monotheismus:
° die Probleme dieser Welt können und müssen ohne die sog. „Gotteshypothese“ gelöst werden. Diese Einsicht ergibt sich schon aus der Noah-Erzählung und dem ewigen Bundesschluss. Dietrich Bonhoeffer formuliert sie in seinen Gefängnisbriefen. Ich nenne diese Einsicht den „methodischen Atheismus“ – im Gegensatz zu einer atheistischen Weltanschauung.
° Unser heutiges Weltbild kennt nur ein Universum, aber das menschliche Bewusstsein unterscheidet zwischen Erkenntnissen, die chronologisch (in Raum und Zeit) begriffen werden, und existenziellen Erfahrungen, die sich sprachlich in Oxymora ausdrücken lassen. Kierkegaard hat den Unterschied von Erfahrung und Erkenntnis herausgearbeitet. Sprachliche Ausdrücke wie „das beredte Schweigen“, aber auch messianische Sprachspiele wie die „Menschwerdung Gottes“ oder das „Ewige Leben“ oder das „Jüngste Gericht“.
° Die Struktur menschlichen Denken und Handelns ist der lebenslange Lernprozess mit dem Ziel (formal), Erkenntnis und Erfahrung zu gewinnen, um urteilen zu können, und (inhaltlich), Probleme zu lösen.
° Problemlösungen, individuell oder gesellschaftlich, sind vorläufig, d.b. sie müssen überprüfbar und kontrollierbar sein, um verantwortlich bzw. erfolgreich sein zu können; ich spreche daher von der „Dynamik des Vorläufigen“.
° Der innere Antrieb für dieses Ziel ist die Hoffnung auf Erlösung. Sie ist nur als Utopie erfahrbar und beschreibbar; ich spreche von der „Utopie der Erlösung“. Sie ist (einzig) erfahrbar als Aufhebung des Vorläufigen, des Endlichen, der Sterblichkeit der Natur. Als Erfahrung jenseits von Raum und Zeit ist Erlösung als Utopie denkbar.
° Diese Struktur, wie sie sich konkret in der messianischen Zusage der Propheten der hebräischen Bibel zeigt (die Erlösung der Welt), ist als Utopie beschreibbar und mitteilbar (Zeugnis).
° Diese Struktur bedeutet auch, Erlösung kann nicht durch menschliche Arbeit oder Leistung hergestellt oder erzwungen werden; sie ist nur als „Gabe“ (Geschenk) denkbar.
° „Selbsterlösung“ ist zwar als Wort formulierbar, aber im strengen Sinn nicht denkbar, da sinn-los.
Damit ist für mich (im Bereich der Religionsphilosophie) die Grenze meines Denkversuches erreicht. Ob die Theologie des Christentums verständliche und verstehbare Aussagen zur konkreten Utopie der Erlösung vornehmen kann, lasse ich unbeantwortet. Abwehren muss ich alle theologischen Versuche, die Möglichkeiten des menschlichen Bewusstseins – über das utopische Denken hinaus – zu erweitern. Das ist nicht nur sinn-los, sondern für die menschliche Urteilskraft gefährlich.
Es besteht daher – theologisch gesehen – die Gefahr, die durch das Denken der Aufklärung und ihre Religionskritik seit langem analysiert wurde, dass
messianisches Denken in Aberglaube, Zauberei und Massenbetrug umschlagen (Beispiele: Eucharistie(Danksagung) in Kannibalismus, Umkehr(metanoia) in Zauberei).
Mit diesem Denkversuch versuche ich zu zeigen, dass Erlösung gedacht werden kann, als menschliche Erfahrung in der Form der Utopie.
Dr. Jürgen Schmitter M.A.(Philosophie)
Literaturhinweis:
Jürgen Schmitter: Aufklärung unter dem Regenbogen, Münster in Westf. , 2026 (agenda Verlag, 19,90 EUR); erscheint im Frühjahr 2026
